"Wir haben Kurz zu Neuwahlen überredet"

Wir waren auf einen Spritzer mit Tagespresse-Gründer Fritz Jergitsch. Mit uns sprach er über Satire, Österreich – und darüber, warum in falschen Schlagzeilen manchmal viel Wahrheit steckt.

Tom Turbo, das sprechende Fahrrad aus der TV-Kinderserie, packt über beinharte sexuelle Belästigung beim ORF aus, Norbert Hofer heilt gelähmte Bettler am Tempelberg und der komische Geruch in der U1-Station Stephansplatz kommt in Wirklichkeit von einem 41-jährigen Lehrer, der täglich in die Lüftung speibt: Dieses bizarre "Tagespresse"-Parallel­universum, das unserem so zum Verwechseln ähnlich ist, erschuf der damals 22-jährige Fritz Jergitsch vor vier Jahren an einem Laptop in der Wohnung seiner Mutter.

Heute geht sein Publikum in die Hunderttausende und er ist Chef eines kleinen Satire-Unternehmens. Als er in T-Shirt und Jeans zum Interview erscheint, wirkt er fast schüchtern. Er denkt lange über die Fragen nach und gibt kurze, wohlüberlegte Antworten.


Herr Chefredakteur, warum ist die "Tagespresse" – laut Selbstbeschreibung – „das seriöseste ­Medium Österreichs“?


Fritz Jergitsch: Ich würde sagen, dass man mit Satire ziemlich viel Wahres aussagen kann. Auch wenn man, wie wir, mit Falschmeldungen arbeitet, enthält Satire immer ein Körnchen Wahrheit. Und ich finde, das gibt uns dann wieder irgendwie Seriosität.


In der Türkei wären Sie wahrscheinlich schon längst im Gefängnis. Weiß man als Satiriker Österreich mehr zu schätzen?


Ich bin nicht wirklich „dank­bar“, dass ich in Österreich arbeite – ich bin eher froh, dass ich nicht in der Türkei bin. So, wie es in Österreich ist, sollte es selbstverständlich sein. Freie Meinungsäußerung sollte nicht als Glück empfunden werden, sondern als absoluter Standard.


Wie würden Sie jemandem, der es nicht kennt, Österreich beschreiben?


Ich würde wahrscheinlich bei den Fakten bleiben. Also „ein kleines, relativ unbedeutendes Land zwischen Deutschland und Italien mit vielen Bergen“ oder so.


Wie entstehen eigentlich die Headlines der Tagespresse? Ist man da manchmal angesoffen oder sitzt man wirklich da und kalkuliert alles durch?


Das Problem bei Drogen ist, dass man irgendwann alles lustig findet. Also ist das keine gute Idee. Am besten ist es, wenn man nicht gestresst ist, wenn man entspannt ins Büro kommt und für sich den richtigen Modus findet. Ich zum Beispiel bin eher so ein Frühschreiber …


Wie war das, als 22-Jähriger, der noch bei der Mutter gewohnt hat, das ganze Land – oder gar die Welt – zu verarschen?


Als zum ersten Mal ein Artikel richtig explodiert ist, haben plötzlich Tausende Leute geglaubt, dass Edward Snowden in Wien ist. Es gab Medienanfragen ans Außenministerium – und da war mir schon ein bisschen mulmig. Aber man gewöhnt sich dran (lacht). Es hat sich damals niemand wirklich mit Fake News auseinandergesetzt. Man hat geglaubt, was im Internet steht.


Ist das heute anders?


Es kommt ganz selten vor, dass jemand auf uns reinfällt. Die Leute haben früher die haarsträubendsten Geschichten geglaubt – dass der Kahlenberg in Wien ausbricht oder dass ein Weißer Hai in der Donau herumschwimmt (lacht).


Bei der Tagespresse bewerben sich zu 90 Prozent Männer als Autoren. Woran liegt das?


Ich habe keine Ahnung. Vielleicht haben manche Männer ein höheres Mitteilungsbedürfnis. Vielleicht gibt es mehr Männer, die glauben, sie sind lustig. Oder mehr Frauen, die glauben, sie sind nicht lustig …


Am 19. September startet die Tagespresse-Show im ORF. Was können wir uns erwarten?


Für uns war der Anspruch, den Charme der Webseite auf den Bildschirm zu bringen. Was die Leute sich erwarten können, ist eine satirische Zeit im Bild mit Reportagen, investigativen Beiträgen, Außenreports. Aber natürlich – wie alles, was von der Tagespresse kommt – nicht immer ganz richtig.


Zufall, dass die Sendung so kurz vor der Nationalratswahl startet?


Das war natürlich mit Sebastian Kurz abgesprochen, wir haben ihm gesagt, er soll bitte Neuwahlen ausrufen, sonst haben wir im Herbst keine Themen. Und er hat Okay gesagt (lacht)!

 

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