Wo die Regenbogenfahnen wehen… und wo nicht

Am 13. Juni soll Wien bei der "Fensterl Parade" in den Farben des Regenbogens erstrahlen, so planen es Aktivist*innen in Zusammenarbeit mit der Stadt Wien und FM4. Vor den Ministerien dürften aber auch heuer keine Regenbogenfahnen gehisst werden.

Fenster Parade: Die Pride findet heuer daheim statt!

Es war ein Samstag Ende Juni 1996, als zum ersten Mal Menschen auf der Wiener Ringstraße für die Rechte der LGBTIQ+-Community protestierten. 2020 hätte sich die Regenbogenparade, wie man hierzulande sagt, in Wien zum 25. Mal gejährt. Die Corona-Krise hat die politische Demonstration für die Gleichstellung und Sichtbarkeit von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, transgender, intergeschlechtlichen, asexuellen und queeren Menschen unmöglich gemacht.

Die Krise hat die Community schwer getroffen - auch in Bereichen, die nicht so öffentlichkeitswirksam sind wie die Pride. Vereine und Beratungsstellen wurden geschlossen oder waren nur schwer zu erreichen, queere Räume haben gefehlt. Für viele aus der Community waren die letzten Wochen psychisch und finanziell schwierig, schreiben die Aktivistinnen Inés Bacher, Lisa Holzinger und Ulli Kittelberger vom Verein SISTERSin einem Pressestatement.

"So wie viele andere auch sind wir daheim im Lockdown gesessen und haben uns gedacht: 'So schnell kann’s gehen. Von einem Tag auf den anderen sind wir unsichtbar'", sagt Bacher gegenüber der WIENERIN. Bei einer Zoom-Partie ("Es war wohl nach dem zweiten Bier") haben die Aktivistinnen beschlossen: "Das können wir nicht zulassen." Die Idee zur Fensterl Parade war geboren.

Klebt die Fahnen in die Fenster!

"Die LGBTIQ+-Community holt sich mit all ihren Verbündeten die Sichtbarkeit im öffentlichen Raum zurück!", lautet das Motto der Fensterl Parade. Wer dabei sein will, verschönert Fenster, Balkone und Gärten in der Hauptstadt am 13. Juni ab 14 Uhr in den Farben der Pride und tanzt. Eigens designte Fahnen können auf der Website der Fensterl Parade kostenlos bestellt werden. FM4 liefert zwischen 14:00 und 18:00 Uhr die passende Musik dazu.

Die eigens designte Fahne der Fensterl Parade

Das mag nach Privatparty klingen, ist für die Community aber ein wichtiges Statement. "Zugehörigkeit ist für die LGBTIQ-Community stark mit Sichtbarkeit verbunden. Das Private ist politisch", sagt Bacher. So wird jedes Fenster, das gestaltet wird und jeder Radio, der läuft, zur spürbaren Solidarität - und die Fensterl Parade eine "dezentrale Demo".

Wer darüber hinaus unterstützen möchte, tue das am besten mit Spenden an Vereine, die sich für die Rechte von LGBTIQ+ Menschen einsetzen. Und behält auch die Geschichte der Regenbogenparaden im Hinterkopf: "Bei all der Freude und Leichtigkeit darüber wollen wir nicht vergessen: Die erste Pride war ein Aufstand von Lesben, trans und Schwarzen Personen in den USA", erinnert Bacher. "Wir haben ihnen viel zu verdanken."

Die Stadt Wien und der Regenbogen

Für die Stadt Wien ist der Juni auch heuer wieder "Regenbogenmonat". Gerade nach den starken Belastungen der letzten Wochen sei es wichtig, dass die Forderungen der LGBTIQ+-Community präsent sind und ihre Vielfalt im öffentlichen Raum sichtbar ist, sagt Antidiskriminierungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) in einer Aussendung.

Am Rathausplatz und anderen öffentlichen Orten, wie den Wiener Linien, den Wiener Bädern oder Wiener Wohnen, werden im Pride Month Regenbogenfahnen zu sehen sein. Außerdem wird es einen weiteren Schutzweg in Regenbogenfarben geben. Am 13. Juni, dem Tag der ursprünglich geplanten Parade, wird der Rathausplatz zum Regenbogenplatz. Vor einem großen Regenbogenmotiv können Fotos gemacht werden und riesige Platzhalter sollen darauf hinweisen, dass der Rathausplatz für die Pride 2021 schon bereit steht.

Keine Regenbogenfahnen vor den Ministerien

Anders dürfte es bei den Ministerien der Bundesregierung ausschauen. Ein Antrag der NEOS am vergangenen Freitag, anlässlich der Pride einen Monat lang die Regenbogenfahne vor den Bundesministerien zu hissen, wurde im Nationalrat abgelehnt - mit den Stimmen der Regierungsparteien ÖVP und Grüne. Für den NEOS-Abgeordneten Yannick Shetty stellt sich ob der grünen Gegenstimmen gar die Frage: Ist das Heuchelei?

Immerhin haben die Grünen in den vergangenen Jahren bei Pressekonferenzen und Veranstaltungen regelmäßig die Regenbogenfahne gehisst. Justizministerin Alma Zadic trat erst Mitte Mai am Welttag gegen Homophobie bei einer Pressekonferenz vor der Österreichflagge, der EU-Flagge und der Regenbogenfahne vor die Presse. Warum also nicht beschließen, dass die Regenbogenfahnen im Pride Month selbstverständlich vor den Ministerien zu sehen sind? (Eine Antwort der GRÜNEN auf diese Frage erreichte uns bis Redaktionsschluss nicht. Sie wird gegebenenfalls an dieser Stelle veröffentlicht.)

Ob die Regenbogenfahnen nun nur vor Gebäuden der Stadt Wien, oder auch vor den Bundesministerien weht, das sehen die Organisatorinnen der Fensterl Parade pragmatisch. Es gebe wichtigere Dinge: "Über Regenbogenfahnen zu diskutieren ist das Eine, viel problematischer sind die menschenrechtswidrigen Gesetze gegen trans Personen in Ungarn", sagt Bacher. "Es ist höchste Zeit, dass sich der Bundeskanzler dazu äußert. Beste Verbindungen zur Staatsspitze nach Ungarn hat er ja."

 

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