Wunderschön: "Ich habe für diesen Film zehn Kilo zugenommen. Ich wollte, dass jeder Riss auf meinem Hintern echt ist."

Wie fühlt sich eine Mama mit zwei kleinen Kindern, wie eine fast 60-jährige Frau, wie ein Model? Allesamt: nicht schön. Der Film Wunderschönerzählt Wahres. Wir wollten von den Frauen dahinter wissen, was sich ändern muss.

Wunderschön Film

Nicht nur einmal musste ich während dieses Films weinen. Das kann natürlich total an mir liegen – oder aber auch an der feinen Linienführung des Films. Denn genauso oft durfte ich auch herzhaft auflachen (danke, Nora Tschirner, dafür!). Die deutsche Produktion Wunderschön ist seit Kurzem in unsere Kinos, und selten habe ich mich auf einen Film so gefreut. Warum? Weil er ein Thema auf ironisch-tragische Weise behandelt, mit dem einfach jede Frau konfrontiert ist: dem immer noch absurden Schönheitsideal und seinen gesellschaftlichen Vorgaben an Frauen in jeder Lebenssituation. Deshalb hat sich die WIENERIN bemüht, Regisseurin und Schauspielerin Karoline Herfurth dazu zum Interview zu bekommen. Voilà! Hat geklappt. Und ihre Kollegin Emilia Schüle hat sie netterweise auch mitgenommen. Wir treffen uns via Zoom, was dieser Tage schon ein bisschen normal ist, und verbringen eine angeregte und extrem feministische Interviewstunde. Spoiler: Karoline Herfurth nahm die Authentizität ihrer Rolle als junge Mutter wirklich sehr ernst und veränderte ihren Körper, weil sie wollte, dass "jeder Riss am Hintern und jeder Speck so echt wie möglich ist".

Karoline, du führst in Wunderschön Regie, spielst aber auch – nämlich eine junge zweifache Mutter, die mit dieser Rolle recht alleine bleibt, während ihr Ehemann seine Beförderung feiert. Es ist quasi ein klassisches Setting, wie es in Deutschland und Österreich ja noch oft der Fall ist. Warum hast du diese Mutter in dem Film so zentral platziert?

Karoline Herfurth: Sonja ist für mich eine Figur, in der der gesellschaftliche Selbstoptimierungsdruck und das klassische Setting von Eltern aufeinandertreffen. Das generelle Ungleichgewicht, das wir gesellschaftlich haben, nimmt statistisch gesehen zu, wenn Mann und Frau Eltern werden. Zu dieser gesellschaftlichen Entwertung von Frauen kommt eine körperliche hinzu. Der Körperdruck wird massiv und teils sehr aggressiv über dieses Thema bespielt, Stichwort After-Baby-Body. Deshalb musste dieser Aspekt von Schönheitsdruck mit hinein, der Moment im Leben dieser jungen Mutter, an dem sich ihr Körper so massiv verändert – und die eigene und äußere Wahrnehmung dessen. Man nennt die Familie ja weitläufig auch die „Zelle der Gesellschaft“, und ich finde, man kann an ihr auch tatsächlich vieles ablesen.

Karoline, wir kommen dann gleich noch mal auf deine eigene körperliche Veränderung für diese Rolle zurück; jetzt aber erst mal zu dir, Emilia. Du spielst Julie, ein Model, das auf selbstzerstörerische Weise dem Schönheits­ideal nacheifert. Was hat dich da­ran gereizt?

Emilia Schüle: Woran mich Julies Geschichte erinnert hat, war ein Gefühl, das ich selbst hatte, wenn auch nicht auf so selbstzer­störerische Weise, nämlich ein Gefühl aus meiner Jugend. Das, was jeder Teenie durchlebt, sind diese kaputten, widersinnigen Körperbilder, die Weiblichkeit demonstrieren und mit denen man sich selbst zu null Prozent assoziieren kann – und sich dann minderwertig fühlt. Ich etwa war 1,65 Meter groß, pickelig und hatte keine 90–60–90. Ich habe mich natürlich nicht schön gefunden.

Jeder Teenie durchlebt diese ­kaputten, widersin­nigen Körperbilder von Weiblichkeit.

Als Julie machst du im Film etwas Radikales: Du rasierst dir die Haare ab und wirst dann – zumindest fürs Erste – erfolgreich. Für mich sind da zwei absurde Dinge zusammengekommen: einmal die Normierung, die gewünscht ist, und dann aber doch auch wieder diese Einzigartigkeit, nach der der Markt oder wer auch immer sucht. Was denkst du über diese Zerrissenheit?

Emilia: Das Abrasieren der Haare war ein Akt der Verzweiflung, das ist aus ganz großem Selbsthass passiert und ich denke, sie hat nicht erwartet, dass sie dadurch erfolgreich sein würde. Sie konnte sich selbst einfach nicht mehr ansehen, weil alles, was sie sah, in ihren Augen falsch war.

Karoline: Für mich war es wichtig, mit Julie zu zeigen, dass sie eine rein äußerliche Veränderung vornimmt, durch die sie als "stark" und "sehr selbstbewusst" wahrgenommen wird und damit erfolgreich ist – völlig unabhängig davon, ob sie tatsächlich stark und selbstbewusst ist. Ihre echte Verfassung ist das genaue Gegenteil. Es geht nur um den Schein. Was ich spannend finde, ist, dass Worte wie innere Stärke, Selbstliebe oder Selbstbewusstsein so missbraucht werden. Es wird nur davon geredet und die Worte dabei dafür benutzt, ein bestimmtes Aussehen zu präsentieren.

Der ganze Film dreht sich ja um die Frage "Was ist schön?". Idealisiert wurden Frauen-, aber auch Männerkörper in der Gesellschaft immer schon. Was denkt ihr, welchen Anteil an diesem Teufelskreis haben dabei auch Frauen?

Karoline: Ich denke, einen großen. Jedenfalls habe ich definitiv dazu beigetragen; mindestens, indem ich daran geglaubt habe, mein Aussehen an ein Ideal anpassen zu müssen, und stolz darauf war, wenn es geklappt hat. Indem es einfach zu einer Priorität gemacht wird.

Wenn sich jemand öffentlich zeigt mit dem "perfekten" Bauch, oder halb nackt, um die "perfekten" Beine zu zeigen, fühle ich mich jedes Mal dazu aufgefordert, zu klatschen. Auch Frauen­zeitschriften werden weniger von Männern verantwortet, oder? Und Heidi Klum ist auch eine Frau.

Es wird ein unerreichbares Ideal kre­iert und eine Sehnsucht geschaffen, die meist nur dazu führt, dass Produkte konsumiert werden, die einem vermeintlich dabei helfen sollen, so zu werden wie in der Werbung. Es geht einfach um Geld. Stellt euch mal vor, alle Menschen wären tatsächlich selbstbewusst – wer soll denn die ganzen Cremes kaufen?

Wunderschön Film

Ja, verstehe. Aber Frage zurück an die Regisseurin in dir: Du bist ja selbst in einer machtvollen Position. Du machst Filme, bist einflussreich. Aber Filme zu machen soll am Ende ja auch Geld einspielen. Wie schwer ist es also, einen quasi antikapitalistischen Film wie diesen zu finanzieren?

Karoline: Ich hatte den Vorteil, dass mein Chef Lust hatte, über dieses Thema einen Film zu machen – weil es einfach eine große Frage ist, die sehr viele Menschen beschäftigt. Ich glaube, dass dieser Körper- und Optimierungsdruck einfach viele von uns umtreibt. Ich möchte nicht, dass die Kinder der Zukunft mit diesen Bildern aufwachsen, wie wir sie beschreiben und mit denen auch ich aufgewachsen bin. Sie sollten sich Fragen stellen wie: Was kann ich, was macht mich stark und wer bin ich? Und nicht: Wie soll ich sein, wie soll ich aussehen und was muss ich erfüllen?

Emilia, du bist mit 27 Jahren selbst Teil einer Generation, die eben eine andere Erzählung sucht – wie weit ist denn deine Generation bereits?

Emilia: Ich erlebe momentan das Gefühl, dass viele denken, wir ­seien schon so wahnsinnig weit, weil wir haben ja 2020, aber ich kann nur permanent den Kopf schütteln – eben weil ich so schockiert bin, wie wenig dann doch passiert. Ich denke, #Metoo war ein Augenöffner, weil man sich erlaubt hat, alles noch mal neu zu bewerten, doch ich habe diesen Moment noch genau in Erinnerung, weil es sehr frustrierend war: Ich habe mir noch mal alle Rollen angesehen, auf die ich so stolz war, und dachte: "Oh mein Gott! Jede meiner Rollen definierte sich über einen Mann!"

Ich war von einem Tag auf den anderen schockiert, und dieses Gefühl zieht sich bis heute durch. Und dann schaut man in die Literatur und denkt sich: "Ja, was gibt es denn jetzt wirklich für Geschichten über Frauen, die man vielleicht verfilmen könnte?" Und dann geht’s gleich weiter und man schaut sich den Gender-Pay-Gap an – und daher lebe ich in großem Staunen und auch in einem Horror darüber, wo wir uns eigentlich befinden.

Karoline, noch mal zu dir: Im Film gibt es auch die fast 60-jährige Frauke (Martina Gedeck, Anm.), die gegen ihre Unsichtbarkeit als ältere Frau kämpft. Es gibt eine Netflix-Serie, die heißt Grace and Frankie, mit zwei älteren Frauen (Jane Fonda und Lily Tomlin, Anm.). Ich finde, das sind ganz gute Role Models für das Älterwerden – warum gibt es das im deutschsprachigen Raum nicht?

Karoline: Die Serie habe ich nicht gesehen, aber gerade was das Thema Körperdruck betrifft, finde ich das Bild aus Amerika echt erschreckend. Ich sehe einfach sehr ­viele ­operierte Frauen, auf den Punkt gebracht. Selbst Jennifer Aniston, die mein absolutes Idol ist, habe ich kürzlich gesehen, und das, was sie immer konnte, nämlich über einen Blick alles zu sagen, geht nicht mehr, weil ihr Gesicht ihr nicht mehr zu gehorchen scheint. Die Information kommt nicht mehr durch.

Und dann sehe ich ein Bild von der älteren Astrid Lindgren und finde: Das ist eine völlig andere Kraft. So wünsche ich mir das Altwerden! Und so, wie ich wollte, dass ich im Film meine echte Haut zeige, wünsche ich mir, auch im Alter auf jemanden schauen zu können, der echt ist.

Genau, du zeigst im Film viel Echtes von dir – jede Frau, die ein Kind bekommen hat, wird sich davon abgeholt fühlen. Was war deine Absicht dahinter?

Karoline: Ich habe für diesen Film zehn Kilo zugenommen, weil ich ja gerade nicht in der Situation war, acht Monate vorher ein Baby bekommen zu haben, aber ich wollte, dass jeder Riss auf meinem Hintern und jeder Speck, den man sieht, echt ist. Ich wollte so wahrhaftig wie möglich sein – damit die nächste Generation mit anderen Bildern aufwächst.

Der Film

Wir alle – und besonders Frauen – sind Opfer des Optimierungswahns. Und dabei ist es fast egal, wie Frauen gerade aussehen, denn "passend" sind sie ja quasi nie. Der Film Wunderschön erzählt fünf Geschichten über fünf Frauen in fünf unterschiedlichen Lebenssituationen – oft tragisch, genauso oft komisch und sehr nah an der Realität. Schauspielerin Karoline Herfurth führt in Wunderschönauch Regie, es ist ihre dritte Regiearbeit. Besetzung: Nora Tschirner, Martina Gedeck, Emilia Schüle, Friedrich Mücke und Maximilian Brückner. Aktuell im Kino.

 

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