Wozu Frauentag? Wir haben doch schon alles erreicht!

Wer sich in diesem Land als Feministin „outet“, bekommt oftmals zu hören: „Wir haben doch schon alles erreicht.“ Dass das ganz und gar nicht stimmt, sollte uns vor allem am heutigen Frauentag bewusst werden.

Am heutigen Frauentag rückt ein Thema in den Fokus aller Medien: die Gleichberechtigung der Geschlechter. Dass sich die meisten heute – und nur heute – für das Thema interessieren, sei einmal dahingestellt. Dieses Jahr war in Sachen Frauenrechte trotzdem ein sehr spannendes. Das Thema Gewalt gegen Frauen ist wegen der Übergriffe in der Kölner Silvesternacht plötzlich ins Rampenlicht aller Medien gerückt. Was eigentlich eine gute Sache ist, doch stellten sich die pseudo-feministischen Zwischenrufe schnell als hetzerische Propaganda heraus. Das heißt: Frauen wurden wieder einmal für andere Zwecke instrumentalisiert, ihre Rechte mit Füßen getreten. Denn um Frauenrechte ging es ja auch nie.

Wir sind wieder dort, wo wir schon einmal waren


Dennoch scheint es mittlerweile einen Konsens darüber zu geben, dass sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum ein echtes Problem ist, dass auch Gewalt gegen Frauen gar nicht so wenige betrifft und dass die Einkommensschere real existiert. Frauen verdienen in Österreich fast ein Viertel weniger als Männer - damit belegen wir den glorreichen vorletzten Platz in der EU.

Trotzdem hört man immer wieder: „Wozu Feminismus? Wir haben doch schon alles erreicht!“ Gar nicht so selten kommt dieser Satz auch von Frauen. Und sie glauben wirklich, dass sie alle ihre Entscheidungen im Leben frei treffen können. Doch die Freiheit, die sie glauben zu besitzen, ist nur eine vermeintliche. Eine des Konsums und eine, die mit gesellschaftlichen Zwängen belastet ist.

Neue Zwänge, alte Muster


Die Kommunikationswissenschafterin Angela McRobbie stellt in ihrem Buch „Top Girls“ genau diese Theorie auf: in einer Welt von Bridget Jones und Heidi Klum werden Frauen in neue, neurotische Abhängigkeiten gedrängt und so wieder einmal vor allem eins: unterdrückt. Wer ,frei’ wählt, wählt immer innerhalb des System, das bereits existiert. Unsere Körper, unsere Kleidung, unsere Haare, unsere Gebärmutter – all das wird noch immer von einer Industrie und einer Gesellschaft kontrolliert, die Frauen ständig einredet, wie sie auszusehen haben, wie sie sich zu verhalten haben, was sie zu sagen haben.

Frauen sollen Geld verdienen, gleichzeitig ihre Kinder bestmöglich erziehen, daneben so unabhängig wie möglich sein, und außerdem ihre Körper perfektionieren. Ja, heute arbeiten mehr Frauen als früher – aber meist in Teilzeit, schlecht bezahlt und prekär. Und trotzdem erledigen sie immer noch 80 Prozent der Haus- und Sorgearbeit. Diese bleibt oft unsichtbar und immer unbezahlt.

Die große Scheinwelt der Gleichberechtigung


Dahinter liegt leider oft der Gedanke: „Wir haben es uns ja so ausgesucht“. Viele Frauen glauben, dass sie sich selbst kontrollieren. In Wirklichkeit ist diese erzwungene Selbstkontrolle ein Produkt einer männerdominierten, kapitalistischen Welt – sie macht Frauen zu den perfekten Konsumentinnen in einer Scheinwelt der Gleichberechtigung. Das größte Ziel ist die Selbstoptimierung. Und wer es nicht schafft, ist in unserer Leistungsgesellschaft gescheitert. Ist Verliererin, Außenseiterin, eine Null.

Denn: wo sind die Frauen, die keine Kinder haben und nicht dafür gerügt werden? Wo die Frauen, die mit mehreren Männern schlafen, ohne „Schlampen“ geschimpft zu werden? Und wo die Mütter, die Vollzeit arbeiten gehen und nicht als „Rabenmütter“ gelten? Wo sind jene, die nicht arbeiten wollen? Wo sind einfach die Frauen, die sich nicht für alles, was sie in ihrem Leben machen, ständig rechtfertigen müssen?

Wir bekommen sowieso Blumen und Lippenstifte


Und anstatt dass Frauen zusammenhalten, kämpfen sie gegeneinander. Sie beobachten und beurteilen sich ständig gegenseitig. Weil ihnen der Konkurrenzkampf anerzogen wird. Weil ihnen gesagt wird, sie müssen besser sein als die anderen, damit sie etwas sind und – Männern – gefallen.

Frauen wird eingeredet, sie könnten alles schaffen, damit sie nicht draufkommen, dass das eigentlich ein großes neoliberales Märchen ist. Ihnen wird gesagt, sie hätten die unendliche Wahlfreiheit, damit sie nicht merken, dass damit eigentlich die neuesten Produkt-Trends gemeint sind. Ihnen wird versprochen, dass sie nur hart arbeiten müssen, um erfolgreich zu sein, damit die vielen Männer in Führungspositionen "reiner Zufall" bleiben. Frauen werden also wieder an ihre Plätze verwiesen – und merken es nicht einmal. Weil sie zum Frauentag eh Lippenstifte und Blumen bekommen.

Wir wollen keine Pseudo-Macht, sondern echte Gleichstellung


Dabei vergessen wir vor allem auch auf die Unterschiede zwischen Frauen, auf die Frauen, denen ihre Aufstiegschancen nicht in die Wiege gelegt wurden. Denn wir sind nicht alle gleich. Die soziale Schicht, die Herkunft, die Sexualität – all diese Dinge haben auf jede von uns Auswirkungen, verschränken sich zu sogenannten „Achsen der Differenz“.

Und hinter diesem neuen Lifestyle-Feminismus steckt immer der männliche Blick. Ja, du darfst Feministin sein – aber bitte nur so, wie ich es erlaube. Freiheit, Eigenverantwortung, Fortschritt – das sind Werte des Kapitalismus, nicht des Feminismus. Denn es sind keine echten Freiheiten, sondern jene, die ins System passen. Wer sich außerhalb dieser starren Muster bewegt, ist eine Verliererin.

Wenn wir heute am Frauentag einen Feminismus leben sollten, dann sollte er vor allem politisch, solidarisch und verantwortungsvoll sein. Und auf keinen Fall bequem. Denn wir haben leider noch nicht alles erreicht. Ganz im Gegenteil: wir erleben sogar einen Rückschritt - auf dem Rücken der vermeintlichen Freiheit vergessen wir, was noch alles zu tun ist. Liebe Frauen, gebt euch nicht mit Pseudo-Macht und falscher Selbstermächtigung zufrieden. Kämpft weiter! Für euch und für alle Frauen, die noch kommen werden.

 

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