Wo bleibt Hollywoods Statement gegen sexuelle Gewalt?

Mit der Auszeichnung von Casey Affleck als Bester Hauptdarsteller hat die Academy gestern Nacht wieder einmal gezeigt, dass sie es nicht für nötig hält, ein Zeichen gegen sexuelle Gewalt in Hollywood zu setzen.

Gestern Nacht wurde Casey Affleck für seine Rolle in „Manchester by the Sea“ mit einem Oscar als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Der jüngere Bruder von Batman Ben Affleck war bisher vor allem durch Independent Filme aufgefallen. Und durch zwei Anklagen wegen sexueller Belästigung. Während der Dreharbeiten zu „I’m Still Here“ mit Affleck und Joaquin Phoenix erhoben zwei Mitarbeiterinnen Anklage: Kamerafrau Magdalena Gorka und Produzentin Amanda White gaben an, dass Affleck sie abseits des Drehs verbal und sexuell attackiert hätte, er hätte sich uneingeladen zu Gorka ins Bett gelegt, er hätte White begrapscht und ein anderes Teammitglied aufgefordert, seinen Penis zu zeigen. Beide Frauen verlangten zwei Millionen US-Dollar als Entschädigung.

Casey Affleck wies alle Vorwürfe zurück, in beiden Fällen einigte man sich 2010 außergerichtlich. Details zu den Deals wurden nicht veröffentlicht, im Gegensatz zu den detaillierten Anklageschriften von Gorka und White.

Von Allen bis Polanski: Hollywood ist anders

Affleck ist kein verurteilter Straftäter. Trotzdem reiht sich der Fall in eine lange Geschichte sexueller Übergriffe in Hollywood ein, die von den alten Herren der Academy toleriert werden: Woody Allen, der von Mia Farrow Anfang der 1990er Jahre angeklagt worden war, die gemeinsame Adoptivtochter Dylan sexuell missbraucht zu haben. Die Ermittlungen wegen Kindesmissbrauchs wurden eingestellt. Roman Polanski, wegen „außerehelichen Geschlechtsverkehrs mit einer Minderjährigen“ Ende der 1970er Jahre verurteilt. Dem Reigen an Preisen, die die beiden Regisseure in Laufe ihrer Karrieren einheimsten, haben die Anschuldigungen beziehungsweise das Urteil nicht geschadet.

Bernardo Bertolucci, Regisseur des Kino-Klassikers „Der letzte Tango von Paris“, gab in einem Interview im vergangenen Jahr zu, während des Drehs zum Film gemeinsam mit Hauptdarsteller Marlon Brando und ohne Wissen von Maria Schneider, die die weibliche Hauptrolle spielte, eine Vergewaltigungsszene eingebaut zu haben, Bertolucci wollte "echte Gefühle" bei Schneider sehen.

Außerhalb von Hollywood wird in den USA mit Sexualstraftätern hart ins Gericht gegangen: Foto und Adresse werden teilweise lebenslang in ein öffentliches Register eingetragen, das Nachbarn und Arbeitgeber einsehen können. Bei der Schwere der Fälle wird hier nicht unterschieden: Ein 19-Jähriger, der mit seiner 15-jährigen Freundin schläft und von deren Eltern bei der angezeigt wird, weil sie ihn nicht mögen, wird genauso behandelt wie ein 30-Jähriger, der eine Achtjährige vergewaltigt.

Wenn Hollywood zwei Augen zudrückt

In Hollywood hat man in all den genannten Fällen nie Stellung bezogen geschweige denn Karrieren beendet. Männer in Hollywood haben Fehler, dürfen Fehler haben, und werden trotzdem zu Idolen. Frauen müssen perfekt sein - das wird klar, wenn man sich vorstellt, wie Afflecks Geschichte aussehen würde, handele es sich um eine Frau.

In der gestrigen Oscar-Nacht hätte Hollywood die Chance gehabt, ein Zeichen zu setzen. Etwa durch eine Auszeichnung von Isabelle Huppert für ihre Rolle in „Elle“: Sie spielt eine Frau, die in ihrem eigenen Haus vergewaltigt wird, aber sich aus ihrer Opferposition befreit und die Rache am Täter in die eigenen Hände nimmt. Eine starke Rolle, eine starke Aussage. Statt Huppert zeichnete man lieber Emma Stone aus, die sich singend und tanzend und liebend durchs "La La Land" spielte.

Solange die Academy jedoch aus einer Riege alter, weißer Herren besteht, wird das Thema sexuelle Gewalt wohl keinen großen Raum bei den Oscars einnehmen. Scheint öfter vorzukommen, ist wohl nichts Besonderes.

 

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