Wir müssen über die Reaktionen auf Johnny Depps Anschuldigungen reden

Täter-Opfer-Umkehr-Galore: Wie schnell das Internet einem potentiellen Täter zur Seite steht, ist noch einmal beispielhaft für internalisierte Misogynie.

Die Meldungen überschlugen sich schon, als letzte Woche bekannt wurde, dass Amber Heard die Scheidung von Johnny Depp eingereicht hat, aber seit dem ihre Anschuldigungen über häusliche Gewalt publik wurden, muss endgültig jeder und jede sein Urteil über das Privatleben des Paares kund tun. Wofür wäre das Internet sonst da, wenn nicht, damit Fremde unaufgearbeitete Justizfälle beurteilen und Frauen als geldgierige Schlampen bezeichnen können?

Tatsache ist, wir wissen nicht, was passiert ist und es ist auch nicht die Aufgabe der Öffentlichkeit, ein Urteil darüber zu fällen. Laut Gerichtsdokumenten hat Amber Heard folgende Aussage zu Protokoll gegeben: "Während unserer gesamten Beziehung hat mich Depp verbal und physisch missbraucht." Nachdem sie mit einem blauen Auge vor Gericht aufgetaucht ist, darf sich Depp ihr nun laut einstweiliger Verfügung nicht mehr nähern.

Laut den Dokumenten bestätigt Nachbar und Freund Tillett Wright die Aussagen und meinte, Heart hätte regelmäßig über Depps angeblichen Missbrauch gesprochen.

Seit dem veröffentlichten viele Vertraute von Depp zärtlich formulierte Statements darüber, was für ein liebevoller Vater und Ehemann Depp war, unter anderem seine Ex-Frau Vanessa Paradies und Tochter Lily-Rose Depp.

Depp ist sehr berühmt und einer der größten Filmstars der Welt. Menschen lieben ihn und die Charaktere, die er porträtiert hat. Vielleich hat das etwas damit zu tun, warum viele lieber Amber Heard beschuldigen und klassische Täter-Opfer-Umkehr vollziehen. Zeitungen wie Focus titelten mit Schlagzeilen wie "Hat Johnny Depp die falsche Frau geheiratet" und zitieren seine Mutter die meint, Heard habe Depp wie Dreck behandelt und sei nur auf den Ruhm und das Geld ihres Sohnes aus. Innerhalb von Stunden fing der Hashtag #ImWithJohnny an zu trenden, und User diskreditierten Heard.

Die Zeitschrift Daily Mail suggerierte, Heard müsste lügen weil sie Stunden nach der Gerichtsverhandlung lachend gesichtet wurde.

Das People Magazine titelte mit einem Zitat von Depps Anwalt, der behauptet die Anschuldigungen seien erfunden um mehr Geld bei der Scheidung herauszuschlagen.

Und manche Medien hielten überhaupt Heards Bisexualität für den wahren Grund, warum die Ehe scheiterte.

Unter diesen Umständen stellt sich die Frage, warum sich noch einmal irgend jemand wundert, warum Frauen zögern, häusliche Gewalt zur Anzeige zu bringen?

Der Comedian Andy Richter (bekannt u.a. aus der Late Night Talkshow Conan) tweetete folgendes, was auf viele berühmte Männer in Hollywood zutreffen könnte:

"Man kann Pressesprecher dafür bezahlen, seinen Ex in der Öffentlichkeit schlecht aussehen zu lassen, nachdem es Missbrauchsanschuldigungen gab - manche spezialisieren sich sogar darauf"

Depp ist übrigens schon früher durch Wutanfälle und Dorgenmissbrauch aufgefallen. 1994 wurde er verhaftet, nachdem er in einem Streit mit seiner damaligen Freundin Kate Moss ein Hotelzimmer zerstört hatte. Eine Woche davor prügelte er sich in einer Bar, Freunde hatten die Vorfälle damals als "Typisch Johnny" charakterisiert, er habe nun einmal Temperament.

Samstag Morgen fing der Hashtag #ImWithAmber an zu trenden, unter dem User ihre Unterstützung für Amber Heard kund tan.

In Anbetracht der Geschichten von Bill Cosby und Dr. Luke hätte man sich gewünscht, dass die Öffentlichkeit schon dazu gelernt hätte: Als erste Reaktion reflexartig Opfer zu verurteilen und zu beschimpfen kreiert eine Kultur des Schweigens, die Täter schützt und Opfer davon abhält, sich zu wehren und Anzeige zu erstatten. Dass sich diesbezüglich seit Jahren nichts ändert, ist besorgniserregend. Die Anschuldigungen Heards werden nicht weniger wahr oder falsch, wenn es ein lächelndes Foto von ihr gibt, wenn sie lesbische Ex-Partnerinnen hat oder wenn Vanessa Paradies aussagt, Depp wäre immer ein liebevoller Partner gewesen. Die Vorwürfe sind ernst genug, dass sie es verdienen, unvoreingenommen untersucht zu werden. Erst dann dürfen wir uns ein Urteil bilden. Sie ernst zu nehmen, schulden wir allen Opfern häuslicher Gewalt.

 

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