WIENERIN Schreibwettbewerb: Mutter zu sein ist mehr als ein Job

Auf Zehenspitzen schleiche ich aus dem Kinderzimmer. Mein T-Shirt ziert der Inhalt der Gute-Nacht-Flasche. Meine Haare verschönert der nachmittägliche Obstsnack: Banane. Das kann ich mir aber als Spitzen-Aufbaukur noch schön reden ... Ein Text von Sabine A.

Ein letzter Blick zurück, um auch wirklich sicher zu gehen, dass mein Kinderfeierabend gekommen ist. Ein gleichmäßiges Saugen am Schnuller beruhigt mich.

Ja, ich bin an solchen Tagen wie heute froh, wenn Adrian schläft. Er ist 16 Monate alt und sorgt durch sein - familiär absolut unbegründetes - südländisches Temperament für meine vielfältige Weiterbildung. Dank ihm waren heute Erste-Hilfe-Fähigkeiten gefragt. Mein blauäugiger Blondschopf hat sich die weiße Bluse aus der Schmutzwäsche geschnappt, gekonnt über das Gesicht gezogen und mit einem beherzten „Huhu, Geist" die Kante des Vollholz-Türstocks geküsst. Die Bluse verzauberte sich im Nu in die japanische Flagge. Während ich in Adrian Potential für einen zweiten David Copperfield sehe, holt mich sein schmerzerfülltes Weinen aus den Gedanken. „Ach Schatzi, was machst du bloß für Sachen", sage ich und knie mich zu ihm auf den Boden. Seine mühevoll, in unzähligen schlaflosen Nächten, erarbeiteten Zähne färben sich blutrot. Gemischt mit der zahnungsbedingten Speichelüberfunktion erlebt auch mein Shirt einen neuen Anstrich.

Seit ich Mama bin, bin ich gleichzeitig auch so etwas wie eine Turnusärztin und stelle nach dem ersten Rundum-Check meine mütterlich-fachliche Diagnose: Biss in Zunge und Oberlippe. Da beides aber noch an ihrem Bestimmungsort hängt, stufe ich die Situation als „nicht lebensbedrohlich" ein. Ein Hochheben, ein zarter Kuss auf die Wange und der Schnuller reichen als Therapiemaßnahmen. Zehn Minuten später hat er das nächste Shirt ergattert und spielt die Geisterszene erneut. Zweifel, ob nicht doch eine Gehirnerschütterung mit akutem Gedächtnisverlust vorliegt, keimen kurz auf. Die stelle ich aber schnell hinten an, als ein übler Duft meine Geruchsknospen attackiert und ein Brutzeln meine Ohren erreicht. „Shit, ich habe das Mittagessen vergessen", fluche ich.

Mit einem Sprintstart, der Usain Bolt erblassen ließe, springe ich über bunte Bausteine, um schlussendlich wie beim Curling den Kochtopf auf die hintere Herdplatte zu schießen. Der einzige Unterschied zu dieser Wintersportart besteht darin, dass ich im Nachhinein die Schussbahn putze.

Gerade noch stolz auf mich, mit dieser Leistung bei den nächsten Olympischen Winterspielen teilnehmen zu können, vernehme ich das Hupen des Kindergartenbusses.
Da kommt auch schon Lena die Treppen hochgetrampelt. Ihren zusammengekniffenen Augen und verschränkten Armen nach zu urteilen, ist sie in Bombenstimmung. Ich begrüße sie und nehme ihr den Rucksack ab: „Na, wie war's heute im Kindergarten?", versuche ich ihrer Laune auf den Grund zu gehen. „Es war nicht schön, o.k. Mama!", antwortet sie mir. Ich frage mich, was einer Vierjährigen so auf den Magen schlagen kann.

„Was hast du heute gekocht?", will sie wissen.
„Mir ist leider das Essen angebrannt. Wir werden jetzt ein Butterbrot essen und ich versuche abends nochmal mein Kochglück", gestehe ich ihr. Dass dies die falsche Antwort war, beweist Lena mir mit lautem Gebrüll und einer Zimmertüre, die von weitem zugeschlagen wird. „Jetzt sagt die Mia mir heute, dass wir keine Freunde mehr sind. Und dann hast du auch noch nichts gekocht für mich", versuche ich die Wortfetzen, die sich zwischen Weinen und Schreien durch den Kindermund bahnen, sinnvoll aneinander zu reihen. Und da stehe ich nun. Mit dem Kindergartenrucksack in der Hand, vor der weißen Kinderzimmertüre. Adrian biegt mit Geschirrtuch auf dem Kopf und einem lauten „Huhu. Geist" um die Ecke und ich frage mich, ob heute schon überhaupt irgendetwas richtig gelaufen ist.

Tag 2

Ich fühle mich ausgepowert. Mein Denkvermögen ist in eine Einbahn geraten und hat keine Lust zu wenden. Ein Profi-Fußballer, der seine 90 Minuten durchspielt, fühlt sich bestimmt ähnlich. Ich hätte nie gedacht, irgendwann einmal eine Gemeinsamkeit mit einem Berufssportler zu entdecken.

Ein Hoffnungsschimmer, als die Route neu berechnet wird. Ich muss mich nur entscheiden, in welchem Gang ich wegstarte. „Adrian, dann legen wir jetzt die Zweite ein", murmle ich vor mich hin. Ziehe ihm das Geschirrtuch vom Kopf, setze ihn mir in die linke Hüfte und klopfe an Lenas Türe: „Schatz, dass mit Mia tut mir leid. Morgen ist ein neuer Tag und ihr könnt wieder gemeinsam spielen", erkläre ich ihr pädagogisch wertvoll. „Ich will nicht mit dir reden, wenn DER DA dabei ist", sagt sie resolut, wirft ihrem kleinen Bruder den Blick der Verdammten zu. Auch Adrian dürfte dieser Augenaufschlag durch Mark und Bein gefahren sein. Ein Schütteln fährt durch seinen Körper. „Sie meint es nicht so", beschwichtige ich, als mein Hüftsitzer mir mitteilt „Lulu fertig". Er ist eben hart im Nehmen.

Ich versuche Lena zu motivieren, mir beim Streichen der Butterbrote zu helfen, als ihr Problem zum Vorschein kommt. „ICH hatte die lila Bastelschere. ICH hab damit geschnitten. Und Mia wollte sie auch haben." Ja, wie viele Freundschaften sind schon wegen einer lila Bastelschere zerbrochen! Ich überlege eine Petition „Gegen bunte Bastelscheren" ins Leben zu rufen. Nur mehr geschlechtsspezifisch soll es sie geben, in rot und blau. Im Geiste sehe ich mich schon vor dem Kindergarten stehen. Im lila Overall, mit einem lustigen Scheren-Hut auf dem Kopf und wegen der Farb-Gleichberechtigung trage ich blitzblaue Elefanten-Schuhe. Unterbrochen wird meine Idee von „Dian", der jetzt sofort und auf der Stelle auch Basteln will. Beim Gedanken daran, dass wir nur eine Schere haben und diese ausgerechnet rot ist, befürchte ich ein Sturmtief, das über unsere Mutter-Sohn-Beziehung zieht. Und wenn du als Mama zwei Fronten gegen dich hast und diese dann noch Geschwister sind, dann such' schnellstens den nächsten Deckungsgraben.

Tag 3

Da hocke ich nun. Zwischen der Schmutzwäschetruhe und der Waschmaschine. Bewaffnet mit einer roten Bastelschere. Adrian habe ich ausgetrickst, indem ich ihm erzählt habe, dass gleich die Müllabfuhr kommen würde. Seit fünf Minuten steht er vor der großen Glasfront in der Küche und wartet auf seine Helden in Orange. Ich weiß, man sollte seine Kinder nicht anlügen, aber nachdem ich abwägen musste, ob mein Nervenkostüm einen nächsten Tornado übersteht oder nicht, wählte ich die Variante „Egoismus".

Wenn ich jetzt schon zwischen bekleckerten Bodys und benutzten Hello-Kitty Unterhosen hocke, fange ich das säuberliche Trennen zwischen Weißwäsche und „der Rest" an. Ich habe es mir abgewöhnt alles nach Grad, Farbe oder Material zu trennen. Diese zwei Unterscheidungskriterien reichen mir. Ich sehe auch so schon selten den Sonnenaufgang über der Schmutzwäsche-Gebirgskette.

Adrian höre ich immer wieder mit seiner flachen Hand gegen die Fensterscheibe klopfen. Ich ahne schon, welche Schmiererei mich dort erwartet. „Denk nicht daran", ermahne ich mich selber und versuche diesmal schon vor dem Waschen die passenden Sockenpaare zu finden.

Verdächtig ruhig ist es geworden. Ab und zu vernehme ich ein leises Rascheln. Als es plötzlich an der Tür klingelt: „Hey Susanne. Ich habe euch ein paar Stücke von meinem Marmorkuchen mitgebracht." Es ist Eva, meine Nachbarin. Sie kommt wie immer im richtigen Moment, das hat mir schon ihr Mann Gerhard bestätigt. Ich brauchte jetzt dringend jemanden zum Reden. Jemanden in meinem Alter. Voller Freude springe ich zur Türe, entriegle sie und begrüße Eva herzlich.

Hinter mir vernehme ich schnelle Kinderschritte. „Da kommt Adrian. Er denkt wahrscheinlich der Müllmann holt die Abfallsäcke heute persönlich ab", scherze ich und schaue Eva an. Ihre Augen beginnen zu leuchten. Ihre Lippen bewegen sich auseinander und zwischen ihren Zähnen entfährt ihr ein herzliches Lachen, das nicht enden will. Während ich mich frage, ob mein Satz wirklich so einen Lachanfall wert ist höre ich hinter mir „Dians" Stimme: „Mama, Zessin!"

Ich drehe mich um, um meine Prinzessin zu begutachten und im selben Moment hoffe ich, der Erdboden tut sich auf. Adrian hat offensichtlich das Schlafzimmer auf den Kopf gestellt und meine streng geheime Box gefunden, deren Inhalt Singlefrauen die einsamen Nächte etwas erleichtern soll. Mit einem blauen Vibrator in der Hand steht er da und mir schwant Schlimmes beim Gedanken daran, dass seine „Ich-nehme-alles-zum-Testen-in-den-Mund"-Phase noch nicht überstanden ist.

 

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