Wieso trauen wir Frauen uns beim Heimwerken nix zu?

Eigentlich sieht sich Kolumnistin Olivia Peter als emanzipierte, selbstbewusste Frau - und trotzdem schnappt die Klischeefalle auch bei ihr manchmal zu.

Es scheppert. Gleich zwei Mal hintereinander. Ziemlich laut. Vernehme ein Fluchen. Mehr als zwei Mal hintereinander. Mehr als ziemlich laut. Das Scharnier des Küchenkastls ist ausgerissen. Töpfe und Pfannen sind lustig am Boden verstreut. Der Gesichtsausdruck des Freundes ist passend dazu auch sehr sauer (töpfisch). "Musst halt reparieren!" Er schaut mich fragend an. "Wie genau soll ich das reparieren?" "Na, bohrst halt ein neues Loch!""Geeeh, das wird total schief und dann müssen wir das ganze Kastl austauschen. Ich ruf morgen den Handwerker an!"(Anm. d. Verf.: Wahrheitsgemäß wollte er "den Polen" anrufen, aber ich fürchte, das bringt uns finanzbehördliche und wohl auch Probleme der Political Correctness ein.) Ich protestiere. Wegen eines Scharniers ruft man doch nicht den teuren Handwerker an! Das macht man gefälligst selbst. In meinem Freund erwacht die Verweigerung - in mir der Ehrgeiz.

Sieg!

Ich google das Problem. Sehe mir YouTube-Tutorials an. Fahre in den Baumarkt. Frage dort extra nicht das Fachpersonal um Rat, denn das würde mein neues Do-it-yourself-Gefühl zusammenschrumpfen lassen, wie es sonst nur bei den vergessenen Zitronen in meinem Kühlschrank passiert. Bohre ein neues Loch. Höre mir blöde Kommentare von meinem Freund an. Schraube das Scharnier fest. Schließe das Kastl. Sehe: Es passt. Sehe, dass diese Tatsache meinen Freund erstaunt. Bin selbst erstaunt. Tanze drei Stunden, das Wort "Heimwerkerqueen" singend, durch die Wohnung, öffne das Küchenkastl gefühlte tausend Mal, um meine ungeheure Begabung zu demonstrieren, trommle mir angeberisch auf die Brust und rufe am Gipfel der Überheblichkeit meine Schwester an. "Ich habe das Küchenkastl repariert! IIICHHH, nicht EEER. IIIICH!"

Von meiner Chirurgen-Schwester, die täglich mit Säge, Schraube und Kleber hantiert - nur halt am menschlichen Körper statt am Küchenkastl -, kommt der trockene Kommentar:"Warum auch nicht?" Da fällt all mein Stolz in sich zusammen und ich beginne zu verstehen, wie weit wir noch von Gleichberechtigung entfernt sind.

Niederlage

Wenn selbst ich, eine emanzipierte, selbstbewusste Frau, automatisch annehme, dass handwerkliche Begabung bei mir so unwahrscheinlich ist, wie den Stephansdom je ohne Baugerüst zu sehen, wer sollte dann anderes glauben? Wenn selbst ich vergesse, dass meine Schwester im OP ja auch nicht nur für das Zusammennähen der Wunde zuständig ist, weil Frauen ja ach so gut im Nähen sind, wie sollen die Patienten dann aufhören, sie beim Betreten des Zimmers zu fragen, wann der "richtige Herr Doktor" kommt?

Fakt ist doch: Ich sollte kein Küchenkastl reparieren können, OBWOHL ich eine Frau bin. Ich sollte ein Küchenkastl reparieren können, WEIL ich eine Frau bin. Und ich kann meinen eigenen klischeebehafteten Denkfehler zugeben. Obwohl UND weil ich eine Frau bin.

 

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