Wir bleiben lästig

Unsere Redakteurin scheißt auf Gender Mainstreaming. Und hat ziemlich viel Vertrauen, dass wir Frauen auch weiterhin lästig sind.

Ich weiß schon, warum das Wort Feminismus eine negative Konnotation hat. Warum wir so tun, als wäre Feminismus nur für radikale, verbittere Frauen, die in den 70ern mit Latzhosen herumgerannt sind. Weil er unbequem ist. Weil alle gesellschaftlichen Veränderungen, die den Status Quo so massiv aufbrechen möchten, verdammt unbequem sind.

Im politischen Kontext hat sich die letzten paar Jahre der Begriff „Gender Mainstreaming“ für alle Fragestellungen rund um Gleichberechtigung eingebürgert. Im Gegenteil zum Feminismus möchte Gender Mainstreaming nämlich die gesellschaftlichen Auswirkungen auf beide Geschlechter bei allen politischen Entscheidungen miteinbeziehen. Oke, ich schau nochmal schnell nach, was Feminismus bedeutet.

Auf Wikipedia steht das so:

Feminismus (abgeleitet von lateinisch femina Frau und -ismus über französisch féminisme)[1] bezeichnet sowohl eine akademische als auch eine politische Bewegung, die für Gleichberechtigung, Menschenwürde, die Selbstbestimmung von Frauen sowie gegen Sexismus eintritt.

Es darf auch Wörter geben, in denen Männer nicht vorkommen

Stimmt, da kommen jetzt Männer nicht konkret drinnen vor. Und das ist meiner Meinung nach das große Problem, das viele Menschen damit haben. Aber die Geschichte hat nun einmal so angefangen, dass über die letzten 5000 Jahre hinweg (schwierigstes Buch, aber trotzdem Leseempfehlung: Die Geschichte des Patriarchats von Gerda Lerner) Frauen in einer patriarchal organisierten Gesellschaftsordnung unterdrückt wurden. Weil Frauen aber basic Rechte wie politische Mitbestimmung, Bildung und nicht vergewaltigt zu werden, schon auch geil finden, haben sie sich zusammengetan und vor circa 150 Jahren ist eine Frauenbewegung entstanden. Feminismus ist aber ein riesig breitgefasstes Thema, es gibt 1000 verschiedene Strömungen und in der feministischen Theorie kommt ganz oft vor, dass auch Männer von einer nicht patriarchal organisierten Gesellschaft profitieren würden. Ganz einfach weil starke Geschlechternormen uns allen schlecht tun. Weil sie uns davon abhalten, so zu sein, wie wir einfach sind. Ich will mich ja auch nicht am Schulhof prügeln müssen, um meine Stärke zu demonstrieren. Ganz abgesehen von Menschen, die sich ihrem biologischen Geschlecht nicht zugehörig fühlen oder sich überhaupt nicht in einer binäre Geschlechterordnung einordnen wollen. Das alles wird unter dem Deckmantel Feminismus thematisiert, aber es ist einfach noch immer zu hart für unsere patriarchale Gesellschaft, eine gesellschaftliche Bewegung nach Frauen zu benennen. WEIL WO KOMMEN DA DIE MÄNNER VOR?! Als ob die nicht eh schon 90 Prozent des deutschen Sprachgebrauchs mit dem generischen Maskulin dominieren würden. Könnten vielleicht einfach diese 5000 Jahre Unterdrückung, und die Tatsache, dass die Bewegung hauptsächlich durch starke Frauen vorangetragen wurde, Legitimation genug sein?

Das muss eine*r machen

Dass wir heute so weit sind, dass manche gar glauben, wir haben schon alles erreicht, hat nämlich einen Grund. An dieser Stelle möchte ich Christine Nöstlinger zitieren, die in einem der für mich erinnerungsträchtigsten Momente des Jahres 2015 zu mir gesagt: „Die Erfolge wären nicht sowieso gekommen! Das hat müssen einer machen. Das heißt vor allem eine hat das gemacht: die Johanna Dohnal.“ Johanna Dohnal, Rosa Jochmann, Hertha Firnberg, Käthe Leichter... sie haben das alle für uns gemacht. Und sicher noch hunderte andere Frauen, die nicht in der Öffentlichkeit standen, aber ohne deren Grundunterstützung man gesellschaftliche Veränderungen nicht hätte umsetzen können. Und vielleicht hatten sie Latzhosen an und waren manchmal grantig auf Männer, wie man es Feministinnen manchmal vorwirft. Aber ich bin auch oft grantig, wenn ich mich damit beschäftige, wie viele Vergewaltiger freigesprochen werden oder wie wenig Frauen es in Vorstandsetagen schaffen. Und ich habe zu viel Respekt vor den Errungenschaften dieser Feministinnen, als dass ich das Wort nicht verwenden würde, weil es sich zu sehr auf Frauen fokussiert.

Noch nicht alles erreicht

Jedenfalls ist mir diese Bewegung wichtig. Weil es echt noch viel zu tun gibt. Weil Frauen noch immer un- oder zumindest unterbezahlt einen Großteil der Pflege-, Erziehungs- und Hausarbeit verrichten, damit das Funktionieren unserer Gesellschaft erhalten, und kaum Anerkennung dafür bekommen. Weil sie, wenn sie Erwerbsarbeit verrichten, 24 Prozent weniger als Männer verdienen. Weil sie viel öfter Gewalt, Armut und Abhängigkeit ausgesetzt sind. Weil sie einfach schwierigere Bedingungen haben, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen.

Johanna Dohnal weiß, wie's geht

„Nur eine Frauenorganisation, die lästig ist, hat eine Existenzberechtigung“, hat Johanna Dohnal mal gesagt. Sie war die erste Frauenministerin und jetzt gibt es nicht einmal mehr ein eigenständiges Frauenministerium. Und jetzt sind wir dran, mit lästig sein. Ich bin mir sicher, dass diese Generation wieder eine kraftvolle Frauenbewegung auslösen kann. Unsere eigene, vielleicht mit Latzhosen, vielleicht mit Lippenstift, vielleicht mit Hashtag. Vielleicht könnten wir noch ein bisschen öfter auf die Straße gehen, aber wir bestimmen politisch mit, sagen im Netz immer unsere Meinung, lassen uns nicht zum Schweigen bringen und wir nehmen Raum ein. In Österreich sind grad so starke Frauen unterwegs: bei der Wienerin, bei Vice, im Nationalrat, bei den Sororities, in Flüchtlingsunterkünften. (Die Auswahl ist natürlich eine ziemlich subjektive Wahrnehmung). Die aktuelle humanitäre Krise wäre ohne das Engagement von Frauen nicht einmal bewältigbar gewesen. Wir fetzen jetzt rein. Und sind weiter lästig.

Die Autorin ist lästig auf Twitter: @TeresaHavlicek

 

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