"Wieso joggt eigentlich niemand mehr in Jogginghosen?"

Okay, Rocky Balboa ist jetzt nicht unbedingt Style-Vorbild Numero Uno. Aber die Frage sei erlaubt, warum statt gemütlichen Outfits jetzt kurze Bustiers und enge Sportleggings die Instagram-Posts und Pilateskurse dieser Welt bestimmen. Wo sind die weiten Jogginghosen und ausgeleierten Leiberl geblieben?

Filmszene aus Rocky Balboa, Sylvester Stallone läuft in Jogginghosen auf einer Straße

2002, Turnunterricht, 8. Klasse. Wahrscheinlich Volleyball. Meine Klassenkolleginnen und ich tragen kurze Sporthosen und das weiteste, ausgeleiterste T-Shirt, das wir finden konnten und um das wir nicht weinen würden, wenn’s beim Reckturnen endgültig den Geist aufgibt. Abends, beim Basketball mit den anderen, wahrscheinlich dieselbe Hose und ein anderes, ein bissl cooleres ausgeleiertes T-Shirt.

2020, ein beliebiger Fitnesskurs, Yoga, Pilates, HIIT, you name it: Alle Menschen um mich tragen lange, enge Leggings (oder seit kurzem auch Radlershorts), dazu einen Sport-BH, kein T-Shirt.

Und ich frage mich: Wann haben wir aufgehört, in Jogginghosen joggen zu gehen und angefangen, uns zum Schwitzen in enge Kleidung zu zwängen?

Leggings vs. Sweatpants: Die beste Sporthose gibt's doch schon!

Modeinteressierte Menschen argumentieren jetzt vielleicht mit Athleisure, dem Trend, Sportkleidung nicht zum Sport zu tragen. Fitnessaffine Menschen mit dem Komfort enganliegender Hosen und Tops, die beim Herabschauenden Hund im Yoga nicht übers (hochrote) Gesicht rutschen. Schon klar: Wenn das T-Shirt bei der Durchführung des Herabschauenden Hundes im Yoga sowieso immer runterrutscht und den Sport-BH offenbart, kann man das Leiberl gleich ganz weg lassen. Okay, das Argument lass ich gelten. Aber trotzdem ist es kein Vergnügen, hautenge, nass geschwitzte Bustiers nach dem Sport vom Körper zu schälen. Oder nass geschwitzte Leggings, deren Stoff so dick ist (damit sie bei den Squats nicht durchsichtig werden am Hintern), dass im Schritt schon die nächste Pilzinfektion lauert.

Die Anbieter bereits erwähnter Fitnessleggings überbieten sich darin, wer jenes Modell auf den Markt bringt, bei dem der Taillenbund bei den Burpees garantiert nicht verrutscht. Und vergessen, dass es dieses Hosenmodell bereits gibt: Jogginghosen! Und Taschen haben sie auch noch, klassische Hosentaschen und keine Schlüsselschlitzfächer, die an möglichst unsichtbarer Stelle (vielleicht, damit man’s ja nicht mit einer Cellulitedelle verwechselt, it’s still patriarchy, friends) platziert wird.

Ein bisschen mehr Lockerheit - und lockeres Gewand

Ja, ich weiß. Ich schreibe diesen Text und klinge total nach Boomer (und wer will das schon?!) und ein bisschen nach „früher war alles besser“. Aber bei allem Genörgle über sogenannte Funktionsbekleidung (die by the way, danke Synthetikfaser, nach dreimal schwitzen für immer nach Schweiß riecht) geht es mir vor allem um eines: Sport ist zum Schwitzen da, um seinem Körper etwas Gutes zu tun, und nicht, um dabei einem Dresscode zu folgen oder sich dem Social-Media-Druck zu beugen, dass der Kopfstand beim Yoga nur dann instagram-worthy ist, wenn man das richtige Outfit dabei trägt. Und dabei Figur zeigt, damit alle sehen, wie definiert die Bauchmuskeln oder der Po sind.

Die Influencerin Louisa Dellert postete vor Monaten ein Video auf Instagram, das sie beim Sport zeigte. Das interessante daran waren nicht die Burpees, sondern das, was sie anhatte: weite Jogginghosen und ein ärmelloses T-Shirt. Ich sage es offen: Mich hat’s kurz g’rissen. Und nicht nur mich scheinbar, eine Userin kommentierte darunter, wie erfrischend es sei, jemand in „normalem“ Sportgewand zu sehen. Louisa antwortete, dem Social-Media-Leitsatz „All (beliebige Sache, in diesem Fall „Sportsgewand“) is beautiful“ folgend, mit dankenden Worten, das Wichtige sei doch aber, dass jede*r beim Sport tragen solle, was gefällt.

Ich stimme ihr zu. Und plädiere trotzdem auch bei der körperlichen Ertüchtigung outfittechnisch für ein bisschen mehr Gelassenheit. Ein bisschen Lockerheit, verpackt in lockeres Gewand. Ich werde jetzt meine Jogginghose auspacken und eine Runde laufen gehen. Wer kommt mit?

 

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