Woody Allens Sohn sagt Allen wurde von der Presse beschützt

Ronan Farrow schreibt im Hollwood Reporter darüber, wie Woody Allens Missbrauchswürfe jahrelange systematisch heruntergspielt wurden.

Gestern Abend feierte Woody Allens neuestes Werk "Cafe Society" bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere. Ebenfalls gestern veröffentliche das amerikanische Magazin "The Hollywood Reporter" einen Gastbeitrag von Allens Sohn Ronan Farrow, in dem er über Allens Missbrauchsvorwürfe und die Rolle der Presse darin sprach. Auf dem roten Teppich kam keiner der Stars in Woody Allens Film in die Verlegenheit, über Allens Beziehung zu jungen Mädchen zu sprechen. Genau wie die letzten 30 Jahre auch nicht.

Niemand fragt nach Woody Allens Missbrauchsvorwürfen

In seinem Kommentar "Mein Vater, Woody Allen, und die Gefahr ungefragter Fragen" spricht Farrow über die mächtigen PR-Firmen, die eine dicke Schutzmauer rund um Allen aufgebaut haben, und wie die Presse die Missbrauchsvorwürfe seiner Tochter Dylan Farrow systematisch heruntergespielt und übergangen hat. Glamouröse Abendveranstaltungen und Presseevents wie gestern Abend sind beispielhaft dafür, wie ernst wir die Anschuldigen von Missbrauchsopfern nehmen. De fakto haben sie keine Konsequenzen.

Tochter Dylan Farrow wird nicht ernst genommen

Allen ist bekannt dafür, Beziehung zwischen jungen Frauen und alten Männer in seinen Filmen zu romantisieren, er hat seine Stieftochter Soon-Yi geheiratet, und seine Tochter Dylan Farrow schrieb 2014 in der New York Times darüber, wie ihr Vater sie sexuell misbraucht haben soll. "Ich glaube meiner Schwester", schreibt Farrow. "Als Bruder, der ihr vertraut, habe ich ihr immer schon geglaubt. Selbst mit 5 Jahren, als mein Vater sich ihr gegenüber seltsam verhalten hat, in ihr Bett geklettert ist, sie dazu gezwungen hat, seinen Daumen zu lutschen. [...] Noch wichtiger aber, habe ich mir den Fall auch als Anwalt und Journalist angesehen, und die Vorwürfe sind glaubwürdig. Die Fakten sind überzeugend und nachvollziehbar."

Die Tricks der PR-Sprecher

Mit diesen Fakten haben sich die Medien in ihrem Umgang mit Allen allerdings nie beschäftigt, anstatt einem potentiellen Opfer, lassen sie im Zweifelsfall lieber einflussreichen Männern einen Vertrauensvorschuss zukommen. "Nachdem diese mächtige PR-Maschine Jahre zuvor schon die sexuelle Beziehung meines Vaters mit einer anderen Schwester von mir legitimiert hatte, bekamen Vertreter aller großen Medien E-Mails mit fertigen Stories die sie übernehmen konnten, komplett mit einer Liste an Menschen die bereit waren, sie zu validieren. Therapeuten, Anwälte, Freunde, jeder der bereit war, eine junge Frau die es wagt, einen mächtigen Mann zu konfrontieren, als verrückt, rachesüchtig und beeinflusst zu bezeichnen. Auf CC waren alle wichtigen Journalisten und PR-Sprecher wichtiger Namen wie Will Smith oder Meryl Streep, mit denen es sich kein Journalist verscherzen wollte."

Thema "zu heiß" für Medien

Mehrere Medien wollten Dylan Farrows offenen Brief nicht veröffentlichen, da ihnen das Thema "zu heiß" war, bis die New York Times sich 2014 schließlich dazu entschloss. Das ist das Problem mit Missbrauchsgeschichten rund um berühmte Männer: es gibt eine öffentliche Kultur des Schweigens, und anstatt die Anschuldigungen nachzurecherchieren, erscheinen dutzende Kommentare darüber, dass man "die Kunst vom Künstler" trennen muss.

Für den Lebenslauf mit einem Vergewaltiger arbeiten

Ähnlich argumentieren auch Schauspieler und Schauspielerinnen, die weiterhin mit den Beschuldigten zusammenarbeiten. Immerhin genießen Allens Filme immer noch einen ausgezeichneten Ruf. Dylan Farrow verurteilte in ihrem offenen Brief in der New York Times Schauspielerinnen wie Emma Stone und Scarlett Johansson, die trotz der öffentlichen Anschuldigungen mit Allen zusammenarbeiten. Kristen Stewart, die gegenüber Variety äußerte, dass sie anfänglich Bedenken hatte, in "Cafe Society" mit Allen zusammenzuarbeiten, argumentierte, dass sie sein persönliches Leben nicht kennt und man nichts gesichertes über die Anschuldigungen weiß.

Eine Gesellschaft, die Vergewaltiger fördert

Farrow konkludiert, dass weibliche Missbrauchsopfer denselben Vertrauensvorschuss verdienen wir ihre Täter, auch wenn das bedeutet, dass man sich als Presse gegen wütende Fans und noch wütendere PR-Sprecher durchschlagen muss. "Geschichten sexuellen Missbrauchs zu ignorieren sendet eine Botschaft, wer wir als Gesellschaft sind, was wir übersehen, wen wir ignorieren, wer Wert hat, und wer nicht."

 

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