WIENERIN Summit 2014

Die WIENERIN lud zum vierten Mal zum Summit ins Haus der Industrie am Schwarzenbergplatz. In diesem Jahr ging es um männliche und weibliche Rollenbilder: internationale Expertinnen und Experten diskutierten vor und mit rund 250 Kongressgästen.

„Die Leute sind erschöpft, ich beobachte zunehmend eine politische Apathie aufgrund eigener sozioökonomischer Schwierigkeiten." Gabriele Heinisch-Hosek, Bundesministerin für Bildung und Frauen, eröffnete den WIENERIN Summit als Schirmherrin. Sie analysierte einen "Rückzug auf traditionelle Rollenbilder".

Kurz zusammengefasst: Das war der Summit 2014

Diesen Trend bestätigte die Wiener Sozialethikerin Petra Steinmaier-Pösel im Gespräch mit Styria Multi Media Ladies-Geschäftsführerin Karen Müller und WIENERIN-Chefredakteurin Mareike Steger: „Heute finden viele moderne Rollenbilder und das damit verbundene ständige Verhandeln des Alltags als anstrengend." Frauen und Männer wüchsen mit modernen Rollenbildern auf und lebten diese, mit der Geburt des ersten Kindes kehrten meist die Frauen wieder zurück in traditionelle Rollenbilder. Dabei sei doch die Biologie wesentlich fluider als die Kultur.

Davon ist auch der Genetiker Markus Hengstschläger überzeugt. Natürlich gebe es nicht nur ein eindeutig „männlich" oder eindeutig „weiblich", sondern „ganz viel dazwischen". Entscheidend sei, mit welchen Rollenbildern Menschen groß würden: „Gene sind maximal Bleistift und Papier, den Rest bestimmen wir selbst." Die Rahmenbedingungen müsste allerdings die Politik schaffen. Erst wenn solche Dinge wie das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare politisch angegangen würden, sei man frei, sich zwischen verschiedenen Lebensentwürfen zu entscheiden.

Typisch Mann, typisch Frau - gibt es das noch?

Die Produzentin Regina Ziegler hat sich schon sehr früh für einen rollenuntypischen Beruf entschieden. Sie resümierte über ihre eigene Karriere in der Filmbranche: „Ich arbeite seit über vier Jahrzehnten in einem Berufsfeld, das wie das des Dachdeckers als männertypisch gilt." Gedreht habe sich ihrer Beobachtung nach noch wenig - auch die Frauenquoten hätten nichts verändert. Das erfahre sie immer wieder am eigenen Leib. Sie betreibt ihr Unternehmen mittlerweile mit ihrer Tochter. „Noch immer werde ich gefragt: Können zwei Frauen unter einem Dach gemeinsam arbeiten, ohne sich in die Haare zu bekommen? Männern wird diese Frage nicht gestellt."

Buchautor Christian Seidel, der von seinem fast zweijährigen Selbstversuch erzählte, als Frau zu leben, ist hingegen überzeugt: „Die Männer fahren immer auf gleicher Spur, die Frauenwelt ist viel freier und vielfältiger." Sein Fazit gleicht einer Hymne an die Welt der Frauen: "Ich wollte gar nicht mehr in die Männerwelt rein." Sein erster Ausflug in die Dessous-Abteilung eines Kaufhauses kam ihm wie ein Abenteuer vor. Zum Summit kam er allerdings dann doch im Sakko: „Ich möchte nicht als Transvestit, sondern als Mann, der ein Tabu bricht, wahrgenommen werden."

Grundtenor der beiden Diskussionsrunden unter der Leitung der ORF-Journalistin Brigitte Handlos: Frauen, die beruflich in Männerdomänen unterwegs sind, blase der Wind noch immer ordentlich entgegen. Dabei sei es doch, so Österreichs einzige Fluglotsin Cornelia Lauschmann, für ein Flugzeug völlig unerheblich, ob es eine Frau oder ein Mann lenkt.

Was wurde sonst noch in den Diskussionsrunden gesagt?

Gertrude Tumpel-Gugerell: Als Frau ist es wichtig, sich durchzukämpfen. Wichtig ist aber auch, dass man Leute um sich hat, die einem helfen. Leider begnügen sich Frauen zu oft mit Assistentinnenrollen, dabei gibt es durchaus Erstrebenswertes an der Männerwelt.

Martina Leibovici-Mühlberger: Unsere Gesellschaft lebt einen narzisstischen Individualismus. Bei jungen Menschen stehen Paarbeziehungen vor allem aufgrund dieses Individualisierungsdranges unter großem Druck, erst dann kommt die Genderdebatte.

Kristin Hanusch-Linser: Wir haben es nicht schwerer oder leichter als die Männer, an die Spitze zu kommen. Frage ist, ob wir bereit sind, den Preis dafür zu zahlen: das heißt, Waffen zu zücken und andere zu verletzen. Dazu sind Frauen nicht immer bereit.

Eveline Steinberger-Kern: Meine Tochter hatte männliche Kindergarten- und Schulbetreuer. Heute sind auch Männer bereit, in solchen Berufen zu arbeiten.Allerdings muss diese Arbeit mehr wert geschätzt werden. Davon abgesehen kann zu Hause aber jeder, auch der Vater, der nach der Arbeit zu Hause das Kind betreut, ein Vorbild sein.

Emanuel Danesch: Lokführer wollen die jungen Männer heute nicht mehr werden, Kindergartenpädagogen aber auch nicht. Der Job ist nicht gerade der Renner, es gibt da offensichtlich hohe Barrieren.

Lucy McEvil: Im Alltag erlebe ich wenig Irritation, wenn es um mein Aussehen geht. Ich vermute in Österreich eher eine institutionelle als eine persönliche Diskriminierung - allerdings arbeite ich auch im offenen Theaterbereich.

Cornelia Lauschmann: Jeder braucht Leitlinien, an denen er sich orientiert, ein klares Netzwerk, eine Hierarchie. Deshalb wollte ich zum Heer. Ich möchte mich dort allerdings nicht als Frau verleugnen und zum Mann werden.

Susanne Blumenthal: Ein großes Problem sehe ich darin, dass das Umfeld einen nicht rollenkonformen Berufswunsch nicht mit trägt. Im Berufsalltag habe ich erfahren, dass Frauen oft die Autorität abgesprochen wird. Ich sehe über diese Widrigkeiten hinweg, weil meine Leidenschaft für die Musik so groß ist.

Karl Grammer: Wenn sich Frauen in Männerdomänen vorwagen, gibt es Gegenwind. Da braucht es eine ordentliche Ladung Testosteron, weil mit harten Bandagen gekämpft wird.

Silvia Buchinger: Wenn die Vorbilder fehlen, kann man die Möglichkeiten, die einem offen stehen, nicht kennen.

Marina Ebner: Ich bin die erste Frau in der Firmengeschichte, die in meinem Unternehmen arbeitet. Wegen der körperlichen Belastbarkeit waren die Männer am Anfang skeptisch. Es wäre aber super, wenn sich junge Frauen mehr zutrauen würden.

 

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