Wollen wir wirklich mehr Toleranz?

Der Sprachgebrauch in aktuellen Debatten zeigt, warum wir politisch korrekte Sprache brauchen und wir unseren Sprachgebrauch immer wieder reflektieren müssen. Vielleicht sind wir nämlich gar nicht so tolerant wie wir glauben möchten.

Toleranz, Political Correctness, Politsch korrekte Sprache

Würdest du dich als toleranten Menschen bezeichnen? Jap, wir uns auch. Dachten wir zumindest – bis wir uns mehr mit dem Begriff der „Toleranz“ und politisch korrekter Sprache befasst haben und gemerkt haben: Wir wollen eigentlich gar nicht tolerant sein.

Wie wichtig ist politisch korrekte Sprache?

Spätestens die Debatte um eine geschlechtergerechte Nationalhymne hat gezeigt, wie weit die BefürworterInnen und GegnerInnen einer politisch korrekten Sprache voneinander entfernt sind. Während sich die Einen für die Zeile „Heimat großer Töchter und Söhne“ in der Nationalhymne einsetzten, wurden auf der anderen Seite Stimmen laut, die meinen, „ein kulturelles Erbe“ würde dem „Rotstift der Politicial Correctness“ zum Opfer fallen. Nichts als „Sprachverhunzung“ und „Gender-Wahnsinn“ sei diese politische Korrektheit. Der Clou dabei: Was genau als „Political Correctness“ bezeichnet wird, bestimmen nicht die vermeintlichen VertreterInnen ebendieser, sondern eben ihre GegnerInnen.

Der Hintergrund: Angestoßen von den neuen Sozialen Bewegungen in den 70er-Jahren sollte Sprache der gesellschaftlichen Diversität und historischen Realität gerecht werden und nicht nur das westliche, weiße Weltbild immer weiter reproduzieren. Nachdem sich ab 1970 der Anspruch auf einen respektvollen und antidiskriminierenden Sprachgebrauch ausbreitete, wurde der Begriff der „Political Correctness“ schnell von Rechten instrumentalisiert und fortan als negativ konnotierte Fremdbezeichnung verwendet. Während vor allem in akademischen Kursen die Forderung nach einer bedachteren Sprachpolitik aufgegriffen wurde, formierte sich in konservativen Kreisen umgehend die Gegenwehr: Der Begriff der „Politicial Correctness“ wurde diffamierend gegen die BefürworterInnen sensiblen Sprachgebrauchs verwendet.

Prägt Sprache unser Denken?

Der Streit um die Frage, ob man mit Sprache wirklich unsere Art zu Denken verändern könne, ist alt. Die Vorstellung, Sprache könne das Denken prägen, galt lange als nicht überprüfbar. Bis heute hält die Debatte darüber, wie sehr Sprache das Gedankengut (und umgekehrt) beeinflusst, an. Klar ist allerdings mittlerweile: Sie tut es. Sprache prägt Gedankengut wie eine Studie der Universität Lancaster 2015 zuletzte feststellt. Das beginnt bei abstrakten Größen wie etwa Einstellungen und moralischen Werten bis hin zu sehr realen Dingen wie Farben oder messbare Entfernungen, die wir – je nach dem, wie wir sie ausdrücken – anders wahrnehmen wie dieser TED Talk zusammenfasst:

Es ist also naheliegend, dass politisch korrekte Sprache für Menschen, die eine tolerantere Gesellschaft anstreben, unabdingbar und mehr als nur Mittel zum Zweck ist. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen, hat Anatol Stefanowitch in „Eine Frage der Moral“ (Duden Verlag, € 8) zusammengefasst und entkräftigt in dem Taschenbuch alle Argumente „Moralapostel“- und „Sprachpolizei“-Schreienden und GegnerInnen von politisch korrekter Sprache. Denn am Ende ist politisch korrekte Sprache genau das: Keine Frage der Sprache selbst, sondern eine der Moral für all jene, die sich eine Gesellschaft mit mehr Toleranz wünschen.

Der schwierige Begriff der Toleranz

Apropos Toleranz: Schon einmal bemerkt, dass der Begriff der „Toleranz“ vielleicht gar nicht das aussagt, was wir damit aussagen möchten? „Der Begriff der Toleranz kommt zwar ursprünglich aus dem Medizinischen – zum Beispiel als ‚Toleranzbereich‘, als Differenz zwischen der Norm und den tatsächlichen Maßen. Heute versteht man den Begriff der Toleranz meiner Einschätzung nach allerdings schon viel öfter als Ausdruck politischer Gesinnung“, so ein Sprecher der "Gesellschaft für deutsche Sprache" gegenüber WIENERIN. Aber sagt der Begriff tatsächlich das aus, was mit dem Wunsch nach mehr „Toleranz“ ausgesagt werden soll? Laut Duden ist Toleranz mit „Duldsamkeit“ gleichzusetzen, was bedeutet: Sprechen wir davon, dass wir tolerante Menschen sind, stellen wir uns im Endeffekt über alle Menschen, denen wir tolerant gegenüber sind. Tolerante Menschen sind die, die andere vielmehr nur dulden statt zu integrieren. „Vielleicht wäre Inklusion der bessere Begriff für das, was mit ‚Toleranz‘ ausgesagt werden soll“, stellt der Vertreter der "Gesellschaft für deutsche Sprache" fest. Er erklärt weiter, dass sich die Bedeutungen, die man mit gewissen Wörtern assoziiert, natürlich auch über die Jahre hinweg verändern können. Je nach dem in welchem Kontext ein Wort immer und immer wieder verwendet wird, passt sich die Bedeutung des Wortes an. Vielleicht sei das bei dem Begriff der "Toleranz" der Fall, so der Sprecher der "Gesellschaft für deutsche Sprache". Sein Fazit: "Nichtsdestotrotz ein sehr gutes Beispiel dafür, dass es Sinn macht, den eigenen Sprachgebrauch immer und immer wieder zu hinterfragen."

 

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