Willkommen im Land der Verharmloser

Im März 1974 soll Toni Sailer in Zakopane eine 28-jährige Frau misshandelt haben. Das zeigen umfassende Recherchen von „Dossier“. Und was macht Österreichs Polit- und Sportelite? Fleißig verharmlosen. Ein Kommentar.

"Es darf nicht sein, dass Frauen in Österreich im 21. Jahrhundert Opfer sexueller Belästigung werden und der Täter dabei völlig ungestraft davonkommt", erklärte die freiheitliche Frauensprecherin Carmen Gartelgruber im Jahr 2012 in einer Aussendung. „Überhaupt sei es schockierend, wenn jede dritte Frau in Österreich bereits einmal Opfer von sexueller Belästigung wurde und auch - noch wesentlich schlimmer - Gewalt gegen Frauen noch immer an der Tagesordnung sei“, steht da weiter. So weit, so gut.

Doch wie nicht anders zu erwarten, richtete sich die blaue Empörung über Gewalt gegen Frauen nicht gegen Österreicher: „Gerade Zuwanderer aus dem islamischem Kulturkreis haben immer wieder keinerlei Achtung vor Frauen“, wird Gartelgruber zitiert. Eine Linie, die die FPÖ bis heute konsequent durchzieht: geht es um Täter mit Migrationshintergrund, werden Werteschulungen und Benimmregeln gefordert, damit „unsere Frauen“ respektiert werden. Geht es jedoch um die eigene Zunft, werden schon mal beide Augen zugedrückt.

Akt Toni Sailer: "Das Opfer hatte auch keine faire Chance"

Das aktuellste Beispiel: Toni Sailer. Der ehemalige Ski-Star soll 1974 in Zakopane eine 28-jährige Frau misshandelt haben. Die umfassenden Recherchen der Plattform „Dossier“ zeigen, dass von höchster Stelle interveniert wurde, um diesen Vorfall zu vertuschen. „Uns ist klar, dass unsere Recherche für viele schmerzhaft ist. Für Hinterbliebene, Freunde und Fans von Toni Sailer. Er kann sich heute nicht mehr wehren. Doch wie unsere Recherchen zeigen, hatte das damalige Opfer auch keine faire Chance. Dazu trug Österreichs Regierung massiv bei“, schreibt „Dossier“ über die Gründe, den Akt Jahre nach Sailers Tod zu veröffentlichen. Denn bereits die Debatte nach den Missbrauchsvorwürfen von Nicola Werdenigg hätte gezeigt: über sexuellen Missbrauch wird hierzulande nicht so gern geredet – schon gar nicht, wenn es Nationalhelden betrifft.

FPÖ-Sportminister und Vizekanzler Heinz-Christian Strache sieht darin sogar eine „miese Kampagne gegen das Andenken der österreichischen Skilegende Toni Sailer". Sailer sei einer der verdienstvollsten Sportler gewesen, die Österreich je hervorgebracht habe, betonte Strache. „Seine großartigen Leistungen hätten zum weltweiten Ansehen Österreichs beigetragen. Mit dieser letztklassigen Kampagne schädige man außerdem nicht nur das Andenken Toni Sailers, sondern auch den für Österreich so wichtigen Wintersport und den Wintertourismus“, heißt es in der Aussendung der FPÖ. Was Strache dabei jedoch vergisst: letztklassig ist daran höchstens, dass hier auf die Würde des Opfers gespuckt wird.

Gewalt gegen Frauen ist "komplett wurscht"

Denn es folgt meist wie das Amen aufs Gebet: die Verharmlosung von Gewalt gegen Frauen, wenn es darum geht, „wichtigere“ – in diesem Fall wohl das „Ansehen Österreichs“ – Anliegen zu finden. „Der Standard“ hat einige der Reaktionen zusammengefasst: Michaela Dorfmeister etwa hält es nicht für angebracht, "so ein Idol derart zu beschmutzen". Die ehemalige österreichische Skirennläuferin Annemarie Moser-Pröll "weiß zwar nicht", was damals passiert ist, findet es aber "beschämend, einen Toten nach so langer Zeit anzuschwärzen". Stephan Eberharter ortet gar einen „Generalverdacht“, den diese Debatte nach sich zieht. „Komplett wurscht“ ist es einem Kolumnisten der „Kronen Zeitung“, was da "vor 44 Jahren in einem schmuddeligen Hotelzimmer einer polnischen Prostituierten, Pardon: einer Nebenerwerbs-Prostituierten, widerfuhr".

Und das fasst es eigentlich ganz gut zusammen: Frauen und die Gewalt, die ihnen widerfährt, sind Österreichs Polit- und Sportelite komplett wurscht. Nach dem Motto: abputzen und weitermachen wie bisher. Nicht anders sind die Reaktionen des Skiverbands auf Nicola Werdeniggs Berichte („das Problem ist ja, dass so eine ganze Gruppe diskreditiert wird“) oder Armin Assingers Sager „Diskussion über Missbrauch schadet dem Sport“ zu interpretieren. Sie sehen vermutlich wirklich und wahrhaftig kein Problem darin – und das ist eigentlich das Schlimmste daran.

Das mit den Sportlegenden und der Vergewaltigungskultur ist nämlich so eine Sache – siehe etwa auch der Fall Cristiano Ronaldo. Es scheint, als wäre es viel wichtiger, einen „Sportgott“ unreflektiert anzuhimmeln, als die Diskussion darüber zu führen, was die Opfer erlebt haben und wie tief verankert die Vergewaltigungskultur auch im Sport ist. Der "Spiegel"-Journalist Rafael Buschmann, der die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Ronaldo damals öffentlich machte, führt das Schweigen über Rape Culture im Sport auch auf die Männerdominanz in der Branche zurück. Der Sport lebe außerdem von Emotionen – und mit Negativem wolle sich dort niemand beschäftigen.

Vergewaltigungskultur ist überall

Der gesellschaftliche Missstand greift jedoch tiefer: dass Gewalt gegen Frauen verharmlost wird – sei das etwa in Form von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz oder häuslicher Gewalt in der Familie – ist nichts, das nur den Sport betrifft. Es betrifft die ganze Gesellschaft. Wenn wir einen Frauenmord als „Ehedrama“ betiteln, tragen wir ein Stück weit dazu bei, die Würde von Gewaltopfern mit Füßen zu treten. Wenn wir Missbrauchsfälle im Sport als „Sex-Skandal“ bezeichnen, tragen wir dazu bei, Opfer von Gewalt zum Schweigen zu bringen. Oder ganz einfach: wenn wir nicht über die gesellschaftlich akzeptierte Gewalt gegen Frauen sprechen und uns stattdessen Sorgen um das „Ansehen einer Skilegende“ oder gar den österreichischen Wintertourismus machen, fördern wir diese Gewalt. Jeden Tag.

Dass ein Missbrauchsfall von der österreichischen Regierung vertuscht wurde, von Sportverbänden verharmlost wurde und wird und auch Jahrzehnte später die dazugehörige wichtige journalistische Aufklärungsarbeit als Nestbeschmutzung abgetan wird, sagt leider mehr über Österreich aus als uns allen lieb sein sollte.

 

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