Wieso hat die Kinderfrage nichts mit Egoismus zu tun?

Wenn Frauen sich gegen Kinder entscheiden, wird ihnen oft vorgeworfen, sie seien selbstsüchtig. Wenn Frauen sich für Kinder entscheiden, hören sie dasselbe. Warum hat es schlicht und ergreifend nichts damit zu tun?

Kinderfrage Egoismus

Frauen, die keine Kinder bekommen möchten, müssen sich häufig der Kritik stellen, dass ihre Umwelt diese Entscheidung egoistisch findet. Diese Anschuldigung ist ein Zeichen von tief verankertem Sexismus und macht klar, dass Frauen immer noch in vielen Köpfen vor allem eine Hauptrolle spielen: Und zwar die der Mutter. Erst kürzlich meldete sich zu diesem Egoismus das Oberhaupt der katholischen Kirche persönlich zu Wort.

Papst Franziskus erklärte in einer öffentlichen Audienz zu der Kinderfrage Folgendes: "Wir sehen heute eine Form von Egoismus. Wir sehen, dass manche Menschen kein Kind haben wollen. Manchmal haben sie eines, und das war's dann, aber sie haben Hunde und Katzen, die den Platz der Kinder einnehmen. Das mag die Leute zum Lachen bringen, aber es ist die Realität. Diese Praxis ist eine Verleugnung der Vater- und Mutterschaft und erniedrigt uns, nimmt uns die Menschlichkeit."

Egoistische Frauen

Für diese Aussage erntete der Papst sowie die katholische Kirche viel Kritik. Berechtigterweise. Schließlich ist die Aussage in gewisser Weise der Versuch, in das Leben von Menschen, allen voran von Frauen, einzugreifen und deren Weg vorzuschreiben. Wo bleibt da die körperliche Selbstbestimmung? Wo die Emanzipation und das Verständnis, dass unterschiedliche Leben unterschiedlich verlaufen? Und wo bleibt das Verständnis und Mitgefühl für Menschen, die vielleicht keine Kinder bekommen können, sich diese aber sehnlichst wünschen?

Obwohl diese Kritik an Paare gerichtet ist, betrifft sie natürlich besonders Frauen, da diese nach wie vor hauptsächlich die Personen sind, deren Leben, Chancen und finanziellen Situationen durch die Entscheidung, ein Kind zu bekommen stark verändert werden.

Tod für das Klima

Doch nicht nur Frauen, die sich gegen Kinder entscheiden werden beschämt. Zeitgleich gibt es nämlich immer wieder Kritik an Frauen, die sich für Kinder entscheiden. Dies sei in der aktuellen Phase unserer Welt aufgrund der Überbevölkerung und des Klimawandels unverantwortlich und egoistisch, heißt es dann.

Besonders in der westlichen Welt, würde ein Kind enorme Mengen an CO2 produzieren und es gibt laut Statistiken und Berechnungen von Wissenschaftler*innen kaum etwas, das dem Klimawandel mehr hilft, als wenn weniger Kinder heranwachsen. Somit wird ein gesamtheitliches Problem, das die Politik und Wirtschaft lösen sollte auf die Einzelperson abgewälzt. Aber das ist ja nichts Neues.

Mehr Egoismus für alle

Was an der gesamten Diskussion spannend ist: Es wird in beiden Fällen Egoismus vorgeworfen. Warum aber ist Egoismus das Totschlagargument, das Frauen davon abbringen soll, auf ihrem aktuellen Weg weiter zu gehen? Warum sollte allein die Androhung, eine Entscheidung sei egoistisch, dazu führen, dass Frauen ihre Meinung ändern?

Psychologe Noam Shpancer erklärt dieses Phänomen gegenüber Psychology Today: "Ein Mann wird den Vorwurf des Egoismus leichter abwehren können. Schließlich ist ein Teil der gesellschaftlichen Definition von Männlichkeit das Streben nach Selbstverwirklichung, Ehrgeiz, Wettbewerb und Aggression. Für Frauen trifft der Vorwurf des Egoismus härter, da ein Ethos der Fürsorge als Grundlage des Konzepts der Weiblichkeit angesehen wird. Der Wunsch, nicht als egoistisch angesehen zu werden - und sich nicht als egoistisch zu fühlen - scheint das Leben von Frauen stärker zu motivieren und zu prägen als das Leben von Männern."

Na und, dann sind wir halt egoistisch!

Wie sollen wir Frauen nun aber mit diesem Vorwurf von Selbstsucht und Egoismus umgehen? Prinzipiell ist niemandem geholfen, wenn eine Frau wegen des Klimawandels kein Kind bekommt und dann sehr unglücklich ist, weil sie so gerne eines hätte. Andersrum wäre es unklug, wenn Frauen dem Wunsch des Papstes folgen, obwohl sie kein Bedürfnis haben, Mutter zu sein und ebenfalls unglücklich sind. Am Ende müssen Frauen ihre eigenen Entscheidungen für ihr Leben treffen. Und der Vorwurf des Egoismus wird so oder so von der Gesellschaft kommen. Bis es damit endlich aufhört, müssen wir das aushalten.

Elizabeth Ho erklärte gegenüber der Plattform WeareChildfree: "Ob es nun egoistisch ist, Kinder haben zu wollen, oder egoistisch, keine Kinder haben zu wollen, ich hoffe, dass mehr Frauen für sich selbst egoistisch werden. Denn wir verdienen es, das Recht zu haben, zu entscheiden, was wir mit unserem Leben anfangen wollen."

 

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