Winter auf Sylt

Im Sommer gehört Sylt den Reichen und Schönen, im Winter vor allem sich selbst. Dann ist die beste Reisezeit für all jene, die lieber Friesennerz tragen als Pelz.

Die steife Brise ist so verwirrt, dass sie schlagartig auf Südwest dreht. Kein Wunder. Gestern waren sie noch da, ihre Spielkameraden. Doch über Nacht hat es sie einfach weggeschneit. Die Heide ist unter der weißen Pracht verschwunden, der feine Sand und die grauen Holzbohlenwege. Vom Strandhafer sind auch kaum mehr als ein paar steife Halme zu sehen. Und selbst die silbergrauen Wellen der Nordsee, mit denen es sich sonst so herrlich tosen lässt, erstarren zu bizarren Eisskulpturen, kaum dass sie den Strand erreicht haben.

Neue Windrichtung
Ein wenig frostiert, pardon frustriert bläst der Wind durch Westerland. Irgendwo muss es doch noch ein Prada-Täschchen geben, an dem er zerren könnte. Oder zumindest einen Kaschmirpulliträger mit Logo auf der Brust, der beim Edelfisch-Imbiss „Gosch" um ein Krabbenbrötchen ansteht. Aber nein, es ist keiner zu finden. Alle wieder abgereist nach den Weihnachtstagen und Silvesterpartys. Nur ein paar einsame Strandkörbe, die es nicht mehr rechtzeitig ins schützende Lager geschafft haben, sind ihm geblieben, um sich auszutoben.

Ab auf die Zeitinsel
Ja, der Wind erkennt Sylt kaum wieder an diesem Jännermorgen. Und doch ist die größte der nordfriesischen Inseln gerade jetzt besonders authentisch, ungeschminkt, privat. Es ist, als hätte sich die Natur aus ihrem offiziellen Touri-Dress geschält und es sich gemeinsam mit den Insulanern unterm Reetdach gemütlich gemacht, um nach all dem Promistress wieder zur Ruhe zu kommen - und zu sich selbst. Sogar das geschichtenerzählende Treibgut bleibt am Strand liegen, weil niemand schon im Morgengrauen zur Reinigung aufbricht.
Zwischen November und März nimmt sich die Insel Zeit. Und sie gibt gern etwas davon ab. So mancher fühlt sich nach einem Wochenende im Sylter Schnee, als habe er wenigstens zwei Wochen Urlaub gemacht. Was die Insel sonst noch zum denkbar besten Wintererholungsort macht? Bannig (= Plattdeutsch für „mächtig") viel!

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Inselkoller? So sicher nicht:

Hinkommen: Von Österreich aus gibt es leider keinen Direktflug. Aber via Düsseldorf kommt man mit Air Berlin auf die Insel. Alternative: Autoreisezug ab Niebüll.

Übernachten: Modern, aber gemütlich: die neue 5-sterne-Wellness-Oase „Grand Spa A-Rosa“ in List. Preisbeispiel: 4 Nächte im DZ inkl. HP ab € 519,–, resort.a-rosa.de.
Romantisch und gediegen: das „Romantik-Hotel Benen-Diken-Hof“ in Keitum. DZ pro Nacht ab € 206,–. Infos: benen-diken-hof.de.

Essen: Nette Strandbar: „Wonne-meyer am Strand 1“ bei Wennigstedt, wonnemeyer.de.
Legendär und edel: die „Sturm-Haube“ in Kampen, sturmhaube.de.
Die besten Krabbenbrötchen gibt’s bei „Gosch“ (3 x auf Sylt), gosch.de.
Fitnessküche vom Sternekoch: im „Landhaus Stricker“ in Tinnum. landhaus-stricker.de. Die frischesten Austern bei „Dittmeyer’s Austern-Compagnie“ in List, sylter-royal.de.

Literat(o)ur: Silke von Bremen, Autorin von „Gebrauchsanweisung für Sylt“ (Piper, € 15,40) bietet tolle Insel-Führungen an, sylt-island.de.

Infos: Deutsche Zentrale für Tourismus, Tel.: 01/51 32 27 92-12. deutschland-tourismus.at.
Sylt Marketing, Tel.: 0049/4651/82 02 0, sylt.de

1. Die anderen Touristen
Nichts stört die sinnliche Winterträgheit der Insel. Und vor allem: niemand. Denn die Reisenden, die jetzt mit dem Autozug über den Hindenburgdamm kommen oder mit Air Berlin nach Westerland, schauen nach innen statt auf die Rolex. Also trägt man Friesennerz (Ölzeug) statt Pelz, trinkt Pharisäer statt Prosecco (s. Punkt 6) und geht im „Landhaus Stricker" oder in der „Sturmhaube" essen, wann's der Hunger befiehlt und nicht die Reservierungsliste der Edelrestaurants.

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2. Die echten Sylter
Die Sylter sind also auch im Winter nicht unter sich. Aber zumindest sind sie den Touristen einmal nicht zahlenmäßig unterlegen. Wer jetzt mit einem NF-Kennzeichen über den Strönwai cruist, darf mit einem „Moin" gegrüßt werden. Oft, nicht immer, wird man dann nicht nur zurückgegrüßt, sondern auch gleich eingeladen. Zum Bingo am Kaminfeuer. Zur Schlittenfahrt an den Strandüberhängen. Zum Eislaufen auf den Sielen hinterm Deich. Oder zu einem der vielen Feste (s. Punkt 3).
Dort kann man dann selbst Insel-Originale schnell und eng kennen lernen. Wie etwa Dieter Behrens, Longboard-Pionier und Mitbegründer der legendären „Buhne 16". Freilich ist der einstige FKK-Strand, an dem sich schon Brigitte Bardot und Gunter Sachs tummelten, heute fast bürgerlicher Familientreff, Bistro inklusive. Aber so manche Anekdote weiß der Dieter schon noch zu erzählen.

3. Die wahren Partys
Im Winter zeigen die Sylter, wie sie feiern, wenn sie einmal nicht Gastgeber, sondern Gast sind. Zu Weihnachten und Neujahr etwa, wenn sich die Insulaner - im (Adams-)-Kostüm - in die eisige Nordsee stürzen. Oder am 21. Februar. Dann ist nämlich Biike. Biike, das ist, wenn's vorne richtig heiß wird und hinten a...kalt bleibt. Weil man sich nämlich nach Einbruch der Dunkelheit um haus hohe Scheiterhaufen versammelt - aufgetürmt aus Strandgut, Christbäumen und Heckenschnitt. Ganz obenauf: eine Stoffpuppe namens „Pidder", als Symbol für den Winter, den es abzufackeln gilt.
Ist diese Tat unter reichlich Genuss von Hochprozentigem vollbracht, geht's heim, zu Nachbarn oder ins Restaurant, um das zu verzehren, was man schon Tage zuvor gerochen hat: endlos gekochten Grünkohl. Und zwar „mit alles", wie die Sylter sagen und womit sie Bratkartoffeln, Schweinebacke, Kassler und Kochwurst meinen.

4. Die Entschleunigung
Viel könnte man machen, an den Tagen zwischen den Festen. Bei „Dittmeyer's" in List Austern schlürfen zum Beispiel. Im Syltness Center eine Massage genießen. Mit Pro Allan Owen im Golf Club Sylt am perfekten Abschlag feilen. In der Kupferkanne in Kampen riesige Trümmer von Blechkuchen mampfen.
Mit Silke von Bremen, Autorin von „Gebrauchsanweisung für Sylt", eine Tour durch das Kapitänsdorf Keitum machen. Sich einen Aufguss in einer der Strandsaunen geben ... Doch wie gesagt: Man könnte viel. Müssen tut man gar nichts. Sehen und gesehen werden ist jetzt der Natur vorbehalten. Man darf also auch einfach im Strandkorb sitzen bleiben und darauf warten, dass man sich einen Wintersonnenbrand einfängt.

5. Die Stille, Leere & Weite
Weil man am Day after Biike aber riecht wie ein Räucherschinken, tut man am besten das, was man die Tage zuvor hoffentlich auch getan hat: die Gunst der Saison nutzen und zu einem Spaziergang am menschenleeren Strand aufbrechen. Denn dort ist die Freiheit wohl grenzenlos - vom steilen, roten Kliff zur Linken und der Nordsee zur Rechten mal abgesehen. Ja, der Wind bläst gemein. Aber wie heißt es auf Sylt doch so schön: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung." Und wozu wurden Daunenjacken denn erfunden, wenn nicht für einen Marsch an der jodhaltigen Seeluft, die nicht nur in der Tourismuswerbung prickelt wie Champagner.

6. Schöne Bescheidenheit
Und dann, nach ein, zwei oder auch erst drei Stunden, wenn man die rote Nase voll hat von dieser Idylle in Grau-Blau, macht man sich auf die Suche. Nach einer Treppe. Die lässt man sich dann vom Rückenwind hinaufschieben, der nächsten Strandbar und dem Glück entgegen: einer dampfenden Tasse nämlich, an der man sich die klammen Hände wärmen kann. Drin ist, je nach Geschmack, ein starker Friesentee, ein Pharisäer (Kaffee mit Rum und Schlagobers) oder eine „Tote Tante" (Kakaovariante des Pharisäers). Man könnte sagen, dass der Inselwinter bescheiden macht. Aber eigentlich ist genau das doch wahrer Luxus: mit wenig bannig glücklich sein ...

 

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