"Wir sehen nur noch negative Bilder in den Medien"

Das Schöne wieder sehen: geht die Welt wirklich den Bach runter oder haben wir verlernt, das ganze Bild zu erkennen? Und wenn ja, wer hilft uns, es zu vervollständigen? Neuer Journalismus ist ein erster Schritt.

Sie ist Neurowissenschaftlerin, also keine naive Esoterikerin, die sich einfach das Gute aus dem Universum wünscht und verzweifelt, wenn das nicht kommt. Und gerade wegen ihres rationalen Zugangs hatte Maren Urner mit derselben Hilflosigkeit zu kämpfen wie Millionen andere Menschen in Europa auch.

Zu viele negative Nachrichten, ausweglose globale Situationen, unfähige Politik, keine Perspektive. Aber sie wollte nicht zynisch werden, also entschied sie sich, selbst Verantwortung zu übernehmen. Mit konstruktivem Journalismus. Dieser Begriff ist derzeit modern, doch wer ihn ernst nimmt, will keine "Zuckerwatte-Storys", die Probleme ausschließen, sondern versucht, ein vollständigeres Bild der Welt zu zeigen. Maren Urner nimmt das ernst, ihr Crowdfunding-Projekt heißt perspective-daily.de und ging am 31. Mai online. Die WIENERIN sprach mit ihr über die Lust an Lösungen und darüber, was ohne Aussicht auf solche mit unser aller Psyche passieren wird.

Sie sind Neurowissenschaftlerin, haben in London promoviert. Was haben Menschen davon, dass Sie dieses Projekt starten?

Maren Urner: Mein Partner und ich haben schon während des Studiums gesehen, dass es so viele clevere Menschen auf der Welt gibt, die nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern ganz unzynisch an Lösungen arbeiten. Aber: Diese Leute tauchen eigentlich nie auf Seite 1 auf. Also haben wir uns gefragt, warum das so ist. Negativer Journalismus zeichnet eben nur einen Teil der Wirklichkeit - und der andere Teil, der, in dem es um Lösungen geht, kommt selten vor. Also haben wir uns dazu entschieden, selbst Verantwortung zu übernehmen. Und dazu sind uns zwei Zugänge eingefallen: Bildung oder Medien. Da ich als freie Journalistin bereits Erfahrung habe, ist es das geworden. Über Crowdfunding haben wir den Start finanziert.

Medien haben aber doch die Aufgabe, Missstände aufzudecken. Man könnte fragen: Ist Ihr konstruktiver Gedanke nicht auch naiv?

Ja, den Vorwurf höre ich oft, doch konstruktiver Journalismus unterscheidet sich in der Recherche überhaupt nicht vom klassischen. Mit einer Ausnahme: Er zeigt auch eine mögliche Lösung, ein Modell, das schon mal funktioniert hat, oder einfach eine Vision. Oder: sagt, dass es für dieses Problem derzeit einfach noch keine Lösung gibt. Auch das lässt Menschen weniger hilflos zurück, als es derzeit oft passiert.

Es gibt viele clevere Menschen, die nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern an Lösungen arbeiten. Warum tauchen die nie auf Seite 1 auf?
von Maren Urner

Konstruktiver Journalismus hat seinen Ursprung in Skandinavien, dort ist er auch schon sehr erfolgreich. Erzählen Sie mal...

Die Pionierin ist die Dänin Cathrine Gyldensted. Sie war erfolgreiche investigative TV-Journalistin und auch US-Korrespondentin und dachte tatsächlich, dass die Welt so schlecht ist, wie sie sie sah. Heute leitet sie den ersten Studiengang für konstruktiven Journalismus und hat gelernt, dass es besser ist, sich auf umfassende Daten als auf ein subjektives Bauchgefühl der Welt gegenüber zu verlassen. Und dass ein negativ vermitteltes Weltbild auch messbar etwas mit Menschen macht.

Nämlich?

Wir werden gestresst und verfallen in eine gelernte Hilflosigkeit. In der Annahme, dass wir sowieso nichts tun können, tun wir auch dann nichts mehr, wenn wir sehr wohl etwas verändern könnten. Und das ist die Bremse jeder Aktivität.

Welche Aktivität wollen Sie mit perspective-daily erzeugen?

Wir möchten Dinge auf die Agenda bringen. In der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft und der Politik.

Die promovierte Neurowissenschaftlerin startete Ende Mai mit perspective-daily.com.

 

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