Wir brauchen keine Influencer - sondern Real-Life Rebellen!

Statt gegen Donald Trump und ertrinkende Flüchtlinge zu kämpfen und zu protestieren, starren wir stumpf auf unsere Smartphones starren, um Influencer anzuhimmeln, die ihre Haut für ein Paar Turnschuhe verkaufen.

Letztens war ich in London auf der Fashion Week. Ich war mit einer Nachwuchs-Instagramerin unterwegs, die alle paar Minuten in eine ausdrucksvolle Schockstarre verfiel: ein Bein vor das andere, Kopf nachdenklich Richtung Zehenspitzen geneigt, Tasche in der Hand baumeln lassen. Diese Pose war für die PR-Frau, die uns begleitete, das Kommando, die Nachwuchs-Instagramerin sofort von allen Seiten mit dem Handy zu fotografieren. Denn, so trug man mir zu, wenn man genau diese Pose auf Instagram stellt und dann das Bild per Filter so stark aufhellt, dass es einem die Netzhaut wegbrennt, gilt man auf Instagram in Nullkommanix als Influencer und bekommt von wohlwollenden Modefirmen sogar Turnschuhe (!) geschenkt. Während die Nachwuchs-Instagramerin dieserart ausgiebig mit sich selbst spielte und nicht einmal mitbekam, dass hinter ihr Stella McCartney vorbeihuschte, interviewte ich backstage den Friseur von Sienna Miller und Victoria Beckham. Er erzählte mir, dass die Zukunft unserer Haare wild werden würde: Schluss mit dem Perfektionswahn, Haare sollen wieder rocken dürfen.

Influencer-Impfung

Wie das mit dem Rocken am besten geht, zeigte mir die Ausstellung You Say You Want a Revolution? Records and Rebels 1966-1970 im Victoria&Albert Museum. Dort reiste ich zurück in die Zukunft, begab mich virtuell nach Woodstock, sang mit Janis Joplin, flog zum Mond, erfand die Pille, kämpfte für die Rechte der Schwulen und protestierte gegen den Vietnamkrieg. Die Ausstellung endete mit einer Fast-Forward-Slideshow in die Gegenwart.

Und während John Lennon Dreamer sang, sah ich statt glücklicher Hippies und ihrer Hoffnung auf eine bessere Welt plötzlich Bilder von Donald Trump, Flüchtlingsbooten und Menschen, die, statt zu singen, zu erfinden, zu kämpfen und zu protestieren, stumpf auf ihre Smartphones starren, um Influencer anzuhimmeln, die ihre Haut für ein Paar Turnschuhe verkaufen. Ich weinte eine Runde, so frustrierend fand ich das alles.

Dann drehte ich für den Rest des Tages mein Handy ab, ließ mir die Haare rockig schneiden und begann zu grübeln und zu schreiben. Das ist zwar auch noch meilenweit von einer Revolution entfernt, aber immerhin ein Anfang.

Martina Parker ist WIENERIN Kolumnistin und Beauty-Representative und schreibt in ihrer monatlichen Kolumne über Skurrilitäten aus dem Beauty-Business und darüber, was sie im Leben bewegt.

 

Aktuell