"Wir haben keinen Platz mehr für Behinderte"

Die Regisseurin Anne Zohra Berrached erzählt, warum es wichtig ist über Spätabtreibungen zu reden und warum wir scheinbar keinen Platz mehr für behinderte Menschen haben.

In 24 Wochen stehen Astrid (Julia Jentsch) und Markus (Bjarne Mädel) vor der schwierigen Entscheidung, ob sie ihr Kind mit Down-Syndrom abtreiben sollen oder nicht. Astrid ist erfolgreiche Komikerin und Markus ihr Manager, sie haben bereits eine kleine Tochter, genug Geld und eine glückliche Beziehung. Trotzdem kommen Astrid Zweifel: Können sie das schaffen? Was ist das Beste für das Kind? Was ist das Beste für sie selbst? 24 Wochen kam am 23. September 2016 in die österreichischen Kinos. Wir haben mit der Regisseurin Anne Zohra Berrached über das schwierige Thema Spätabtreibung und Behinderung gesprochen.

In Ihrem Film geht es um ein Paar, Astrid und Markus, das mithilfe der Pränataldiagnostik erfährt, dass sein Kind Down-Syndrom hat. Die beiden müssen dann entscheiden, ob sie das Kind abtreiben oder nicht. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

In Deutschland bekommen über 90 Prozent der Frauen ihre Kinder nicht, wenn die Kinder eine Behinderung haben. Über 90 Prozent – unfassbar eigentlich, dass das so eine hohe Zahl ist. Außerdem wusste ich nicht, dass man sein Kind, wenn es eine Behinderung hat, bis zu den Wehen abtreiben kann. Das ist gesetzlich auch nicht weiter eingegrenzt.

Was heißt das?

Der Gesetzgeber sagt nur, dass ein behindertes Kind abgetrieben werden kann, aber nicht bei welcher Behinderung. Der Gesetzgeber tritt zurück und überlässt die Entscheidung dem Paar und dem Arzt.

Finden Sie das richtig?

Mittlerweile glaube ich, dass es das Richtige ist. In vielen Ländern ist das ja ganz anders geregelt, aber in Deutschland sehr liberal und ich finde das richtig. So eine Entscheidung kann niemand anderer für dich fällen, auch kein Gesetz. So schwer das ist, das muss man letztendlich alleine entscheiden.

Also hat Sie dieses moralische Dilemma interessiert?

Genau, der Film beschäftigt sich ja mit diesem Entscheidungskonflikt, den die Familie hat, die Eltern, alle eigentlich. Am Ende finden sie dann heraus: Das ist gar nicht unser Konflikt, die Entscheidung liegt bei der Frau. Das Kind ist nun mal in ihrem Bauch und wenn es Unstimmigkeiten gibt und alle etwas anderes wollen, dann kann sie sich nicht danach richten, sondern muss ihre Entscheidung selbst treffen.

Anna Zohra Berrached

Wie haben Sie sich auf den Film vorbereitet? Haben Sie zum Beispiel betroffene Paare
getroffen?

Ich habe mich wie bei all meinen Filmen sehr intensiv vorbereitet, weil ich es immer genau wissen will und nicht möchte, dass am Ende jemand sagt, ich hätte oberflächlich gearbeitet. Ich will, dass das richtig Tiefe kriegt. Und das klappt nur, indem ich viel darüber lese, zu den betroffenen Menschen Kontakt habe – also wie bei einem Dokumentarfilm in diese Welt eintauche. Das war einfach, wenn es um Fachleute ging, also Ärzte und Ärztinnen, Hebammen, Pfleger: Die wollten mit mir reden! Es war auch einfach, mit Eltern zu reden, die ihr behindertes Kind bekommen haben. Aber es war richtig schwer, ein Paar zu finden, das in einer späten Woche abgetrieben hat und danach auch noch bereit war, mit mir zu reden. Umso schwieriger es wurde, jemanden zu finden, umso mehr hat mich das aber bestärkt, weiterzumachen. Ich dachte mir: Das kann doch nicht sein, dass dieses Thema einerseits so präsent und andererseits so tabuisiert ist und immer im Verborgenen bleibt. Das zeige ich auch in meinem Film, als die Ärzte der Protagonistin raten: „Sagen Sie, dass es eine Fehlgeburt war, aber sagen Sie bloß nicht, dass Sie das selbst gemacht haben.“

Der Film ist immer ganz nah dran an den Darstellern und Darstellerinnen. Wie haben Sie gearbeitet?

Ich wollte die Realität in die Fiktion holen, also einen fiktiven Film machen, aber ihn so real und authentisch wie möglich gestalten. Alle im Film vorkommenden Ärzt*innen sind reale Ärzt*innen, die sich selbst spielen. Ich wollte ja keine Rolle, ich wollte eine Person. Und die mussten auch noch so mutig sein und sich vor eine Kamera stellen – mit ihren echten Gesichtern und Namen.

Außer der Arzt, der letztlich die Abtreibung durchführt. Sein Gesicht wird nicht gezeigt und im Abspann steht auch nicht sein echter Name...

Genau! Ein Abtreibungsarzt war fast nicht zu finden. Alle haben gesagt: Da krieg ich faule Eier an meine Praxis geworfen, wieso sollte ich mein Gesicht zeigen? Nur ein einziger hat sich bereit erklärt, das zu machen. Und er wollte seine Identität nicht zeigen, sein Gesicht nicht, seinen Namen nicht, am Anfang nicht mal seine Stimme. Als er dann den Rohschnitt gesehen hat, hat er geweint und gesagt: „Das ist so echt, so erlebe ich das in meinem Arbeitsalltag, Sie können meine Identität preisgeben.“ Also hat er seine Stimme behalten. Aber ich fand das sehr interessant, denn es steht so für dieses Thema und für diesen Film, dass er sein Gesicht nicht zeigen wollte.

Welche Reaktionen haben Sie denn am Anfang bekommen?

Anfangs sehr vorsichtige. Die Redaktion und die Geldgeber*innen hatten Angst, dass die Zuschauer*innen sich nicht mit der Hauptfigur identifizieren können. Und ich hatte auch Angst. Alle haben gesagt: Wie zum Teufel soll man mit einer Frau mitgehen, die ihr Kind im 7. Monat tötet? Also habe ich alles daran gesetzt, dass man mit ihr mitgeht. Deswegen ist der Film auch so emotional: Nicht weil die Hauptdarstellerin Julia Jentsch heult, sondern weil wir so nah dran sind mit der Kamera. Wir haben uns für Nahaufnahmen entschieden, in denen Julia Jentsch uns anguckt und fragt: Was würdest du tun? Wir sparen nichts aus, zeigen alles.

Stimmt. Da werden Zehennägel geschnitten, man sieht das Paar beim Sex...

Ja, und all das bringt uns die Figur näher, sie macht uns die Figur zur Freundin. Ich hoffe mit ihr, fürchte mich mit ihr und lebe mit ihr. Wir freuen uns mit dem Paar, als es sich am Anfang für das Kind entscheidet, als es sagt: Ja, wir wollen das. Das war wichtig, weil wir die beiden
dadurch so doll lieben. Wir glauben, dass sie wirklich das Kind bekommen wollen, egal was kommt. Die schaffen das, sind eine tolle Familie, haben die finanziellen Möglichkeiten, ein Kindermädchen – und trotzdem kriegt die Frau Zweifel.

Anna Zohra Berrached

In Österreich werden Abtreibungen nicht statistisch erfasst. In Deutschland nehmen sie zwar insgesamt ab, Spätabtreibungen aber stark zu. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Das kann ich nicht beantworten, weil es dafür wahrscheinlich viele verschiedene Gründe gibt. Ein Grund ist, dass es in unserer Gesellschaft weniger behinderte Menschen gibt, wir sind weniger in Berührung damit. Wir wollen Kinder, die Leistung bringen und Menschen die weniger Leistung bringen, sind weniger wert. Ich kenne Mütter, denen gesagt wurde: „So ein Downie muss doch heutzutage nicht mehr sein!“ Das stimmt ja in gewisser Weise auch, kann man ja wegmachen, wenn man will.

Haben wir keinen Platz mehr für Behinderte?

Zugespitzt gesagt: ja. Wenn man einer Religion angehört, ist die Entscheidung wesentlich einfacher. Da gibt es eine moralische Instanz, die sagt: Nimm dein Schicksal an. Ich habe das Gefühl, dass Menschen, die einer Religion angehören, dieses Schicksal viel mehr annehmen. Man hat fast wieder eine Sehnsucht nach solchen Strukturen. Es muss aber auch erlaubt sein, dass man sein Schicksal nicht annehmen möchte.



Die Hauptfigur Astrid muss eine existenzielle Frage beantworten: Welches Leben ist lebenswert.

Im Film sieht man, dass Astrid Zweifel auf verschiedene Arten kommen. Anfangs hat sie das Gefühl: Ich habe die Verantwortung, dem Kind das Leben auch nicht zu geben, also dem Kind das Leid zu ersparen. Sie denkt also sehr an das Kind. Und irgendwann kommt sie darauf, dass es eben nicht nur um das Kind geht, sondern auch um sie selbst und ihr Leben.


Sie ist Komikerin und ich habe ihr damit einen Beruf gegeben, der nicht nur Beruf, sondern Berufung ist. Sie liebt und lebt diesen Beruf, so wie ich meinen Beruf auch. Und wenn sie sich für das Kind entschieden hätte, könnte sie den Beruf nicht mehr ausüben, da muss man einfach ehrlich sein.

Warum ist Astrid Komikerin?

Ich wusste immer, dass der Film ein herausfordernder Film werden wird. Ich wusste: Das wird einfach ein fettes Drama, das wird tief gehen, die Leute werden heulen. Ich habe auch geheult, als mir die Frau erzählt hat, dass sie in der 26. Woche ihr Kind abgetrieben hat, das ist nicht leicht. Ich wollte also ein Gegengewicht schaffen. Was ist das Gegengewicht? Wenn jemand lachen muss. Für Astrid ist es sehr schwer, wenn sie lachen muss. Und dann dachte ich: Was ist noch schwerer als lachen? Andere zum Lachen zu bringen! Außerdem war für mich immer klar, dass die Hauptfigur eine öffentliche Person sein muss, weil ich im Kopf hatte, dass sie am Ende in die Öffentlichkeit geht und über ihre Abtreibung spricht.

Obwohl die Frau schwanger ist, gebären muss, die Abtreibung aushalten muss, wird der politische und gesellschaftliche Diskurs über das Thema (Spät-)Abtreibung immer noch hauptsächlich von Männern bestimmt. Welche Rolle soll/kann/muss ein Mann denn spielen?

Das ist eine ganz schwere Rolle, die der Mann einnimmt, weil er irgendwann begreifen muss, dass er im Zweifel eben nichts zu sagen hat. Ideal wäre natürlich, wenn der Mann die gleiche Haltung hat wie die Frau, aber das ist nur in wenigen glücklichen Zufällen so. Wenn er das nicht hat, muss er seine Haltung trotzdem laut und deutlich sagen. Das tut bei uns im Film der männliche Hauptdarsteller Bjarne Mädel, an mancher Stelle auch zu heftig. Wir alle machen in so einer Situation vielleicht nicht alles richtig, deswegen ist er kein Arschloch – er ist einfach ein Mensch. Am Ende tut er etwas Großes: Er geht mit. Er schluckt seine eigene Haltung runter, er akzeptiert ihre Entscheidung. Das sagt er nie, aber er zeigt es durch seine Handlungen. Er kommt ins Krankenhaus, macht die Abtreibung mit und nimmt sich zurück.

Das ist groß. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich versuchen, der Frau so viel Informationsmaterial wie möglich zu besorgen, ich würde ein anderes Paar suchen, das schon einmal in so einer Situation war, würde versuchen, eine Stütze zu sein. Das wäre ideal. Aber wenn man mal keine Stütze sein kann, ist das auch legitim.

Eine der ersten Reaktionen der Hauptfigur, als sie erfährt, dass das Kind behindert ist, ist, dass sie sich selbst die Schuld gibt. Woher kommt dieser Schuldreflex bei Frauen?

Naja, das Kind ist nun mal in ihrem Bauch. Alles, was sie tut, was sie isst, der Stress, den sie sich macht – all das beeinflusst das Kind. Und man führt ja nicht immer das perfekt Leben. Wenn es um Down-Syndrom geht, ist das natürlich totaler Quatsch, das kommt nicht von einer Zigarette oder der falschen Ernährung. Aber ich wollte damit zeigen, dass man, wenn man so eine Diagnose bekommt, erst einmal fragt: Was habe ich getan?

Die Pränataldiagnostik kommt ja leider nicht mit einem moralischen Handbuch...

Nein, das wäre schön! Wir haben die Pränataldiagnostik, darüber wird auch ganz viel geredet. Aber was danach kommt, nämlich wenn die Pränataldiagnostik am Ende ist, darüber wirdnicht geredet. Die Pränataldiagnostik vermittelt uns Sicherheit, weil wir denken, unser Kind
ist dadurch sicherer im Bauch, wenn wir es untersuchen und Bescheid wissen. Aber wenn ich plötzlich mit dem Wissen konfrontiert bin, dann muss ich auch damit umgehen. Das macht es nicht sicherer, das ist totaler Quatsch. Aber es wird uns so verkauft.

Im Film gibt es immer wieder Zwischenschnitte, die ein echtes Baby im Uterus zeigen. Was war Ihre Absicht dahinter?

Ich habe mich gefragt, wie ich die Gefühle, die die Mutter zu dem Kind hat, verbildlichen kann. Die Bilder sind während einer Operation im Uterus aufgenommen worden, das gab es noch nie auf der Leinwand. In Deutschland gibt es nur vier Ärzte, die solche Operationen durchführen. Wir haben einen solchen Arzt gefunden und ihm eine Kamera besorgt, die HDMaterial filmt. 24 Wochen ist ja unter anderem auch Fee gewidmet, das ist das Kind, das man bei den Aufnahmen sieht. Bei ihr wurde ein offener Rücken diagnostiziert, durch die Operation ist sie kaum behindert. Andererseits ist der Film aber auch einem Kind gewidmet, das in der 26. Schwangerschaftswoche abgetrieben wurde, Khodadad.

Bei Ihrem ersten Langfilm, 2 Mütter, gibt es einen klaren Appell, nämlich: Lasst homosexuelle Paare Kinder bekommen. Gibt es so eine klare Botschaft bei diesem Film auch?

Naja, eigentlich schon. Ich dachte immer, dass ich nur Filme machen möchte, wo ich Position beziehe, mit denen ich etwas bewegen will. Hier ist das ein bisschen anders: Meine Botschaft ist nicht für oder gegen etwas, sondern, dass wir über das Thema reden müssen. Wenn die
Themen Pränataldiagnostik und Spätabtreibung so aktuell sind und so viel Geld da reinfließt, müssen wir uns doch auch fragen: Was kommt danach? Und das ist auch die Botschaft meines Filmes: Redet darüber!

Hat sich Ihre persönliche Haltung zu dem Thema während der Arbeit an dem Film verändert?

Ja, ich bin vorsichtiger geworden. Am Anfang habe ich immer gesagt: Mensch, wenn da so ein Down-Syndrom-Kind kommt, das könnte ich kriegen! Nicht unter allen Umständen, aber ich würde das schaffen und trotzdem meinen Beruf weiterhin ausüben – dachte ich. Aber dann habe ich gelernt, dass man bestimmte Entscheidungen nicht aus dem Trockenen heraus entscheiden kann. Ich glaube, dass von diesen 90 Prozent der Frauen, die abtreiben, viele Frauen zuerst wahrscheinlich ähnlich dachten wie ich. In der konkreten Situation entscheiden sie sich aber trotzdem anders. Das ist es, was ich gelernt habe: Bitte Mund halten und nicht darüber urteilen, wenn du nicht selbst in der Situation bist.

Seit dem 1.1.1975 ist der Schwangerschaftsabbruch nach §97 StGB straffrei, wenn er von einem Arzt auf Antrag der betroffenen Frau und innerhalb der ersten drei Monate durchgeführt wird. Nach Ablauf dieser Frist ist ein Abbruch nur aus schwerwiegenden Gründen möglich, also wenn ernste Gefahr für das Leben oder die körperliche/seelische Gesundheit der Schwangeren oder des Kindes besteht. Dabei bleibt offen, wer über den 5 Schweregrad dieser Gefahr und damit letztendlich über den Schwangerschaftsabbruch entscheidet. In Österreich wird, anders als zum Beispiel in Deutschland, keine Abtreibungsstatistik geführt. Das hat unter anderem auch damit zu tun, dass die Kosten für eine Abtreibung in Österreich nicht von den Krankenkassen übernommen werden.

In 24 Wochen stehen Astrid (Julia Jentsch) und Markus (Bjarne Mädel) vor der schwierigen
Entscheidung, ob sie ihr Kind mit Down-Syndrom abtreiben sollen oder nicht. Astrid ist erfolgreiche Komikerin und Markus ihr Manager, sie haben bereits eine kleine Tochter, genug Geld und eine glückliche Beziehung. Trotzdem kommen Astrid Zweifel: Können sie das schaffen? Was ist das Beste für das Kind? Was ist das Beste für sie selbst? 24 Wochen kommt am 23. September 2016 in die österreichischen Kinos.

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