WIENERIN Schreibwettbewerb: Es muss nicht immer neu sein!

Der Kleiderschrank ist überfüllt und trotzdem findet man nichts Passendes zum Anziehen. Zu klein, zu bunt, zu kurz oder es trifft einfach nicht mehr den Geschmack. Sie kennen das? Hilfe ist in Sicht! Der neue Trend: Die alten Teile eintauschen. Ein Text von Marie-Theres Chaloupek.

Es klingelt an der Tür. Zwei Frauen kommen die Treppen herauf. Die eine schleppt einen schweren braunen Koffer in den ersten Stock. Die andere hat einen großen Sack in der linken Hand und balanciert eine große weiße Salatschüssel auf der rechten Handfläche. Oben angekommen warten schon die drei WG-Bewohnerinnen Clara, Vanessa und Bella. Während Clara die Salatschüssel in Empfang nimmt und auf dem Buffettisch in die Reihe anderer mitgebrachter Köstlichkeiten einordnet, kümmern sich ihre Mitbewohnerinnen um den Koffer und den Sack. Alle Kleidungsstücke werden ausgepackt und feinsäuberlich eingeordnet. Kleider, T-Shirts, Jacken und Jeans. Für jedes Teil gibt es einen Stapel. Die besonders schicken Fundstücke werden auf Kleiderhaken gehängt - damit sie aus der Masse hervorstechen. Innerhalb kürzester Zeit gleicht das Gästezimmer der Wohngemeinschaft einer kleinen Second Hand Boutique.

Die Aufregung steigt

Nach einer guten halben Stunde tummeln sich bereits rund 20 Damen im Wohnzimmer. Dann ist es so weit. Der Kleidertausch beginnt. Während die einen noch auf der Terrasse einen gemütlichen Sonntagmorgenkaffee genießen und frisches Obst und Blätterteighäppchen vom Buffet naschen, stürmen die anderen das Gästezimmer. Jetzt ist schnelle Reaktionsfähigkeit gefragt. Alles was potenziell passen könnte, wird gehortet. Einige Besucherinnen ziehen sich zum Probieren in die Schlafzimmer ihrer Freundinnen oder auf das WC zurück. Andere haben Angst, dadurch vielleicht den Fund eines hübschen Stücks zu verpassen und ziehen sich gleich mitten im Raum um.

Nachschub kommt

Plötzlich ertönt die Klingel. Ein weiterer Gast und damit die Hoffnung auf neue Beute. Bella platziert den frisch eingetroffenen Koffer inmitten des Raumes. Zeit zum Aussortieren nimmt sie sich jetzt keine mehr. Sie öffnet die Schnallen und schon greifen dutzende Hände hinein und wühlen im Koffer. Die Party breitet sich immer weiter in der Wohnung aus. Eine kleine Modenschau entsteht am Flur. Skurrile Teile werden präsentiert und man amüsiert sich köstlich. Nach rund zwei Stunden hat jede der Besucherinnen einige Neuzugänge für die eigene Garderobe gefunden. Ein paar Damen haben sogar schon vorausgedacht und Accessoires wie Gürtel, Leggings und Schuhe von zu Hause mitgebracht, um zu sehen, wie sich die Kleidungsstücke damit kombinieren lassen.

Viel Auswahl

„Ich hätte nie gedacht, dass ich so viele schöne und stylische Klamotten finde. Für den Sommer muss ich mir jedenfalls keine neuen kurzen Hosen dieses Jahr kaufen", freut sich Nermien. Es ist ihre erste Party dieser Art, „aber sicher nicht die letzte", wie sie betont. Doch plötzlich entdeckt eine ihrer Freundinnen ein getupftes Oberteil in ihrem Kleiderberg. „Möchtest du es haben? Wenn es dir wirklich gefällt, dann überlasse ich es dir!", schlägt die Studentin vor. Ihre Freundin nimmt das Angebot dankbar an und probiert die Bluse. Da sie wie angegossen sitzt, möchte sie das Oberteil gar nicht mehr ausziehen. Heute geht niemand mit leeren Händen nach Hause.

Einstweilen herrscht bei den Partygästen eine ausgelassene Stimmung. Der Gedanke, ohne Geld so viele neue Kleidung zu bekommen und dafür auch noch Platz im Schrank zu haben, da man ja selbst auch viel mitgebracht hat, scheint die Besucherinnen in eine Art Glücksrausch zu versetzen. Ein Mädchen packt Nähzeug aus. Sie näht einen abgerissenen Knopf an. Die Kleidungsstücke sind nicht alle makellos, doch das meiste kann mit wenigen Nadelstichen schnell beseitigt werden.

Nichts für Männer

Nur drei Männer haben sich in die Wohnung verirrt. Für sie scheint es befremdlich, welche Szenen sich hier abspielen. Sie bleiben auf der Terrasse. Erst gegen Ende der Party raffen sie sich auf, um den Stapel mit männlicher Kleidung in Augenschein zu nehmen. Verhalten probieren sie die Teile an. Es scheint, als würden sie hier keine große Schatzsuche betreiben. Eher sind es die Damen, die in diesen Stößen stöbern, um vielleicht auch noch für den Freund das eine oder andere gute Stück zu ergattern. Die werden dann zu Hause damit zwangsbeglückt.

Fairtrade auch bei Kleidung

Im Wohnzimmer entsteht eine Diskussion über Nachhaltigkeit. „Beim Essen achten die Menschen schon viel mehr darauf, was sie kaufen. Die Nahrung nehmen sie in ihrem Körper auf, aus diesem Grund ist hier das Bewusstsein stärker ausgeprägt. Bei der Mode wird nicht so sehr darauf geachtet. Obwohl auch hier eine nachhaltige Produktion und faire Bezahlung wichtig wäre", meint eine der Besucherinnen.

Und der Rest?

Am Ende des Tages sind die Regale im Gästezimmer noch immer nicht leer. Die WG-Bewohnerinnen sammeln die Reste ein. Selbst überrascht über die Berge vom Kleidern, die noch immer herumliegen, beschließen sie, die übrig gebliebene Kleidung einer karitativen Einrichtung zu spenden.

Die Koffer sind gepackt

Als auch die letzte Besucherin die Wohnung mit einem Koffer vollgepackt mit getauschter Kleidung verlässt, sind Clara, Vanessa und Bella erleichtert. Ihre Kleidertausch-Brunch-Party war ein voller Erfolg. Vanessa hat sogar ein schickes pastellfarbenes Kleid mit goldener Schnalle für ein Familienfest in zwei Wochen. Mit so viel Glück hatte selbst sie gar nicht gerechnet.

 

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