Winterdepression: "Wenn man nicht mehr zurechtkommt, wird es behandlungswürdig"

Edda Winkler-Pjrek ist Leiterin der Ambulanz für Herbst-Winter-Depressionen am AKH Wien. Wir fragen sie, ab wann der Winterblues zum Problem wird und wie eine Umstellung des Lebensstils durch das saisonale Tief hilft.

Was tun bei Winterblues

WIENERIN: Der Jänner ist für viele eine schwierige Zeit. Warum haben wir da so oft einen Winterblues?

Edda Winkler-Pjrek: Typischerweise beginnt die Winterdepression schon im November mit der Zeitumstellung, wenn es schlagartig eine Stunde früher dunkel wird. Viele unserer Patienten sagen, sie kriegen direkt Panik, weil sie sich plötzlich fast gefangen fühlen in dieser Dunkelheit. Im Dezember wird es dann oft besser – es beginnt das Weihnachtliche, die Lichter … Danach denkt man, man hat es überstanden, aber in Wirklichkeit beginnt ja der Winter erst. Im Jänner und Februar kommen dann wieder mehr Menschen zu uns in die Ambulanz.

Der Winter drückt ja den meisten auf die Stimmung. Ab wann spricht man von einer Depression?

Bei einer Depression merkt man eine richtige Traurigkeit oder auch Gereiztheit, oder dass man zu wenig Antrieb hat oder sogar Konzentra­tionsstörungen bekommt; dass man in der Arbeit nicht mehr "funktionier" oder es nicht mehr aus dem Bett schafft. Immer, wenn man das Gefühl hat, man kommt nicht mehr zurecht, wird es behandlungswürdig. Es ist ja interessant, dass Studenten oder Leute in Pension viel weniger in unsere Ambulanz kommen – sie können es sich leisten, dass sie später aufstehen und dann die Mittagszeit nützen. Sie passen sich mehr an den winterlichen Tagesrhythmus an. Wenn man berufstätig ist, wird erwartet, dass man im Sommer wie im Winter gleich fit ist, gleich schön und schlank. Und das ist schwierig.

Wie sieht die Behandlung bei Ihnen in der Ambulanz aus?

Früher ging es mehr um das Ausborgen von Lichtlampen, aber mittlerweile haben sich die meisten Pa­tienten selbst welche besorgt. Es kann auf eine medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva hinauslaufen – man kann aber auch Patienten in Sachen Lifestyle beraten.

Stichwort Lichttherapie: Mittlerweile gibt es Lampen, die man für 30 bis 60 Euro bekommen kann. Wie gut sind diese?

Optimal wäre eine starke Lampe, die in 50 bis 80 Zentimetern Entfernung 10.000 Lux hat. Wenn Sie bei Amazon "Lichttherapie­lampe 10.000 Lu"“ eingeben, kriegen Sie ganz viele Ergebnisse; wenn man genau liest, findet man dann aber die Info "in zehn Zentimetern Entfernung". Das ist dann leider nicht sehr praktikabel. Aber es gibt auch Stu­dien, die besagen, dass es gleichwertige Erfolge bringen kann, wenn man schwächere Geräte verwendet und dafür länger Zeit davor verbringt – statt der halben Stunde vielleicht zwei Stunden am Tag.

Was halten Sie von Alternativen wie Kopfhörern mit UV-Licht?

Bei uns auf der Ambulanz gibt es das nicht zum Ausborgen. Die Studien, die zu diesem Gerät veröffentlicht wurden, waren alle von der Herstellerfirma in Auftrag gegeben. Wenn man das aufmerksam liest, gibt es nicht wirklich ein tolles Outcome. Noch dazu kann in diesen Publikationen nicht erklärt werden, wie der Wirkmechanismus sein soll.

Sie haben Lebensstilberatung erwähnt. Was empfehlen Sie?

Viele Patienten sagen, es hilft ihnen, wenn sie es schaffen, sich im Winter genauso viel zu bewegen wie im Sommer. Sport wirkt anti­depressiv. Oder man versucht, weniger Kohlenhydrate zu essen, weil Zucker und Kohlenhydrate Entzündungen fördern und diese Depres­sionen auslösen. Wir empfehlen auch Intervallfasten, oder viel Fisch zu essen. Dass man sich eher ernährt wie im Sommer, kann viel helfen

 

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