Wir haben am Wochenende Fuller House gesehen und sind in Tränen ausgebrochen

Kritiker hassen das Spin-Off von Full House, wir finden die Show wird weitgehend unterbewertet.

Genau wie ein großer Teil des Internets habe ich das Wochenende damit verbracht, Fuller House anzusehen, und ich war bereit, es zu hassen. Jede Kritik die ich davon gelesen hatte, war vernichtend, meine Erwartungen hielten sich also in Grenzen. Der Grundton der meisten Kritiken war, dass das Konzept der „Heile Familie-Sitcom“, in der jedes Problem mit einer Umarmung gelöst wird, nicht ins Jahr 2016 passt, und schon gar nicht wenn man eine Menge alter Witze aufwärmt, die schon 1993 nur halblustig waren. Wie lange kann man noch über süße Kleinkinder die „So ein Käse“ oder „Wie unhöflich“ sagen, schmunzeln? Insgesamt super kitschig. Die Konklusio: Fuller House taugt nur für 90-er Nostalgiker, und selbst da stellt sich die Frage, ob die Euphorie bis zur 13. Folge aushält.
Und dann kam die große Überraschung: Ich habe Fuller House geliebt. Natürlich bin ich einer dieser Nostalgiker, und die Show wurde genau für Leute wie mich gemacht. Und trotzdem finde ich, dass Fuller House weitestgehend unterbewertet wird.

Für die Zielgruppe perfekt

1989 geboren, verbrachte ich einen beträchtlichen Teil meiner Kindheit mit der Familie Tanner. Die Show wurde von 1987 bis 1995 produziert und stellt die ersten Fernseherfahrungen einer gesamten Generation dar, die sich abends auf ORF eins eine der 30-minütigen Folgen ansehen durften. Diese Masse an Fans und das kulturelle Erbe der Show sollte man nicht unterschätzen: Full House war eine der erfolgreichsten Serien der 90er und lief jahrelang in Wiederholungen auf der ganzen Welt. Und den Twitter-Reaktionen nach zu urteilen, scheinen mehrere 90er-Kinder so melancholisch wie ich auf das Spin-Off reagiert zu haben.

Ja, Nostalgie ist ein großer Teil davon

Die erste Folge ist fast ein 1:1 Remake der ursprünglichen ersten Folge und trieft nur so vor nostalgischen Erinnerungen, und ja, zeitweise ist das unangenehm kitschig. Aber als D.J., überfordert von der Aussicht ihre drei Söhne alleine zu erziehen, traurig mit ihrem Baby spricht, ist mir die erste Träne runtergeronnen. Beim Vorspann der zweiten Folge hab ich richtig hart zu weinen begonnen, und war selbst gleichermaßen überfordert wie überrascht von dieser Reaktion. Aber irgendwas von der „Everywhere you look“-Melodie, gemeinsam mit den Original-Bildern von D.J., wie sie auf ihrem Bett liegt und mit abgewinkelten Beinen telefoniert, brachte einen lang vergessenen Teil meiner Kindheit hoch. Ich hab mir dann Carly Rae Jepsens Version gleich noch ein paar Mal auf Youtube angehört, meine Rührung hörte gar nicht mehr auf, und ihre Stimme hat nie schöner geklungen als bei den Worten „Whatever happend to predictability?“ Sie ist auch der Grund dafür, warum ich nach 20 Jahren nun endlich den Text mitsingen kann. Als Teenager fand ich den Text des Anfangslieds immer noch unmöglich zu verstehen, und als 6-Jährige sang (schrie) ich immer unbeholfen „Whatever happened to badi badi badi“ durch’s Haus.

Trotz Mankos auch für Nicht-Nostalgiker sehenswert

Aber selbst als die erste nostalgische Rührung - weil Kindheit reloaded – abgenommen hat, und die Show in ihren normalen Rhythmus fand, freute ich mich auf’s Weiterschauen. D.J.‘s Kinder sind richtig gut gecastet, spielen natürlich und sind nicht nur wirklich herzig, sondern auch lustig. Gerade Elias Harger, der den 7-jährigen Max spielt, sticht heraus, seine Stimme bricht jedes Mal wenn er vor Aufregung freudige Neuigkeiten herausschreit. Ja, es ist noch immer eine familienfreundliche Vorabendserie, Gesellschaftskritik wird man darin nicht finden, und auch die Darstellung ethnischer Vielfalt lässt zu wünschen übrig: Die einzigen Schwarzen Menschen, die in Fuller House vorkommen, sind Coffeshop-Baristas und Rezeptionistinnen und Kimmy Gibblers Mann Fernando ist eine Ansammlung der schlimmsten Latino-Stereotypen. Wofür die Show aber nicht genug Ansehen bekommt, ist dass sie sich ziemlich bewusst darüber ist, dass sie eine aufgewärmte Familienshow aus den 90ern ist. Es wird sogar immer wieder in Meta-Witzen thematisiert, wie wenn Kimmy Gibbler zur fiktiven „Wake Up San Fransisco“ Reunion sagt: „Ist es nicht traurig, wenn die alte Besetzung wieder für eine lahme Reunion herangekarrt wird?“ Darauf sagt Danny Tanner alias Bob Saget: „Nicht, wenn sie von Millionen von Menschen geliebt wird!“ In fast jeder Folge machen sie sich darüber lustig, wie oft sie sich umarmen und es gibt irgendeine, mal mehr, mal weniger selbstkritische Referenz zum realen Leben der Schauspieler. Und aus feministischer Perspektive ist die Show tatsächlich in den 2010ern angekommen: Die drei Hauptdarstellerinnen werden als sehr unabhängig dargestellt, einen Tanzwettbewerb kann man auch mal mit der besten Freundin gewinnen.

Ob es eine zweite Staffel geben wird, werden wohl die Aufrufstatistiken von Netflix entscheiden, aber dem Hype und Social Media-Reaktionen nach, wird es wohl so sein. Meinen hypothetischen Zukunftskindern soll nichts Schlimmeres passieren, als der Familie Fuller beim Umarmen im täglichen, familienfreundlichen Vorabendprogramm zuzusehen.

 

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