Wieso ich mir manchmal einen Lockdown zurück wünsche

Wir sind aktuell zum Glück auf einem stabilen Corona-Kurs. Trotzdem denke ich mir manchmal, so ein Lockdown wäre doch ganz nett. Warum?

Lockdown Wunsch

"Ich könnte wieder mal einen Lockdown brauchen", sagte eine Freundin vor wenigen Tagen zu mir und sprach damit genau das aus, was mir schon mehrmals durch den Kopf gegangen war. Ein Herbst-Lockdown wäre eigentlich ganz nett.

Und bevor jetzt die große Empörung ausbricht, gebt mir eine Chance, zu erklären, was damit gemeint ist. Natürlich sind Lockdowns keine tolle Sache. Weder wirtschaftlich noch persönlich. Man ist in einer Wohnung eingesperrt, die psychische Gesundheit leidet, einzelne Gruppen müssen sich trotzdem der Gefahr aussetzen, um uns mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen.

Außerdem ist man möglicherweise entweder allein oder auf engstem Raum mit anderen Menschen, die man gerade mal toleriert. Die Anzahl häuslicher Gewalt steigt, wir produzieren alle mehr Müll, die Gastronomie und Hotellerie und fast jedes Gewerbe leidet darunter. Und natürlich bedeutet es auch, dass es eine unmittelbare Gefahr gibt, sonst wären wir nicht im Lockdown. All das ist super scheiße! Darüber brauchen wir gar nicht diskutieren.

Voller Terminplan

Aber – und ja, hier kommt das große aber – es war auch ein Moment, in dem die Welt angehalten wurde. Gerade junge Menschen haben oft einen sehr vollen Terminplan. Vielleicht nicht alle jungen Menschen. Ich auf jeden Fall! Ich versuche, meine Karriere, gesunde Ernährung, genug Sport, Hobbys, Weiterentwicklung, meine Beziehung und Freundschaften unter einen Hut zu bringen.

Das ist anstrengend und meistens sind alle Abende einer Woche belegt. Der Wunsch nach einem Lockdown ist eigentlich der Wunsch nach Ruhe. Es ist das Bedürfnis danach, nach einem langen Homeoffice-Tag den Laptop zuklappen zu können und zu wissen, dass man danach direkt den Pyjama anziehen kann. Und manchmal bräuchte ich genau das. Nicht immer. Aber einige Wochen im Jahr würden nicht schaden.

Entscheidung abwälzen

Was mir dieser Wunsch nach Stillstand aber eigentlich sagt, ist dass ich es übertreibe. Mein Terminkalender ist zu voll. Ich verlange zu viel von mir und halse mir zu viel auf. Und ich will es allen recht machen. Manchmal sollte ich Nein sagen, auf die Frage: Wie sieht's Donnerstag aus, willst du noch einen Kaffee trinken? Aber das ist nicht so einfach. Und anstatt diese Entscheidung selbst zu treffen und Leuten abzusagen, würde ich es lieber auf einen Lockdown abwälzen.

Auf Pause drücken

Was ich aus diesen Lockdowns gelernt habe, ist, dass es gut für mich ist, wenn ich meine Tage und Nächte nicht vollstopfe mit Aktivitäten. Es macht mich kreativer, entspannter und ausgeglichener. Was ich also eigentlich brauche, ist kein erneuter Lockdown. Sondern den Lockdown-Spirit. Ich muss mir zugestehen, dass ich daheimbleibe, dass ich faulenze, dass ich nicht bei jedem Event, jeder Ausstellung, jedem Treffen dabei bin.

Ich muss meine FOMO (Fear of Missing Out) unter Kontrolle bekommen. Und stärker priorisieren, was ich mit meiner Zeit tue und wen ich wirklich treffen will. Dann brauche ich mir auch keinen erneuten Lockdown mehr wünschen. Es wäre so einfach. Jetzt muss ich nur noch lernen, wie man Nein sagt.

 

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