Words can change your brain

"Sie sind schwanger", "Ich verlasse dich","Schuldig" oder "Ja, ich will" - manchmal braucht es nicht mehr als ein paar Worte, und das L(i)eben ist nicht mehr so, wie es nur Sekunden zuvor noch war. Woher nimmt Sprache diese Macht? Und wie können wir diese Kraft positiv für uns nutzen?

Ihr Ein-Satz, bitte!

"Die Sätze, die uns nötig sind, finden früher oder später zu uns", hat der ungarische Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész einst geschrieben. Und tatsächlich hat fast jede(r) eine Art "Mantra" oder Lebensmotto, das ihn durch das Leben oder zumindest einige Monate begleitet. Andrew Newberg, Hirnforscher und Autor von Words can change your Brain, erklärt, wie uns die richtigen Worte zur richtigen Zeit helfen können.

Doktor Newberg, in Ihren Studien haben Sie bewiesen, dass Worte biochemische Reaktionen im Körper auslösen können ...

So ist es. Wir merken das deutlich, wenn jemand mit uns spricht: Es ist zum Beispiel ein messbarer und auch körperlich spürbarer Unterschied, ob uns jemand einen Lügner nennt oder uns einfach nur darauf hinweist, dass wir mit etwas falsch liegen. Manche Worte gehen sozusagen durch Mark und Bein, andere lassen uns buchstäblich kalt oder rühren uns zu Tränen.

Sie behaupten gar, Worte seien das mächtigste Instrument, über das wir Menschen verfügen ...

Es heißt, Taten sagen mehr als Worte. Und ja: Oft ist das, was wir so von uns geben, tatsächlich nur eine hohle Phrase. Deshalb vergessen wir oft, welche Macht schon simple Sätze haben können, ja sogar einzelne Wörter. Dabei haben wir alle schon mal erlebt, wie lebensverändernd ein "Ja, ich will" oder ein "Wir passen einfach nicht zusammen" wirken kann. Ein "Nein" kann über das Schicksal von Menschen und Völkern entscheiden und ein "Ja" unsere Gedanken, Einstellungen und Beziehungen beeinflussen. Worte können uns helfen, einen neuen Job zu finden, eine glückliche Beziehung oder den Weg nach Hause. Deshalb sollten wir sehr bewusst damit umgehen, was wir so über unsere Lippen lassen.

Der biochemische Effekt, von dem Sie sprachen: Reagieren wir so nur auf Aussagen anderer oder auch auf die inneren Dialoge, die wir so oft mit uns selbst führen?

Das macht keinen Unterschied. Doch dass wir uns auch mit unseren eigenen, inneren Dialogen selbst angreifen oder aufbauen (können), ist den meisten Menschen kaum bewusst. Ihnen ist nicht klar, dass sie mit ihrer Wortwahl entscheidend zu ihrem Wohlbefinden und Unbehagen beitragen. Wir konnten in Hirnscans und bei Untersuchungen von Hormonen im Blut aber klar zeigen: Es macht einen großen Unterschied, ob wir etwa "Ich bin am Boden zerstört" sagen beziehungsweise denken oder aber

"Ich rappel mich wieder auf". Die Wortwahl trägt deshalb entscheidend dazu bei, wie wir uns fühlen.

Wie können wir diese Kraft der Worte nutzen, um in unserem eigenen Leben positiven Wandel zu initiieren?

Wir müssen uns diese Kraft klarmachen. Und dann anfangen, sie bewusst zu nutzen. Genau da liegt aber das Problem: Die meisten Menschen haben ein sehr eingeschränktes Vokabular und verwenden in ihrer Kommunikation kaum mehr als 300 verschiedene Wörter. Theoretisch hätten sie, um eine Situation oder ihre Gefühle zu beschreiben, 500.000 in ihrer Muttersprache zur Verfügung. Und selbst, wenn sie sprachlich quasi mal weiter ausholen, nutzen sie nur 0,5 Prozent des Wortschatzes. Das schränkt nicht nur ihre Ausdrucksfähigkeit, sondern auch ihre Wahrnehmung und Emotionalität ein.

Woher kommen diese Wortschatzscheuklappen?

Unser Hirn arbeitet im Full-Power-Modus, um sicherzustellen, dass wir binnen Nanosekunden Dinge und Ereignisse einordnen und darauf reagieren können. Und dabei greift es nicht auf den ganzen Wortschatz zurück, um Situationen oder Emotionen zu beschreiben, sondern auf den habituellen, indem sich viel mehr negative Vokabeln befinden als positive. Schließlich war es evolutionär sinnvoller, in Alarmbereitschaft zu sein als glücklich und entspannt. So schöpfen wir jedoch unser "Wortkraftpotenzial" nie voll aus. Schlimmer noch: Statt uns bewusst für eine positive Beschreibung der Situation zu entscheiden, wird unbewusst die naheliegendste gewählt, die oft viel negativer ist, als die Realität eigentlich aussieht.

Was können wir tun, um unser "Wortkraftpotenzial" doch auszuschöpfen?

Den habituellen Wortschatz bewusst zu erweitern, bereichert unser Leben und verändert die Art, wie wir denken, fühlen und schließlich auch handeln. Ich nenne diese Kraft "Transformational Vocabulary". Um sie zu entdecken, sollten Sie mal Folgendes probieren: Suchen Sie immer dann, wenn Sie in eine unangenehme Situation geraten oder sich unwohl fühlen, nach einem Wort oder einem Satz, mit dessen Hilfe Sie das Erlebte neu labeln können. Und zwar so, dass es weniger dramatisch, hart oder fies klingt, vielleicht dafür aber lustig. So durchbrechen Sie die Gedankenspirale, die Sie immer weiter nach unten zieht, hinein in die Frustration.

Das klingt jetzt fast zu einfach ...

Es ist aber so einfach. Sie können Ihr L(i)eben in kürzester Zeit positiv verändern -einfach dadurch, dass Sie die Worte, mit denen Sie Ihre Gefühle beschreiben, bewusst wählen. Statt "Opfer" einer habituellen Reaktion zu werden, können Sie sich dafür entscheiden, dass es Ihnen besser geht und etwas dafür tun.

Kann man sich für solche Situationen nicht einen Satz zurechtlegen, damit einem das Labeln leichter fällt?

Ja, bitte! Gerade ein positives Mantra, ein Lebensmotto, kann Sie beim Neu-Labeln unterstützen. Mit der Zeit werden Sie aber feststellen: Sie brauchen diese Sätze gar nicht mehr. Denn Ihr Denken hat sich verändert.

Langsam, aber sicher

Auf negative Botschaften reagiert unser Gehirn schneller und heftiger als auf positive. Einst war das überlebenswichtig. Doch wie schlägt man diesem evolutionären Erbe ein Schnippchen?

In ihren Hirn-Scan-Studien haben Mark Waldman und Andrew Newberg herausgefunden, dass Probanden, denen man für Bruchteile von Sekunden Wörter wie "Nein", "Krieg" oder "Krankheit" auf einem Monitor einblendete, unwillkürlich Stresshormone und Neurotransmitter ausschütteten. Die Folge: Logisches Denken fiel ihnen schwerer. Dafür war ihr ganzer Körper auf Flucht und /oder Kampf eingestellt.

Zeigte man den Studienteilnehmern hingegen positive Botschaften wie "Ja" oder "Liebe", reagierte das Gehirn kaum. Glück war in der Steinzeit schließlich nicht überlebenswichtig. Doch man kann sich für die Fähigkeit, das Gute im Leben wahrzunehmen, "programmieren", sagt Barbara Fredrickson, Mitbegründerin der "Positiven Psychologie": Indem man für jede negative Nachricht mindestens fünf gute generiert. Masse setzt sich nämlich durch.

Dafür reicht es schon, wenn Sie sich ein Schild mit dem Schriftzug "Ja" aufhängen, auf das Sie öfter mal schauen, mehrmals am Tag an Ihren tollen Sommerurlaub denken oder ganz einfach die schönen Sätze in diesem Dossier lesen.

Kommt Zeit, kommt Rat

Um mit einer Trennung, schweren Erkrankung oder Ärger im Job fertigzuwerden, suchen viele Frauen Hilfe bei einem Therapeuten oder Coach.

Doch hilfreiche Worte findet man manchmal auch ganz woanders ... lesen Sie weiter auf Seite 2.

Dieser Artikel erschien in der "Wienerin" Nr. 08/2014.

Um mit einer Trennung, schweren Erkrankung oder Ärger im Job fertigzuwerden, suchen viele Frauen Hilfe bei einem Therapeuten oder Coach. Doch hilfreiche Worte findet man manchmal auch ganz woanders ...

Katrin Lind, 31

Vor sechs Monaten hat mein Freund mich verlassen. Er hatte nicht mal den Mut, mir das ins Gesicht zu sagen. Stattdessen bekam ich im Büro eine SMS: "Es ist aus." Drei kleine Wörter rissen mir den Boden unter den Füßen weg. Ich lag zwei Wochen nur heulend im Bett, konnte mich kaum rühren.

Dann erhielt ich eines morgens Post von einer Freundin in den USA, die nichts von der Trennung mitbekommen hatte. "Be with a Guy, who ruins your Lipstick, not

your Mascara" stand auf der Karte. Sie hängt jetzt an meinem Kühlschrank. Und erinnert mich jeden Morgen daran, dass ich die Wahl habe. Ich entscheide, mit wem ich zusammen bin und wie ich mich behandeln lasse. Seitdem gehe ich ganz anders durchs L(i)eben. Gut für mich ist, wer mir guttut. Alle anderen Kriterien sind unwichtig.

Simone Weber, 28

Meine Großmutter war eine Meisterin der schlauen Sprüche. Als Kind und Teenie fand ich es immer nervig, wenn sie mir einen ihrer Merksätze mit auf den Weg gab -ob in die Schule oder zum ersten Date. Inzwischen ist sie seit vier Jahren tot und ich vermisse ihre Worte total. Deshalb habe ich eine Art Buch angelegt, in dem ich alles notiere, was mir zum Thema "Oma hätte jetzt gesagt ..." so einfällt. Und wenn es mir schlecht geht, dann ziehe ich es aus der Tasche. Erst neulich war ich sehr gekränkt, weil Arbeitskolleginnen über mich gelästert haben. Ich schlug also das Buch auf und blieb just auf der Seite hängen, auf der stand: "Wer hinter meinem Rücken über mich redet, spricht mit meinem Hintern." Ich musste so lachen, dass ich meinen Ärger ganz vergaß.

Juliette Dreyer, 35

Worte sind nur Worte", dachte ich immer. Dann jedoch entdeckte mein Frauenarzt bei einer Vorsorgeuntersuchung einen Knoten in meiner Brust und nach der Biopsie stand fest: Ich habe Krebs. Diese fünf Buchstaben fraßen sich ganz tief in mein Gehirn und meine Seele. Und ich erlebte, wie viel Macht schon ein einzelnes Wort haben kann. Nächtelang gab ich es in allen möglichen Variationen bei Google ein, kämpfte mich durch tausende Webseiten und Foren, die sich nur darum drehten. Und auch ich drehte mich, immer weiter hinein in eine Depression.

Eines Nachts stand plötzlich mein Mann hinter mir am Rechner: "Bist du schon wieder mit diesem Knuzzelwus beschäftigt?", fragte er. Erst wollte ich sauer werden, dann fand ich das Wort aber so blöd, dass ich zum ersten Mal seit Wochen grinsen musste. Und seitdem bekämpfe ich den Knuzzelwus. Und mit dem werde ich ja wohl fertig!

Nicht die Sinne trügen, sondern das Urteil", hat Goethe mal geschrieben. Als ich diesen Satz als 14-Jährige in der Schule las, habe ich ihn nicht verstanden und auch ziemlich schnell wieder

vergessen. Doch neulich schoss er mir wieder ein, als hätte er in meinem Hinterkopf nur auf seine Chance gewartet ... Ich fühlte mich im Job ungerecht behandelt, weil ich

bei einer Beförderung übergangen worden war. Ich wollte schon kündigen. Da fiel mir Goethe ein. Vielleicht hatte ich die ja sooooo offensichtlichen Fakten einfach falsch interpretiert?! Ich sprach mit meinem Boss und erfuhr: Man hatte mich nicht kaltgestellt. Im Gegenteil: Gerade wurde eine neue Abteilung eingerichtet, die ich künftig leiten sollte -mit deutlich mehr Gehalt, als es die gerade beförderte Kollegin bekam.

Seitdem hinterfrage ich meine (vor-)schnellen Urteile. Und ganz vieles (er-)klärt sich, zum Besseren.


Dieser Artikel erschien in der "Wienerin" Nr. 08/2014.

 

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