WIENERIN Schreibwettbewerb: Lifestyle der besonderen Art

Lifestyle hat viele Facetten und Eigentümlichkeiten. Im ländlichen Raum existiert unbeachtet und wenig bekannt eine Nische, in der treibt der ländliche Lifestyle skurrile Blüten. In einer kleinräumig strukturierten, aber wenig differenzierten zivilen einfach gestrickten Gesellschaft. Ein Text von Jakob Végh.

Im kleinbürgerlichen Umfeld verhalten sich Frauen offenbar so, wie es Männer von ihnen erwartet, geschlechterstereotyp eben. Auf diesem Humus hat sich bei Jubiläen, trotz Facebook und Twitter, bei „runden" Geburtstagen eine besondere Form zweischneidiger Wertschätzungen und Referenzen etabliert. Das erreichte Alter, das Überschreiten einer metrischen Altersgrenze wird öffentlich an die große Glocke gehängt, obwohl es Jubilarinnen am liebsten für sich behalten wollten, ihr Alter. Es schmerzt aber besonders dann, wenn man auch Altersfolgen wie Falten öffentlich macht.

Frauen im Fokus

Regelmäßig begegnet man diesem Phänomenen auf von Laien gefertigten Bildtafeln und Transparenten aus Leinen mit banal gereimten Huldigungen, die der lokalen Öffentlichkeit besondere familiäre Ereignisse bekannt machen. Nachhaltige Geburtstage. Als Aufputz dienen - wie bei Geburtstagsfeiern von Kindern - farbige Luftballons. Immer wieder werden „runde" Geburtstage auch mit die Fahrgeschwindigkeit einschränkenden Schildern plakativ angezeigt. Eine besondere Spezies dieser Form des Lifestyles auf dem Land ist die Huldigung von Frauen jeden Alters. Kaum zu glauben aber wahr, unsere Mama wird 70 Jahr. Ohne ihr Wissen und ihr Einverständnis werden Jubilarinnen aus der Anonymität geholt und in die Auslage gestellt. Lebe viele Jahre noch, liebe Doris, lebe hoch.

Jubelfest Geburtstag

Huldigende Spruchbänder mutieren zu Visitenkarten. Profane lyrische Texte schlagen eine imaginäre Brücke zur Jubilarin. Die Faszination dieser regelmäßig geradezu aus dem Nichts kommenden Publikationen ist gegeben. Zu den erhebendsten Episoden im Leben eines Menschen gehören zweifelsfrei Jubelfeste. So genannte „runde" Geburtstage. Sie holen den Jubilar für kurze Zeit aus dem Alltag, aus der Anonymität. Absender sind die Familie oder Freunde. Sie stellt die Gefeierten in das örtliche Schaufenster. Neben Geburtstagsfeiern mit Geschenken und einer Torte sind die huldigenden Transparente innerhalb einer Familie soziale Akte.

Frau reimt sich auf Pfau

Signifikant ist die Lyrik. Die Elfi ist eine Spitzenfrau und übertrifft mit ihren 50 Jahren jeden Pfau. Die Reichweite der Kundgaben ist im Umland gegeben. Die Aufmerksamkeit, das Augenmerk, das Interesse der Mitbürger. Für die Doris ist nicht wichtig der Mini, wenn's heißt, der Sommer kommt, zählt nur der Bikini. Bei den Präsentationen kommt es zu kopierten Schemata. In der Gestaltung, in Stil und Wortlaut. Du wirst schon sehn, mit 50 ist es genau so schön. Oder: Du wirst schon sehn, mit dreißig wird's erst richtig schön.

Der ländliche Aktionismus

Aktionismus, was ist das? Man denkt an den Wiener Aktionismus. Auf seine Exponenten und seine bürgerschreckenden Agitatoren. Auf Günter Brus, Otto Mühl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler. Und Frauen? Wo waren die Frauen damals? Valie Export stand damals als Mitglied der Wiener Gruppe in der quasi zweiten Reihe. Provokant verletzten sie damals ebenfalls die genormte bürgerliche Ordnung. Der ländliche Aktionismus? Der bewahrt sie, er hegt und pflegt sie, die bekannten kleinbürgerlichen Konventionen. Viel Glück, denn du bist das beste Stück.

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Das Jubel-Dilemma

In einer Zeit des Jugendwahns, des Anti-Faltismus, sollte eine Frau nicht altern. Die Kosmetikindustrie und die Schönheitschirurgie betet es vor. Tue etwas, das bist du dir schuldig. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Cremen, Seren, Tinkturen, Peelings, Botox-Injektionen, Face-Liftings, Brustoperationen. Man will sich doch seinen Porzellanteint bewahren. Und das um jeden Preis. Da wird auch schon einmal die Ernährung umgestellt. Ganz nach dem Motto „Du bist, was du isst". Avocado zaubert dir einen strahlenden Teint, Nüsse stärken die Nägel und Stangensellerie ist ja schon seit jeher ein Faltenkiller. Waffen gegen den Alterungsprozess. Jede Zeitschrift, jede Tageszeitung beschäftigt sich mit der fundamentalen Lebensfrage: „Wie treibt man der Haut am besten die Falten aus?" Und auch am Land ist das Thema Altern ein Thema. Die Frau Leiner vom Transparent, die laut Banderole mit 40 Jahren bereits aussieht wie sechzig. Man denkt sich „die arme Frau". Nicht nur, dass sie tagtäglich ihre Falten im Spiegel betrachten muss, auch die Gratulanten führen ihr das große Dilemma öffentlich vor die Augen. Man erinnert sie an ihre grauen Haaren und bittet sie, sich wegen ihrer unzähligen Falten nicht zu kränken. Zuletzt begrüßt man sie im Club der Alten.

Naive Volkspoesie

Von Autodidakten geschaffene naive Malerei ist anerkannt, hat ein Publikum und daher auch einen Markt. Ganz anders verhält es sich mit der naiven Dichtkunst, wie sie auf Jubilarinnen ehrende Transparente gemalt werden. Keiner ordnet sie literarisch ein. Obwohl sich die Laiendichter große Mühe geben: „Dabei ist mir eines wichtig. So wie du bist, so ist es richtig." Man ist dazu verleitet, die vielfältigen Reime auf die Ebene von Gottfried August Bürger (1747 bis 1794) zu stellen, einem klassischen Dichterfürsten. „Das Lied vom braven Mann", die in im Deutschunterricht der Mittelschule auswendig zu lernende Heldenballade ist ein Paradigma auf dörflichen idealisierenden Lobpreisungen. Auf Edelmut und Gottvertrauen. Bei Bürger heißt es unter anderem: Hoch klingt das Lied vom braven Mann, wie Orgelton und Glockengang." Auf einer lokalen Transparent-Hymne klingt es so: „ Mit dreißig bist du gut in Form und deine Erfahrung ist enorm."

Gender und bürgerliche Werte

Bei Bürger rettet ein Bauer edelmütig einen vom Hochwasser eingeschlossenen Zöllner mit Frau und Kind. Selbstlosigkeit und Gottvertrauen. Heißt es doch dort: „Wer ist, wer ist der brave Mann? Sag an, sag an, mein braver Sang. Der Bauer wagt ein Leben dran." Undenkbar, dass zu dieser Zeit eine Frau zur Heldin stilisiert wurde, dass ihr Bürger lyrische Kränze gewunden hätte. Abwegig und gar nicht ins Ohr gehend wirkt die genderkonforme Mutation der Ballade: „Hoch klingt das Lied von der braven Frau." Bürger würde sich vermutlich im Grab umdrehen, wie gesagt wird. Auffällig ist, dass in erster Linie Frauen gehuldigt wird und sie geradezu trösten und ihnen Mut machen, dass das Leben noch lange nicht vorbei ist. Ganz anders klingt es bei männlichen Jubilaren: 60 bist du - sagenhaft. Karl, wie hast du es geschafft, so fit zu sein, wie eh und je, trotz fahren mit Pajero und LKW. Ein anderes Beispiel: 50 Jahre bist du jung, voll Elan und voller Schwung.

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Die Welt der Reichen und Schönen

In der Society, in der Welt der Reichen und der Schönen ist die heillose Flucht vor dem Älterwerden und dem drohenden körperlichen Verfall allgegenwärtig. Im Showgeschäft sind alternde Protagonistinnen vergleichsweise benachteiligt. Ein Schauspieler dagegen - je reifer, umso interessanter. Paradebeispiele dafür sind George Clooney, Jack Nicholson, Michael Douglas und andere. Und bei Schauspielerinnen? Mutterrollen, Charakterrollen als alternde versoffene Diven oder skurrile ältere Damen. Die Regel wird von Ausnahmen bestätigt. Meryl Streep etwa. Andere wieder tappen in die Botox-Falle. Nicole Kidman oder Meg Ryan, die ein Schatten ihrer selbst ist. Überschüssige Kilogramm sind bei Schauspielerinnen ein No-Go. Körperlich aus dem Ruder gelaufene Männer hingegen werden als Hünen gehandelt in Hollywood mit Hauptrollen besetzt. Siehe Arnold Schwarzenegger.


Mitleid und Schadenfreude

Stars verheimlichen, verstecken ihr wirkliches Alter. Aber nicht nur sie, auch für andere nicht im Rampenlicht stehende Frauen, Berufstätige oder Mütter, ist das Älterwerden mit seinen Folgen eine schwere Bürde. Ungehörigen Fragen nach ihrem Alter weichen sie aus. Und dann plakatieren Angehörige das Erreichen einer sie schmerzenden Altersgrenze als Errungenschaft, als Triumph, den sie selbst im Innersten als Niederlage empfinden. Hurra, Hurra, unsere Wirtin Sissi wird 60 Jahr. Ob dieser Sissi zum Jubeln gewesen ist? Oder: Helga, auch dich hat`s erwischt. Willkommen im Club der 50er. Auf einem anderen Transparent hat man Mitleid mit der Jubilarin: Autsch, unsere Irmi ist 50. Ein Sujet, auf das man abgewandelt immer wieder trifft. Oh Schreck, oh Schreck, die Zwei ist weg. Oder: Liebe Angie. Heute früh - ach du Schreck, die 2 und auch die 9 sind weg. Auch hier ist die Anteilnahme am Älterwerden spürbar. Und auch der Trost: Die Zeit ist mit 30 nicht zu End.


Am Beispiel Luftballon

„Wie schnell das Leben doch vergeht, ihr es an den Luftballonen seht." Zu Geburtstagen gehören Luftballons. Sie ähneln den menschlichen Lebenszyklen. Die Geburt - der Akt des Aufblasens. Fest und rund und wunderschön erfreut uns der Luftballon in der Folge. Wie die Kindheit und Jugend eines Menschen. Doch bald hat der Luftballon seine Faszination verloren, er wird zunehmend unansehnlich. Dann beginnt der Luftballon seine ursprüngliche feste Form zu verlieren - sukzessive geht dem Ballon die Luft aus. Und so werden auch wir älter und verlieren wie ein Luftballon die Konsistenz. Wir bekommen Falten, das Haar wird brüchig, der Körper verformt sich. „Autsch" und „Oh Schreck" - und die Transparente? Sie erinnern nachdrücklich an das Altwerden, an die Vergänglichkeit. Illusionistisch wird versucht zu retten, was bereits verloren ist: Alles nimm mit viel Schwung, dann bleibst du ewig jung.


Fluchtversuch

Das Plakat ist ein Marketinginstrument, das sich an eine anonyme Gruppe von Konsumenten wendet. Dabei ist offen, ob die Botschaft den Empfänger erreicht. Die Adressaten der plakativen selbstgefertigten Geburtstagsanzeigen befinden sich im Umkreis des Jubilars. Demnach kann man davon ausgehen, dass es hier im Gegensatz zur professionellen Plakatwerbung zu keinen Streuverlusten kommt. Das Ziel, Bekannte und Nachbarn als Gratulanten zu gewinnen, wird erreicht. Bleibt noch die Freude des Jubilars über sein Transparent-Geschenk. Auch die Familie profitiert. Denn im Alltag bleibt der Mensch trotz medialer Vielfalt in seinen vier Wänden isoliert. Er konsumiert zwar die Medien, hat aber selbst keine Chance, aktiv daran teilzunehmen. Öffentliche gemachte Botschaften über familiäre Ereignisse in Form von Transparenten und Bildmarken sind Formen eines ländlichen Lifestyles und gleichzeitig Fluchtversuche aus der Isolation.

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