Wird diese Beziehung funktionieren?

Nachher ist man immer gescheiter. Und fragt sich, warum man nicht schon am Anfang der Beziehung die Signale richtig deuten konnte. Denn: Wer genau hinschaut, kann schon früh erkennen, in welche Richtung der Liebesdampfer ablegt.

Orakel sollte es geben. So wie im alten Griechenland. Wo man hinpilgern kann, mit seinem neuen Geliebten an der Hand, und eine von halluzinogenen Dämpfen umnebelte Seherin sagt einem die Zukunft voraus. Wenn man es gemeinsam und glücklich bis ins hohe Alter schaffen wird - halleluja! Prophezeit sie einem jedoch, woran die Geschichte kranken und nach drei, vier mühsamen Jahren schließlich enden wird, dann könnte man die Hand von dem Süßen einfach loslassen und sich einen Neuen suchen.


Würde einem viel ersparen, nicht wahr? Tja, leider. Das Einatmen von halluzinogenen Substanzen ist heutzutage streng verboten, und echte Seherinnen muss man mit der Lupe suchen. Dennoch, ganz unmöglich ist so eine Zukunftsschau nicht. Das Geheimnis: Man muss sich die Gegenwart anschauen. Ganz genau. Und man muss die Signale und Zeichen, die eigentlich wie riesige Verkehrsschilder überall herumstehen, richtig interpretieren.

Prognose.

Pessimisten behaupten ja: "So wie am Anfang ist es dann immer - nur schlimmer." - Das mag nun zwar eine etwas tendenziöse Aussage sein, aber im Kern durchaus richtig. Kommt ein Typ schon beim ersten Rendezvous zu spät, wird er einen wahrscheinlich immer (und immer länger) warten lassen. Murkst man in den ersten drei Nächten im Bett herum, wird man bald wie Brüderlein und Schwesterlein leben. Und macht einem ein Mann schon in den ersten Wochen Vorschriften, kann man sicher sein, sich einen machtgeilen Reserve-Papi geangelt zu haben.

Nun fallen einem solch irritierende Dinge schnell auf - und wenn man nicht gerade zur illusionistischen Das-wird-schon-werden-Fraktion gehört, kann man entsprechend darauf reagieren. Also entweder mit einer klaren Abgrenzung à la "Damit kann ich auf Dauer nicht leben, bitte setz dich damit auseinander" oder mit einem rechtzeitigen Abschied.

Stolpersteine.

Schwieriger wird es schon, jene Zeichen auf die Zukunft hochzurechnen, die einem am Anfang besonders gut gefallen. Erwartet einen der Himmel auf Erden? - Vielleicht. Paradoxerweise können einen aber gerade die anfänglichen Highlights im Lauf der Zeit besonders nerven. Imago-Paartherapeut Roland Bösel: "Erfahrungsgemäß wird gerade das, was einen zu Beginn besonders anzieht, oft zum Stolperstein in der Beziehung. Das passiert dann, wenn man nicht voneinander lernt, sondern sich in seinen Unterschieden immer weiter polarisiert."

Und das funktioniert etwa so: Angenommen, eine sehr vernunftbetonte, von ihren Eltern auf Pflichterfüllung hin erzogene Frau verliebt sich in einen Künstler, der das Leben leicht nimmt. Kann sie von ihm - und er von ihr - gewisse Anteile übernehmen und integrieren, klappt die Sache. Schafft sie es jedoch nicht, sich selbst mehr Lebenslust zuzugestehen, muss sie diese im Außen bekämpfen. Und irgendwann wird sie ihren Künstler nicht mehr spannend finden, sondern nur mehr als Filou ansehen.

Neben solchen - nicht allzu schwer zu prognostizierenden - Konstellationen gibt es aber auch solche, die am Anfang nach perfektem Liebesglück duften. Beziehungen, in die man einen Köpfler mit Anlauf macht - um nach einiger Zeit ziemlich verdutzt wieder aufzutauchen.

Der Superkumpel

Olivia und Martin, beide Ende 20, hatten denselben Freundeskreis, dasselbe berufliche Umfeld und denselben Humor. Olivia: "Ich fand ihn süß mit seiner überkorrekten Art - und interessant, weil er mich eigentlich nicht wollte." Nach langer Überzeugungsarbeit ihrerseits und halbherzigen Fluchtversuchen seinerseits (mit der Aussage, es ginge nicht, weil sie nicht sein Typ sei), kamen die beiden doch zusammen. Allerdings nicht in einer rosa Wolke der Romantik, sondern wie zwei gute Freunde, die einfach unheimlich viel Spaß miteinander haben können. Der Sex? "Ganz okay", sagt Olivia, "aber nicht viel mehr. Das war mir aber auch nicht so wichtig, weil mir der seelische Gleichklang, das Sich-ineinander-fallenlassen-Können viel mehr bedeutet haben."

Sechs Jahre verbrachten die beiden miteinander als kuschelige Einheit, ohne je zu streiten - aber auch ohne die "Ich-reiß-dir-die-Klamotten-vom-Leib-Nummer". Der Anfang vom Ende nahte, als Olivia merkte, dass sie immer öfter auf andere Männer schaute, die "zwar menschlich uninteressant, aber sonst die vollen Testosteron-Bomber waren". Irgendwann legte sie ihrem Martin die Karten auf den Tisch. Und heute sind die beiden wieder das, was sie eigentlich immer waren: zwei gute Kumpel.

Der Haken: Eine Beziehung braucht genau das richtige Maß an Sicherheit und Spannung. Bei Olivia und Martin war die Mann-Frau-Ebene von Beginn an zu wenig ausgeprägt. Das hat den beiden zwar ein wohliges Sicherheitsgefühl gegeben, doch eine wirklich haltbare Bindung braucht den Klebstoff zumindest anfänglicher Leidenschaft.

Das Podest

Jeden Tag Blumen, sich jeden Tag sehen, ausgesuchte Geschenke und großartige Liebeserklärungen - als die 26-jährige Nicki mit dem um vier Jahre älteren Axel zusammenkam, wähnte sie sich im Himmel: "Er hat mich vergöttert, ich habe mich gefühlt wie eine Königin." Erste Schatten warf der Traumprinz, als Nicki mitbekam, wie aggressiv er mit und über manche Menschen sprach - wie etwa seine Ex-Frau oder seine Mutter. Als Nicki seinen Umgangston kritisierte, wurde er auch gegen sie aggressiv. Noch abfälliger behandelte er sie, als sie wegen einiger familiärer Probleme einen nervlichen Breakdown hatte. Sagte Grobheiten wie: "Stell dich nicht so an, mach nicht so ein Theater." Ab diesem Zeitpunkt kam die Beziehung immer mehr ins Trudeln. Streit, Tränen, Schimpfworte. Nicki: "Am Schluss habe ich mich gefühlt wie eine Untergebene." Seine letzten Worte an die vormalige Traumfrau: "Schleich dich endlich aus meinem Leben."


Der Haken: Männer mit einem Hang zu (verbaler oder physischer) Gewalttätigkeit sind am Anfang nicht so leicht zu erkennen, weil ihre besitzergreifende Art - gerade von sehr liebesbedürftigen Frauen - als übergroße Liebe interpretiert wird. Sie stellen ihre Traumfrau auf ein Podest und beten sie an. Da sie jedoch keinen wirklichen Respekt vor ihr haben, bedarf es nur ein paar kleiner Schwächen oder Fehler, und die Partnerin stürzt vom Podest ins Bodenlose.

Die Sogwirkung

Eigentlich wollte Verena, 31, in diesem Sommer zu Freunden in die Toskana fahren. Aber da tauchte plötzlich der 33-jährige Tom wieder in ihrem Leben auf, mit dem sie ein paar Jahre zuvor schon einen kleinen (ergebnislosen) Flirt hatte. Tom lud sie zu einem Kurzurlaub ein, ließ ein verbales Feuerwerk vom Stapel - und war dann wieder drei Tage nicht für sie erreichbar. Verena: "Ich war verwirrt und verführt zugleich. Einerseits wollte ich eigentlich gerne in die Toskana, andererseits dachte ich: Wenn ich jetzt wegfahre, verpasse ich was, dann geht er mir durch die Lappen."

Verena blieb also im Land, und Tom hielt weiter seine geheimnisvolle Beziehungs-Show ab. Zwei Tage Innigkeit und Zukunftspläne, zwei Tage totaler Rückzug. Eine innere Stimme warnte Verena vor der Beziehung, aber - sie hing bereits am Haken. Das Resultat: "Aus etwas, das von Anfang an gewackelt hat, wurden drei Jahre Wackelkontakt." Am Schluss hatte Verena von dem ständigen Hin und Her sechs Kilo weniger als zu Beginn der Beziehung - und die Erkenntnis gewonnen, dass sie in Zukunft mehr auf ihre innere Stimme hören sollte.


Der Haken: Ambivalenz kann eine ungeheure Sogwirkung entfalten. Jemand, der sich gleichzeitig anbietet und verweigert, schafft einen emotionellen Unterdruck, für den gerade unsichere Persönlichkeiten sehr anfällig sind. Im Endeffekt müssen solche Beziehungen scheitern, weil zu viel Spannung und zu wenig Sicherheit auf Dauer unerträglich sind.

Der Traumsex

Als Stefanie mit 33 den gleichaltrigen Robert kennen lernte, hatte sie bereits einige Beziehungen hinter sich, die vor allem sexuell für sie immer unbefriedigend abgelaufen waren. Mit Robert jedoch landete sie schon beim ersten Rendezvous im Bett. Und war "überwältigt. So ausleben wie mit ihm konnte ich mich vorher noch nie. Alles war möglich, nichts war peinlich." Ein Rausch der Sinne. Dass andere Kommunikationsebenen nicht so gut funktionierten wie die sexuelle, fiel in den ersten Wochen und Monaten nicht so auf - schließlich verließen die beiden die Horizontale so gut wie nie. Stefanie: "Nach etwa einem Jahr aber hatten wir schon ziemlich oft Streit - und uns ansonsten recht wenig zu sagen. Aber wir haben unsere Probleme immer zugedeckt, indem wir einfach miteinander ins Bett gegangen sind."

Selbst als klar wurde, dass die Beziehung innerlich voll ausgehöhlt war, hielten Stefanie und Robert noch daran fest. "Wir hatten einfach Angst, nie wieder jemand zu finden, mit dem der Sex so toll ist." Doch irgendwann nach zwei Jahren kam der Moment, als Stefanie das Gefühl hatte, "mit einer Plastikpuppe zu schlafen. Und da habe ich gewusst, dass es höchste Zeit ist, Schluss zu machen."


Der Haken:
Sexualität hat einen hohen Suchtfaktor. Und der kann, wie bei Essstörungen, in zwei Richtungen führen: zur sexuellen Magersucht und sexuellen Fresssucht. Beides sind aber nur zwei Seiten derselben Medaille, nämlich einer Abhängigkeitsstörung. Abhängigkeit jedoch ist nicht Liebe - sondern so ziemlich genau das Gegenteil davon.

Frisch verliebt - wird was draus? Die Paartherapeuten Roland und Dr. Sabine Bösel sagen, auf welche Zeichen Sie achten müssen.

Nüchtern betrachten. Je frischer die Verliebtheit, um so ausgeschalteter die Realität. Versuchen Sie trotzdem, sich zwei Fragen einmal in aller Ruhe zu überlegen. Erstens: Was zieht mich am anderen eigentlich so magisch an? Zweitens: Welche seiner Eigenschaften und Verhaltensweisen verunsichern mich?

Zusammenhänge erkennen. Nehmen Sie jetzt Ihre eigene Entwicklungsgeschichte her und legen Sie die über diese beiden Fragen drüber. Etwa: Das zieht mich so an, weil ich es zu Hause nie bekommen habe/ weil es mir abgewöhnt wurde/weil es mir vertraut ist. Oder: Das verunsichert mich, weil es etwas ist, was ich an mir ablehne/ weil es mich an meine Eltern erinnert, etc.

Sich selbst treu bleiben. Schweigen Sie nicht über Dinge, die Sie am anderen irritieren, und glauben Sie auch nicht, dass Sie sich das schon zurechtbiegen werden. Sagen Sie ihm: Das irritiert mich/tut mir weh/schlägt in eine alte Kerbe - und ich möchte, dass du dir das anschaust. Blockt der andere das nicht ab, sondern nimmt es ernst und geht auch nicht zum Gegenangriff über, stehen die Chancen gut.

Werte prüfen. Stark unterschiedliche Werte lassen eine dauerhafte Beziehung nicht zu. Klären Sie daher von vornherein gewisse Punkte ab wie Monogamie, Familie, die Bereitschaft, an einer Beziehung zu arbeiten, Gleichwertigkeit, Umgang mit Geld, usw.

Vergangenheit abchecken. Schauen Sie sich auch die früheren Beziehungen Ihres Neuen an. Wie war die Trennung und warum? Haben Sie Ähnlichkeit mit früheren Partnerinnen? Wie hat er diese behandelt? All das lässt Rückschlüsse zu, wie es auch Ihnen mit ihm ergehen kann.

Klare Grenzen. Wer von Anfang an offen sagt, womit er nicht leben kann, stellt die Beziehung aufs richtige Gleis. Treten Sie für sich selbst und Ihre Bedürfnisse ernsthaft ein - dann haben Sie eine Chance, gemeinsam zu wachsen.
 

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