Wrestling: Wie Frauen mit Geschlechterrollen brechen

"Es ist eine aufregende Herausforderung, mich in einem männerdominierten Umfeld behaupten zu müssen", sagt Thekla, die als The Toxic Spider im Ring kämpft - auch gegen Rollenklischees.

Thekla The Toxic Spider

"Als Rampensau, die ich nunmal bin", – ob in Punk Bands oder als Künstlerin – sei der Weg vom Publikum in den Ring nur logisch gewesen, so Thekla. Eine einzige Show hat es gebraucht, um sie anzufixen: "Es war verrückt, eine Reizüberflutung aus Showkampf, Musik und Comedy." Heute ist sie es, die als The Toxic Spider genau das dem Publikum bieten will.

WIENERIN: Du lernst jemanden neu kennen und erzählst, dass du Wrestlerin bist: Wie ist die Reaktion?

Thekla: Wer mich kennt, weiß, dass ich sehr viele ‚unkonventionelle’ Sachen mache, davon ist Wrestling nur ein Teil, der sich in meine sonstigen Tätigkeiten als Künstlerin gut einreiht. Die, die mich neu kennenlernen, wissen oft nicht so richtig, was sie damit anfangen sollen. Natürlich denken auch einige, dass das Kämpfen nichts für eine Frau ist aber ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem mir sehr wenig Grenzen gesetzt wurden. Ich mache mir keine Gedanken darüber ob sich das als Frau schickt oder nicht. Es ist eine aufregende Herausforderung mich in einem männerdominierten Umfeld behaupten zu müssen, aber das ist für mich auch nichts Neues.

Gibt es dennoch Mythen und Vorurteile, mit denen du gerne aufräumen würdest?

Dass Wrestling gescriptet ist, sorgt nach wie vor immer wieder für Diskussionen. Viele Leute denken, dass ja sowieso alles abgemacht ist und der Sport weder weh tut noch zu echten Verletzungen führen kann. Tatsächlich kommen nur wenige nach dem ersten Wrestling Training wieder, weil das allein schon ziemlich hart ist. Klar, Wrestling ist kein Wettkampf im herkömmlichen Sinne aber wer heutzutage nicht weiß, dass Boxkämpfe zum Großteil auch "gekauft" sind, der hat sowieso keine Ahnung wo der Bartl den Most holt.

Ein Skript tut einem Kampf also keinen Abbruch?

Der Sport ist sowohl in körperlicher als auch in kreativer Form extrem fordernd. Dabei gibt es eigentlich kaum Regeln und die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt immer wieder, sodass es auch als Profi manchmal gar nicht so einfach ist zu erkennen was echt und was gestellt ist.

So oder so: Wenn eine Geschichte gut erzählt wird und es dabei auch noch Action, Show und Drama gibt, dann ist mir das völlig egal, ob die Geschichte erfunden ist oder nicht. Sie berührt mich, das sind echte Emotionen.

Natürlich freue ich mich, wenn ich mit den Kollegen auf Augenhöhe bin, etwas anderes würde ich auch nicht akzeptieren. Sich bloß von niemandem reinreden lassen!

von Thekla

Wrestling untergräbt traditionelle Rollenzuschreibungen. Ist der Sport für dich auch ein feministischer Akt?

Ja, es gibt zum Beispiel die Liga Pro Wrestling EVE in England, die als reine Frauenpromotion auch politisch laut ist; sprich Feminismus, Queerness, Underground und Punk kombiniert mit Wrestling. Die sind super! Bei denen mal mitmischen zu dürfen gehört definitiv zu meinen Zielen.

Wrestling würde ich für mich nicht zwingend als feministischen Akt im Sinne von Aktionismus oder Aktivismus definieren, weil ich Wrestling in erster Linie als Sportlerin und Künstlerin betreibe. Ich fühle mich nicht befreit, weil ich das als Frau mache, sondern weil es mich als Mensch glücklich macht. Natürlich freue ich mich, wenn ich mit den Kollegen auf Augenhöhe bin, etwas anderes würde ich auch nicht akzeptieren. Aber was mir wirklich Freude bereitet ist wenn Frauen und Mädels im Publikum nach der Show zu mir kommen und sagen, sie würden auch gerne Wrestling oder Kampfsport machen, in einer Punk Band spielen oder irgendetwas anderes machen, das derb ist, Spaß macht und auf den ersten Blick vielleicht nicht so aussieht als ob es den "klassisch-weiblichen Gender-Normen" entsprechen würde. Sich bloß von niemandem reinreden lassen!

then let's kick this off with a classic

Ein Beitrag geteilt von Thekla テクラ (@toxic_thekla) am

Wie wichtig ist die Optik bei deinen Kämpfen? Die Outfits sind eng und knapp - aus sportlicher Sicht nachvollziehbar. Hat das nichtsdestotrotz auch etwas mit Sexualisierung zu tun?

Also grundsätzlich werden hier alle sexualisiert. Mir macht das auch Spaß wenn ich den männlichen Kollegen beim Kämpfen zusehe, die haben oft nicht mehr als ein enges Höschen an. Klar, die Optik ist bei diesem Sport ganz wichtig. Die Leute erwarten von uns, dass wir nicht nur "coole Moves" draufhaben, sondern auch stark sind und idealisierte Körper haben. Unser Körper ist unser Kapital. Wir trainieren, damit wir fit werden und uns beim Kämpfen nicht verletzten - und plötzlich bekommt man vom vielen Pumpen einen tollen Körper! Auf den ist man stolz weil man da viel Arbeit reingesteckt hat und den möchte man dann natürlich auch herzeigen. Dementsprechend werden die Trikots immer knapper damit auch alle schön sehen können, wie der neue Sixpack im Scheinwerferlicht seine Schatten wirft. So ist es bei mir zumindest gewesen.

Niemand zwingt mich, enge schwarze Ledershorts anzuziehen, aber wenn ich etwas anderes anhätte, bin ich mir sicher, dass ich letztendlich sowieso durch mein Können und nicht mein Aussehen überzeuge. Trotzdem sollen alle Wrestler und Wrestlerinnen anziehen, was sie wollen: Vielfalt in Aussehen, Kampfstil und Charakter sind ausschlaggebend für ein gelungenes Gimmick.

Gewonnen haben wir beim Wrestling nur, wenn das Publikum unterhalten ist und sich dabei niemand verletzt hat.

von Thekla

Was ist für dich ein "gelungenes Gimmick"? Welches Gefühl hast du während einem Kampf?

Adrenalin pur. Davor, währenddessen und danach noch für einige Zeit. Während einem Kampf bekomme ich sehr wenig mit, weil man sehr konzentriert arbeiten muss und ich da alles um mich herum ausschalte.

Es ist natürlich immer ein gutes Gefühl, einen Kampf zu gewinnen und bejubelt zu werden. Man kann aber auch sehr schön scheitern - es gibt unzählige Arten, mit Stil zu verlieren. Gewonnen haben wir beim Wrestling sowieso wirklich nur dann, wenn das Publikum unterhalten ist und sich dabei niemand verletzt hat.

Als Wrestlerin bin ich Sportlerin, Performerin und Stunt Performerin. Abhängig davon, was ich meinem Publikum vermitteln möchte, kann sich die Art meiner Rolle dann verändern. Vielleicht habe ich mal einen eher freundschaftlichen Kampf, in den bauen wir ein paar Comedy-Momente ein und zeigen unser akrobatisches Können. Ein anderes Mal geht es um einen Championship-Titel und der Kampf kann zu einem sehr ernsten Kräftemessen werden. Und manchmal muss ich gar keinen Finger krümmen, da gehe ich einfach raus und beleidige das Publikum. Wenn mich alle ausbuhen und beschimpfen ist meine Arbeit als Wrestlerin in dem Fall schon getan. Der springende Punkt ist das Publikum: Wenn die unterhalten sind und zufrieden nach Hause gehen, habe ich meinen Job gut gemacht.

Du sagst selbst in einem Podcast (hier): "Man glaubt die Schmerzen hören auf mit der Zeit, tun sie aber nicht." Viele kommen nach dem ersten Training nicht mehr wieder. Warum machst du's trotzdem weiter?

Wrestling ist für mich zu einer Leidenschaft geworden. Da steckt das Leid schon drinnen. Wenn man etwas gut machen möchte, muss man auch Opfer bringen - manchmal bis es eben weh tut. Das ist bei allen Dingen so, nicht nur beim Wrestling. Natürlich schwebt da auch immer eine gewisse Angst vor Verletzungen oder Versagen mit. Aber man lernt damit und auch mit dem körperlichen Schmerz umzugehen. Und das was ich von den Kollegen und Kolleginnen, vom Sport und vom Publikum zurückbekomme, ist es wert nach der Arbeit mit ein paar blauen Flecken nach Hause zu gehen.

 

Aktuell