Wieso ist "Du bist nicht wie andere Frauen" kein Kompliment?

Was ist so schlimm daran, wie andere Frauen zu sein? Ein paar Gedanken zu diesem vermeintlichen Kompliment.

Nicht wie andere Frauen

Wir haben dieses Kompliment alle schonmal gehört, sowohl von Männern als auch Frauen. Du bist nicht wie andere Frauen. Und wir haben uns damals vielleicht sogar darüber gefreut. Was es für uns ausgesagt hat in diesem Moment war: Du bist cool, du bist unkompliziert, du bist strebsam, klug, du bist etwas Besonderes. Manche von uns haben diesen Spruch vielleicht sogar übernommen und sagen das selbst, wenn sie jemand kennenlernen: "Ich bin nicht wie andere Frauen." Was sie dabei nicht bedenken ist, dass das eigentlich kein Kompliment war, ist und je sein wird. Und im Sinne der Solidarität zwischen Frauen eine Katastrophe.

Frauen sind schlecht

Die Personen, die einem diesen Satz sagen, meinen damit meist nichts Böses. Denn auch ihnen wurde antrainiert, dass das ein Kompliment ist, eine Nettigkeit. Warum ist es aber so problematisch? Es sagt einerseits aus, dass es etwas Positives ist, nicht wie die anderen Frauen zu sein. Weil weibliche Attribute negativ behaftet sind. Mit diesem Satz werden wir dazu ermutigt, die Eigenschaften, die weiblich gesehen werden, zu unterdrücken. Wir sind schließlich nicht wie andere Frauen, also übermäßig sensibel, weinerlich, zu gefühlvoll, zu genau, zu gestresst, zu unentspannt, zu crazy.

Wir sind nicht eine Person

Andererseits sagt es aber auch, dass Frauen eine homogene Gruppe sind. Denkt kurz an die Frauen, die ihr kennt. Wie viele davon sind gleich? Wie viele haben dieselben Eigenschaften und könntet ihr in einen Topf werfen. Dieser Stereotyp bezieht sich auf das Bild von Frauen, das es gibt, aber nicht auf wirkliche, reale Frauen.

Die Frauen, die ich kenne, sind unglaublich, mutig, lustig, klug, wunderschön, kompliziert und komplett unterschiedlich. Jede hat eine eigene Persönlichkeit, jede hat eigene Wünsche, Träume und Gedanken. Wer sind diese Frauen, wie die wir nicht sind oder sein sollen? Ich sehe nichts Schlechtes daran, wie eine von den Frauen in meinem Leben zu sein. Ich bin es nur nicht. Weil wir alle Individuen sind. Und auch wenn man möchte, dass die*der Partner*in findet, dass man etwas Besonderes ist, kann man das auch einfach genau so sagen: "Du bist etwas Besonderes für mich."

Das große Vergleichen

Was hinzukommt, ist dass dieses vermeintliche Kompliment einen Vergleich mit sich bringt. Es spielt Frauen gegeneinander aus, führt dazu, dass wir andere Frauen beobachten und uns denken: "Sie ist eine Frau. Wie sie möchte ich nicht sein. Ich bin besser. Ich bin nicht wie andere Frauen".

Komplimente sollten niemals auf Vergleiche aufgebaut sein. Denn der Wettbewerb zwischen Frauen ist einer der großen Tricks der Gesellschaft, um uns in Zaum zu halten. Irgendwann wurden uns diese Gedanken einprogrammiert, dass wir in einen Raum voll Frauen marschieren und uns fragen: "Bin ich hübscher als sie, hab ich eine bessere Figur als sie, trage ich schönere Schuhe als sie, bin ich erfolgreicher als sie? Ich hätte gerne ihre Tasche. Wieso ist ihr Ehemann netter als meiner?" Diese Gedanken helfen niemandem, außer dass wir vielleicht frustriert nach Hause gehen, wenn wir in unseren Gedanken diesen Vergleich verlieren.

Ich bin genau wie andere Frauen

Bei dem Satz "Du bist nicht wie andere Frauen" fällt es uns nicht so auf, aber wie würdet ihr euch fühlen, wenn euer*eure Partner*in zu euch sagt: "Du bist hübscher als die Nachbarin" statt einfach nur "Ich finde dich hübsch"? Oder "Du bist klüger als meine Cousine" statt "Ich kann mich so gut mit dir unterhalten, weil du so klug bist". Oder einfach nur: "Du bist besonderer als meine Ex-Freundin" statt zu sagen "Du bist besonders für mich."

Wenn also das nächste Mal dieser Satz fällt, egal von wem, dann lasst ihn uns ausbessern und sagen: "Nein, ich bin ganz genau wie alle anderen Frauen. Weil Frauen großartig sind. Aber schön, dass du mich toll findest!"

 

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