"Wir müssen bei allem, was wir tun, fragen: Welche Auswirkung hat das auf Frauen?"

Auf einer Skala von 1 bis YAS KWEEN, wie sehr liebt ihr unseren Bundeskanzler gerade?

Könnt ihr euch noch an die Angelobung Justin Trudeaus erinnern? Etwa sechs Monate ist es her, dass wir mit eifersüchtigen (und leicht verliebten) Augen nach Kanada geschaut haben, als er auf die Frage, warum er bei der Auswahl seines Kabinetts auf so viel kulturelle Vielfalt und einen 50-prozentigen Frauenanteil gesetzt hat, mit dem mittlerweile kultigen Satz "Because it's 2015" geantwortet hat. Dank ihm haben wir sogar eine unserer Lieblingsrubriken auf der Seite eingeführt: AlsHawara der Woche kühren wir regelmäßig Männer, die sich besonders für die Gleichstellung von Männern, Frauen und allem dazwischen einsetzen. In der Redaktion haben wir oft darüber geredet, wie sehr wir uns auch für Österreich eine Leitfigur (am liebsten natürlich eine Frau) wünschen, die sich für Toleranz, Vielfalt und das unabdingbare Bewahren der Menschenwürde einsetzt - gerade in einer Zeit, in der Hass und Intoleranz immer mehr Platz in der Mitte der Gesellschaft eingeräumt wird.

Jetzt ist auch in Österreich 2016

Was wir uns damals noch nicht vorstellen konnten: Sechs Monate später haben wir einen Kanzler, der als erster Regierungschef überhaupt bei der Regenbogenparade sprach. "Na und?" hat er gesagt. "Es ist 2016". Stimmt, die Frage ob das möglich ist, sollten wir uns überhaupt nicht mehr stellen müssen. Er versprach auch, sich für die vollständige Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften einzusetzen: "In mir habt ihr einen Bündnispartner, und wir werden alles daran setzen, dass dieser elende Zustand endlich aufhört!".

Seit seiner Ernennung zum Bundeskanzler und der Vorstellung des Regierungsteams, das auch die erste muslimische Frau mit Migrationshintergrund beinhaltete, wurde er uns immer sympathischer. Heute drückte er bei der Bundesfrauenkonferenz der SPÖ-Frauen auch seine bedingungslose Unterstützung für Frauen aus: "Wir müssen bei allem was wir tun, von der Bildungs-, bis zur Gesundheits- und Wirtschaftspolitik, fragen: Welche Auswirkung hat das auf unsere wichtigste Wählergruppe? Und das sind nun mal die Frauen".

"Auswirkungen auf Frauen bei allem was wir tun bedenken"

Kern erwähnte auch sensible Themen, die in männlich geprägten Mainstream-Wirtschaftsdiskussionen oft wenig Platz finden: "Wie gehen wir mit Pflege und den vielen Freiwilligen in sozialen Diensten um?" Beides sind Bereiche, in denen Frauen viele Stunden un- bzw. unterbewertere Arbeit leisten, den sie findet meist im informellen, also ungesicherten Rahmen statt und wird im BIP überhaupt nicht berüchsichtigt. "Wie bewerten wir Arbeit, die in der Familie geleistet wird? Wir müssen über eine gerechte Verteilung von Arbeitszeit reden und darüber, wie wir den Sozialstaat finanzieren. Weil wir nicht bereit sind, die gesellschaftliche Konsequenz - nämlich Sozialabbau - hinzunehmen." Einen Seitenhieb hatte er auch für die ÖVP übrig, die sich gegen Wertschöpfungsabgabe und Beschäftigungsbonus stellt. "Was soll man von einer Partei halten, die 30 Jahre gebraucht hat, bis sie sich zum Frauenwahlrecht durchgerungen hat?"

Neben sozialen Anliegen hat Kern auch Frauen in Führungspositionen angesprochen: "Wir brauchen Verbesserungen in vielen Politikfeldern, doch ich halte einen Punkt für besonders wichtig: Die Repräsentation von Frauen in der Gesellschaft, in Politik und Wirtschaft." Er versprach, dass sich die SPÖ mit dem morgigen Vorschlag für die Besetzung des Parteipräsidiums langsam in Richtung 50 Prozent hinbewege.

"Hassgeprägte Diskussionskultur muss aufhören"

Abschließend sprach der Bundeskanzler noch über unsere Diskussionskultur und rief uns damit im ganzen Land als politische Bewegung auf: Es sei ganz entscheidend, wohin eine Kultur von Hass, Gewalt und Intoleranz führe. Das Attentat auf einen Schwulenclub in Orlando und der Mord der britischen Labour-Abgeordneten Jo Cox sind aktuelle Beispiele dafür, wie schnell angedrohte Gewalt zu sehr realer Gewalt führen kann.

Ja, Taten sprechen lauter als Worte, aber wir wissen auch um die Macht der Worte: Mit Kern haben wir einen Mann als Bundeskanzler, der den Hass als gemeinsamen Gegner sieht, und nicht andere Parteien oder Menschen mit anderen Lebensentwürfen oder Gesinnungen. Um es mit seinen Worten zu sagen: "Wir brauchen eine Politik, die das beste in uns mobilisiert". Oder: "Wir sind viele und gemeinsam sind wir noch mehr".

 

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