Wo bleibt Sex and the City's TV-Erbe?

Sex and the City war bahnbrechend im medialen Umgang mit Frauenfreundschaften und Sex. WIENERIN-Redakteurin Teresa fragt sich, wie die aktuelle Version davon aussehen kann.

Immer wieder brodelt die Gerüchteküche auf. Fans der Serie sind nach wie vor besessen von dem Gedanken, sich noch nicht endgültig von Carrie & Co verabschieden zu müssen. Nach 6 Staffeln der supererfolgreichen Serie wurde das Erbe mehr oder weniger erfolgreich in 2 Kino-Adaptionen weitergetragen. Die Stars der Serie müssen schon ein wenig müde sein, bei jedem erdenklichen Interview darüber zu sprechen, ob die Charaktere noch einmal aufleben werden. Cynthia Nixon meinte im Guardian dazu trocken, sie sei froh, das nicht entscheiden zu müssen.

Der Kult


Sex and the City prägte Ende der Neunziger wie keine andere Serie den Diskurs darüber, wie Frauen in der Öffentlichkeit über Sex und Beziehungen reden. Sie hat es geschafft, ein popkulturelles Phänomen von derartigen Ausmaß zu werden, dass es bis heute als Vergleichswert für jede darauffolgende Serie über Frauen, ihren Sex, ihre Freundschaften und ihr Berufsleben herhält. Jahrelang haben Freundinnen darüber diskutiert, wer in ihrem Kreis die Carrie, die Samantha, die Charlotte oder die Miranda wäre. (Nur als Beispiel für die kulturelle Prägung: Die Zeilen die sie hier lesen, werden von einer Redakteurin geschrieben, die mit 15 anlässlich der Ausstrahlung der letzten Folge von Sex and the City als Tribut mit einem Tüll-Rock und einem selbstbemalten ‚I’m a Carrie‘-T-Shirt in die Schule ging.)

Die Kritik


Man kann genug aussetzen an Sex and the City: Ihr Lebensstil, vor allem Carries, war komplett unrealistisch für ihr Einkommensniveau. (Wiederkehrend wurde dokumentiert, dass man von einer Kolumne in der Woche weder Miete in Manhatten noch circa 1000 Paar Manolo Blahniks finanzieren kann). Die vier lebten in einer oberflächlichen Glitz und Glam-Welt, in der ethnische Vielfalt unterrepräsentiert, und Homosexualität auf den glamourösen schwulen besten Freund reduziert war. Die Hauptdarstellerin kommt nach 10 Jahren in einem dramatischen Happy End mit einem Mann zusammen, der sie wiederholt schlecht behandelt hat, nicht zu ihr stehen wollte, und zu dem sie immer wieder zurückging.


Alles zu seiner Zeit


Aber es hat gepasst. Dieser sorglose Lebensstil war, wofür die 90er und Anfang 2000er Jahre mit aufstrebendem Wirtschaftswachstum standen. Es hat einen Grund, warum sich Frauen auf der ganzen Welt so damit identifizieren konnten: Jenseits der Blahnik-Traumwelt wurden unseren Freundschaften noch nie so tiefgehend und realistisch im Fernsehen gezeigt. Die Beziehung zwischen den vier Frauen war der eigentlich Hauptdarsteller, genau wie sie der Hauptdarsteller im Leben vieler Frauen ist. Sie haben offen über Sex in all seinen Facetten gesprochen, sie haben gelacht, und sie haben sich dabei nicht immer ernst genommen. Sex and the City war definitiv die Stimme einer Generation. Und als solche wird es zeitlos und immer irgendwie aktuell bleiben.


Lektion gelernt


Im Guardian-Interview meint Cynthia Nixon: “Wir brauchen nicht noch ein Sex and the City weil wir die Lektion aus der Serie schon gelernt haben: Ehe ist nicht mehr alles, worüber sich Frauen Gedanken machen und ihre Freundschaften sind so intensiv, dass sie mit romantischen Beziehungen mithalten können.“


Wir brauchen Sex and the City


Doch, wir brauchen Sex and the City noch. Aber heute würde es anders aussehen. Die wirtschaftliche Prosperität in Form von Hochhäusern, Börseneröffnungen und teuren Stilettos hätte darin keinen Platz, und heute kann die Debatte nicht mehr um einen Pups im Bett oder Analsex geführt werden. Aber es gibt genug Themen, die wir gerne im Setting von starken, solidarischen, liebevollen Freundschaften abgehandelt sehen würden: Wie geht es Transgender-Frauen in Frauenfreundschaften? Wo sind Homosexuelle, die nicht zu Punchline-werfenden Nebenrollen degradiert werden? Und man muss auch ehrlich sagen: Themen wie die Wertigkeit von Frauen ohne Partner oder Kinder sind nach wie vor aktuell, auch wenn Sex and the City hier fantastische emanzipatorische Vorarbeit geleistet hat.


Ist das Erbe schon da?


Verschiedenste Serien nehmen hier ihren eigenen Platz in der TV-Landschaft ein: ‚Girls‘ ironisiert die Unsicherheit von Frauen in ihren Zwanzigern, und obwohl es die Generation Y scharfzüngig und treffsicher pointiert, geht die Solidarität zwischen Frauen darin weitestgehend verloren. (Das ist auch ein Grund dafür, warum junge Frauen damit kämpfen sich mit einem der Charaktere zu identifizieren, wann hat man schon einmal jemanden sagen hören „Ich bin eine Hannah!“) Ähnlich wie Girls bringt auch Broad City seine Protagonistinnen in ein wirtschaftlich unsicheres Setting im New York der 2010er Jahre, nur dass es in seiner komödiantischen Herangehensweise die beste Freundin zu einem fast popkulturellen Phänomen ikonisiert wird. Und ‚Orange is the new black‘ macht Homosexualität klischeefrei zu einem der Haupterzählstränge.


Es wäre vermessen zu sagen, die aktuelle TV-Landschaft bildet zeitgemäße kulturelle Phänomene nicht ab. Ob heutige Serien das Erbe Sex and the Citys antreten können? Jede vielleicht ein bisschen auf ihre Art und Weise. Es gibt aber definitiv noch Raum nach oben und zu einer neuen Serie, die aktuelle Geschichten anhand von identifizierbaren Charakteren erzählt, die auf realistische Art und Weise Freundschaft und Solidarität hoch halten, sagen wir niemals Nein.

 

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