Wir hätten die Pille immer schon durchgehend nehmen können

... und uns die Monatsblutung mit all ihren Kosten und Nebenwirkungen einfach sparen können.

21 Tage Pille, eine Woche Pause. So haben wir es gelernt, so machen wir es. Nur in Ausnahmefällen, wie die Packungsbeilage ausdrücklich warnt, verzichten wir mal auf die Pause und "verschieben die Periode", ansonsten menstruieren wir brav alle drei Wochen, bevor der nächste Filmstreifen á 21 Tabletten aufgerissen werden darf. Aber warum eigentlich? Weil das besser und gesünder für unsere Körper ist? Nope, sorry. Deine Pillenpause hat was mit dem Papst zu tun.

Die Antibabypille kann gefahrlos jeden Tag des Monats eingenommen werden, besagt eine neue Richtlinie des britischen National Health Services. Die ExpertInnen des staatlichen Gesundheitssystems im Vereinigten Königreich beziehen sich dabei auf neueste wissenschaftliche Erkenntnisse - und räumen in einem Aufwasch mit einer sechzig Jahre alten Praxis auf, die nie einen physischen Nutzen für Frauen hatte, sondern nur dem Oberhaupt der katholischen Kirche imponieren wollte.

"Der Gynäkologe John Rock hat sich die Pause in der Hoffnung ausgedacht, dass der Papst die Pille so eher akzeptieren und ihren Gebrauch für Katholikinnen absegnen würde," erklärt Professor John Guillebaud der britischen Tageszeitung The Telegraph. Der künstliche 28-Tage-Zyklus wurde von Rock und seinem Kollegen Gregory Pintus geschaffen, um eine "hormonelle Nachahmung der Natur" zu erreichen und so die Akzeptanz des Verhütungsmittels zu erhöhen - in der Gesellschaft, und vor allem beim Papst. Rock war davon überzeugt, dass eine Anlehnung an den natürlichen Zyklus der Frau (der ganz natürlich, wie wir alle wissen, ziemlich drastisch schwanken kann) den Papst eher überzeugen könnte. Das hat nicht funktioniert. Der Papst hat die Pille trotzdem abgelehnt, und der gläubige Katholik Rock ist aus Enttäuschung darüber aus der Kirche ausgetreten und hat seine Religion nie wieder praktiziert. Geblieben ist nur die sieben Tage lange Pillenpause. Sinn hat sie keinen.

Keine Pillenpause - keine Probleme

Die Frauenheilkundeexpertin Professorin Anne MacGregor und ihr Kollege Guillebaud beweisen in einem 2018 veröffentlichten Paper die Sinnlosigkeit des klassischen Einnahmeschemas der Pille, wie es seit fast 60 Jahren Praxis ist. Die monatliche Regelblutung ist tatsächlich weder für die Empfängnisverhütung, noch für die Gesundheit erforderlich. Eine durchgehende Einnahme hat keine negativen, gesundheitlichen Auswirkungen - wohl aber einige Vorteile. Verzichten Frauen auf die siebtentägige Pillenpause, kann das das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft senken. Außerdem bleibt Frauen so auch der plötzlichen Abfall des Hormonspiegels erspart, der oft Kopfschmerzen auslöst. Und, auch das sei erwähnt, bleibt bei durchgehender Einnahme die Monatsblutung aus.

Die Nebenwirkungen der Periode werden von hormonellen Verhütungsmittel abgeschwächt. Sie ist kürzer, weniger intensiv und meist auch nicht oder weniger schmerzhaft. Aber es ist trotzdem Blut und Gebärmutterschleimhaut, das ein paar Tage lang aus der Vagina fließt. Auch ohne Schmerzen und anderen Beschwerden heißt das zumindest: Monatshygieneartikel sind nötig. Und die werden vom Staat ordentlich besteuert. (Weil so ein Tampon ist das Sinnbild eines Luxusartikels. Oder so.)

Bluten für den Papst

Seit 60 Jahren haben Frauen, die die Pille nehmen, also völlig umsonst eine Monatsblutung. Noch sind Pillenprodukte auf diese Erkenntnisse nicht ausgelegt. Sie kommen in Filmstreifen á 21 Stück und suggerieren, dass die Einnahmepause richtig und wichtig wäre. Manche Präparate haben sogar Placebos für die einnahmefreien Tage. Diese Regel sitzt fest in unseren Köpfen: "Es ist extrem schwierig, jetzt auszusprechen, dass die Pause keine Vorteile hat, wenn Frauen standardmäßig ein 21/7-Schema verschrieben wird", sagt MacGregor. Neue Richtlinien sollen es in Großbritannien auch möglich machen, dass mit einem Rezept gleich Verhütungsmittel für ein ganzes Jahr ausgegeben werden können.

Die Antibabypille hat freilich zahlreiche Nebenwirkungen, von Depressionen und Stimmungsschwankungen bis zu Übelkeit, Kopfschmerzen und Zwischenblutungen. Gerade jungen Frauen und Mädchen wurde sie in den letzten Jahrzehnten oft leichtfertig und ohne tiefgehende Aufklärung oder Notwendigkeit verschrieben. Eine Entscheidung für die Pille sollte also immer überlegt sein. Dass aber auch die "klassische", und nicht nur die Mini-Pille unkompliziert ohne Pause eingenommen werden kann - ja, diese Form der Einnahme sogar nur Vor- und keine Nachteile hat! - gehört nicht zum Allgemeinwissen. Warum, das lässt selbst Gesundheitsexperten Guillebaud ratlos zurück: "Wie kann es sein, dass wir die Pille 60 Jahre lang auf eine suboptimale Art eingenommen haben, weil wir es dem Papst recht machen wollten?" Tatsächlich: Wie?

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