"Wir leben in neuen Familienmodellen & das kommt endlich im Kino an"

Vordenkerin. Sie ist das Schauspielidol einer Generation nachdenklicher junger Frauen, die keine Lust auf Anpassung haben. Sie ist eine der hipsten Filmemacherinnen der Gegenwart. Wenn sie spielt, fühlt es sich an wie das Leben: Greta Gerwig probiert in Rebecca Millers Komödie Maggies Plan ein neues Familienmodell aus. Eines, das Zukunft hat.

Große Schritte, schiefes Lächeln, starke Schultern: Greta Gerwig ist die Antithese zu allen Hollywood-Püppchen. Eine gelernte New Yorkerin, die sich vor der Kamera nicht scheut, ungelenk zu wirken, und derzeit an ihrem Regiedebüt arbeitet. In Maggies Plan (Thimfilm, Filmstart am 5. August, mehr hier) spielt sie eine Mittdreißigerin, die ein Kind, aber keinen Vater dazu will und der am Tag der geplanten Befruchtung die Liebe passiert – zum älteren Romanautor
John (Ethan Hawke), der allerdings eher eine Assistentin als eine Partnerin sucht.

Im wirklichen Leben ist Gerwig mit dem um 14 Jahre älteren Regisseur Noah Baumbach liiert, für den sie mehrere Drehbücher verfasst hat. Ähnlichkeiten zwischen Leben und Film sind selbstverständlich rein zufällig.

In Maggies Plan kommen ständig Hinweise darauf vor, wie Johns Roman vom Leben inspiriert ist. Täuscht der Eindruck, dass das auch auf den Film selbst zutritt?

Greta Gerwig: Das Drehbuch war bereits fix und fertig, als Rebecca Miller mich engagiert hat. Wir waren einander zuvor noch nie begegnet. Aber es gibt da schon ein paar merkwürdige Zufälle: Im Drehbuch wird das Apartment beschrieben, in dem Maggie zur Untermiete lebt und in dem jede Wand vom Boden bis zur Decke mit Bücherregalen zugestellt ist – das sieht exakt so aus wie meine Wohnung. Ich habe eine riesige Bücherei, die Bücher sind mein wichtigster Besitz. Und wenn du in einer sehr kleinen Wohnung lebst, wuchern die Bücher überallhin.


Welche Bücher sind Ihnen besonders wichtig?

Schwer, da etwas herauszugreifen – ich habe Englisch und Philosophie studiert, insofern besitze ich da natürlich viel. Obwohl ich zugebe, ich verstehe philosophische Texte oft nicht, was aber egal ist. Jemand hat einmal Heidegger-Texte mit Prosagedichten verglichen. So geht es mir auch oft, wenn ich Philosophie lese, weil ich keinen speziell analytischen Verstand habe. Ich liebe Wittgenstein, aber ich verstehe ihn nicht wirklich; ich liebe jedoch die seltsamen Worte, die in der englischen Übersetzung verwendet werden. Sprache und Übersetzung ist etwas, das mich ungemein fasziniert. Oh, und nun kommt ein Tipp: Kürzlich habe ich Elena Ferrante für mich entdeckt, diese fantastische italienische Schriftstellerin, die Meine geniale Freundin geschrieben hat – vier fantastische Bände. Ich habe die Bücher aufgefressen, ich habe sie so geliebt! Der erste Band der Tetralogie erscheint jetzt im Herbst auf Deutsch. Oh, warten Sie, bis Sie zum Ende des vierten Bandes gekommen sind! Es wird sich anfühlen, als hätte Ihnen jemand Ihr Herz weggenommen, es auf den Tisch gelegt und seziert. Allerhöchste Zeit, dass Sie die Bücher übersetzt bekommen!

Maggies Plan handelt von neuen Familienmodellen. Ist das ein Wandel, der nur im Kino stattfi ndet, oder ein gesellschaftlicher Wandel?

Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die nicht konventionell aus Vater, Mutter und ihren biologischen Kindern besteht: Mein Bruder und meine Schwester sind beide adoptiert, ich aber nicht. Meine Eltern haben mir immer gesagt: „Familie sind die Menschen, die du liebst und für die du sorgst.“ Dafür muss es keine genetisch verwandte Kernfamilie geben. Es ist egal, woher die Menschen kommen oder wer mit wem verheiratet ist. Es geht wirklich darum, dich dafür zu entscheiden, dass du für jemanden sorgen willst. Das althergebrachte Konzept von Familie wandelt sich ja – oder vielleicht war es nie so streng und wir haben das nur immer so erzählt bekommen.

Kennen Sie Frauen wie Maggie, die beschlossen haben, ohne Partner Kinder zu kriegen?

Ja, eine Freundin von mir hat zwei Kinder ohne Partner bekommen: Sie hat sich einfach einen Samenspender gesucht und es getan. Sie hat bei ihrer Entscheidung dieselbe Klarheit und Hellsichtigkeit bewiesen wie Maggie in diesem Film. Sie hat gesagt: „Ich bin jetzt 35. Ich denke nicht, dass ich jetzt unmittelbar jemanden treffen werde, mit dem ich Kinder bekommen will – und selbst wenn, ich will eine neue Beziehung nicht unter diesem Druck beginnen.“ Aber sie wusste, dass sie zwei Kinder haben wollte, und sie ist das sehr praktisch angegangen. Sie ist Lehrerin, sie hat also den Sommer frei, bekommt in ihrem Job gute Sozialleistungen – sie hat es hinbekommen. Ich sehe rund um mich ganz viele Menschen, die sich für neue Formen von Familie entscheiden. Wir leben heute einfach in anderen Familienmodellen, und das kommt nun endlich auch im Kino an.

Betrachten Sie selbst die Sache mit Familie und Liebe pragmatisch? Könnten Sie sich vorstellen, ein Kind alleine aufzuziehen?

Natürlich ist es wunderschön, eine Partnerin oder einen Partner zu haben. Aber wissen Sie, ich glaube nicht, dass es unbedingt notwendig ist. Es ist nicht unbedingt notwendig, selbst Kinder zu bekommen, um wesentlicher Teil einer Familie zu sein. Ich glaube, du kannst eine sehr engagierte Tante sein, oder auch jemand, der im Leben der Kinder deiner Freunde wichtig ist. Wenn ich keinen Partner hätte, aber unbedingt Kinder wollte, würde ich mich auch so entscheiden wie Maggie. Ich behaupte nicht, dass es einfach ist, aber es ist hinzubekommen.

Gibt es eigentlich auch „Gretas Plan“ fürs Leben oder sind Sie spontan?

Ich bin wohl eine Kombination aus beidem: Ich habe einen inneren Kompass, der in eine bestimmte Richtung zeigt, aber ich bin sehr offen, wenn Dinge passieren und mich in eine andere Richtung ablenken. Ich revidiere meinen Plan also ununterbrochen. Ich versuche, einen klaren Arbeitsplan zu befolgen, weil ich mir sehr viel vornehme. Ich schreibe an ein paar Drehbüchern und ich führe demnächst Regie. Aber wenn mich jemand zum Beispiel fragt: „Willst du nicht mit uns ins MOMA gehen und dir die Picasso-Ausstellung ansehen?“, dann will ich das, also schichte ich Termine und Deadlines um. Ich plane und revidiere – wie das Leben es eben verlangt.

 

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