Wieso vergeht die Zeit seit dem ersten Lockdown so seltsam?

Wie lang liegt unser letztes Treffen zurück? 2 Monate? 1,5 Jahre? Und war nicht gerade noch Sommer? Seit dem ersten Lockdown haben viele das Zeitgefühl verloren. Woran liegt das?

Zeitgefühl Lockdown

In den letzten 1,5 Jahren haben wir das Zeitgefühl verloren. Ist ein bestimmtes Event mehr als ein Jahr oder ein Monat her? Keinen Plan. Schwer zu sagen. Die gute Nachricht: Ihr bildet euch das nicht nur ein! Wir haben nachgefragt. Chronobiologie beschäftigt sich mit der Wissenschaft rund um Zeit und die innere Uhr. Wir haben mit Chronobiologin Dr. Kristin Teßmar-Raible über die aktuelle Zeit gesprochen.

Vielleicht mal eine allgemeine Frage zum Beginn: Womit genau beschäftigt sich Chronobiologie?

Dr. Kristin Teßmar-Raible: Es geht in der Chronobiologie um die inneren Uhren, die in uns ticken. Da gibt es die, die wie eine Armbanduhr die Tageszeit bestimmen, saisonale Uhren und auch Uhren, die sich nach dem Mond richten. Nicht alle davon sind sehr gut erforscht. Am meisten wissen wir über die täglichen Uhren und das ist auch das, worum es heute vor allem gehen wird. An der saisonalen Uhr ist der Zusammenhang zu beispielsweise Winterdepressionen und auch bestimmten Krankheiten wichtig zu verstehen. Wir denken immer, dass wir zu bestimmten Jahreszeiten eher krank werden, weil es dann mehr Viren gibt. Das stimmt aber nur bedingt. Gleichzeitig ist unser Immunsystem in unterschiedlichen Saisonen unterschiedlich gut.

Wie funktioniert unsere Zeitwahrnehmung?

Eine spannende Frage an der Schnittstelle zwischen der Chronobiologie und Psychologie ist, wie wir Zeit eigentlich wahrnehmen. Wissen wir durch unsere inneren Uhren, wieviel Zeit vergangen ist? Oder (und das ist die wahrscheinlichere Variante) schätzen wir durch vergangene Erfahrungen ab, wie viel Zeit bestimmte Vorgänge etwa brauchen? Das könnte auch erklären, wieso die Zeit für manche während der Pandemie so seltsam vergeht. Die Leute haben weniger zu tun und deshalb verschieben sich die Zeitintervalle und wir schätzen die Zeitspannen falsch ab.

Wir Menschen kämpfen ja, anders als Tiere, durch Kalender, Uhren und so weiter gegen unsere inneren Uhren. Was macht das mit uns?

Wir können unsere innere Biologie nicht permanent aushebeln. Wenn wir ständig gegen diese innere Uhr laufen, dann werden wir krank. Ein krasser Fall sind zum Beispiel Schichtarbeiter*innen. Langfristige Schichtarbeit wurde inzwischen von der Weltgesundheitsorganisation als Krebsrisiko anerkannt. Grund dafür ist, dass wir dadurch dauernd unsere innere Uhr durcheinanderbringen.

Viele von uns kennen wahrscheinlich auch das Gefühl, wenn wir einen Jetlag haben. Ganz klassisch, wenn wir uns gegen die innere Uhr bewegen, dann geht es uns erstmal schlecht. Bei einem Jetlag pendelt sich das recht schnell wieder ein, wenn wir aber oft dagegen arbeiten, dann kann uns das krank machen.

Nach was richtet sich unsere innere Uhr? Nach dem Sonnenaufgang?

Ja, die innere Tagesuhr wird durch Licht, insbesondere vom Sonnenaufgang gestellt. Allerdings kann man sie auch durch Essen und Bewegung in den Takt- oder aus dem Takt- bringen. Außerdem gibt es noch andere spannende Aspekte. Chronobiolog*innen machen gerne Experimente, wo sie Leute in eine Höhle oder einen Bunker schicken, wo sie keine äußere Zeitwahrnehmung mehr haben und sich dann anschauen, wie deren innere Uhr läuft. Dabei hat man bemerkt, dass jeder Mensch eine andere Periodenlänge hat. Wir haben alle einen inneren Timer und dieser wird bei allen dann bei Sonnenaufgang gestellt. Aber unsere Periodenlängen sind unterschiedlich.

Wie wirken sich diese Periodenlängen im echten Leben aus?

Es gibt unterschiedliche Chronotypen. Das heißt jede*r von uns hat eine andere Laufzeit der inneren Uhr. Es gibt Leute, die gerne früh aufstehen und früh schlafen gehen, dann gibt es welche die gerne bis in die Nacht arbeiten und lange schlafen. Keine Gruppe liegt mit ihrem Verhalten falsch, es ist nur in unserer Biologie, dass wir unterschiedliche Typen sind. Seinen persönlichen Chronotyp kann man zum Beispiel anhand dieses Fragebogens abklären. Der Großteil von uns liegt im Mittelwert und geht gerne um ca. 12 Uhr schlafen und steht um 8 Uhr morgens auf. Allerdings ist es noch einen Tick komplizierter, denn unser Chronotyp verändert sich auch noch während unseres Lebens.

Das heißt, universelle Aussagen wie "Um 6 Uhr aufstehen ist am gesündesten" sind eigentlich Blödsinn?

Ja. Wenn man ein später Chronotyp ist, dann fühlt man sich dadurch die ganze Zeit unausgeruht. Eigentlich merkt man selbst, ob man ein sehr früher oder später Chronotyp ist. Dagegen sollte man auch nicht ankämpfen und zum Beispiel als früher Chronotyp versuchen, noch spät abends etwas zu machen. Späte Chronotypen sind auch nicht 'messy' oder haben ihr Leben nicht unter Kontrolle, wie es oft heißt. Das Ganze ist in ihrer Biologie.

Es fühlt sich so an, als würde sich durch die Lockdowns unsere Zeitwahrnehmung verändern. Woran liegt das?

Es ist biologisch noch sehr ungeklärt, wie Zeitabschätzung bzw. Wahrnehmung biologisch funktioniert. Was passiert sein könnte, ist Folgendes: Um die Zeit richtig abzuschätzen, müssen Ereignisse passieren. Durch die Lockdowns war die Zeit viel ereignisloser als sonst. Dadurch hat es weniger Möglichkeit gegeben, die Zeit in Erinnerungsabschnitte einzuteilen. Und das führt vermutlich dazu, wieso es so komisch 'blurry' wird.

In meinem Umkreis höre ich oft von Schlafstörungen, die besonders im Lockdown auftreten. Warum ist das so?

Das ist eine Frage, die uns Chronobiolog*innen seit Beginn der Pandemie beschäftigt und noch sehr ungeklärt ist. Es gab beispielsweise die durchaus plausible These, dass die Arbeit von Zuhause vielleicht aus Chronotyp-Perspektive besser ist, weil jede*r freier arbeiten kann. Die Erwartungshaltung war, dass es uns eigentlich dadurch besser geht. Aber das ist nicht passiert. Warum das so ist, ist in der Wissenschaft noch ein großes Fragezeichen. Es kann sein, dass zusätzlicher Stress der Grund dafür war oder der fehlende Lichtzugang zum natürlichen Licht. Das sind aber aktuell alles nur Theorien. Das ist ein wichtiges und hochaktuelles Forschungsthema.

 

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