WIENERIN Schreibwettbewerb: "Bau ja keinen Scheiß!"

Die WIENERIN hat zum Schreibwettbewerb ausgerufen. Hier ein Text von Jennifer Vass über eine ganz besondere Liebe.

Es gibt die unterschiedlichstenLiebesgeschichten, die einem im Leben widerfahren können. Die große, wahre, die, die einem die Luft zum Atmen nimmt, die, die man am liebsten wieder ausradieren möchte.

Und es gibt die, die einem das Leben retten und dabei kein klassischesHappy Endhaben. Kein glücklich bis ans Ende ihrer Tage, keine Hochzeit, keine Kinder, nein nichtmal ein Paar ist man in dieser Liebesgeschichte. Auf den ersten Blick sieht sie wie eine gewöhnlicheAffäreaus, billig und falsch. Und man traut sich dabei nichtmal von Liebe sprechen. Doch bei näherer Betrachtung erkennt man darin etwas so außergewöhnlich Besonderes, dass man sie jeder anderen vorzieht und ewig dankbar ist.

So eine hat die 25-jährige J. erleben dürfen und erzählt als ihr künftiges Ich ihrer Tochter, wie die besondere Verbindung zu einem Mann ihr das Leben gerettet und danach auch verändert hat.

"Bevor ich deinen Vater kennen gelernt habe, war mein Leben ein wenig aus den Fugen geraten. Du weißt, Oma und Opa sind nicht gerade die einfachsten. Und als ich jung war, waren die zwei eben noch unerfahren, haben ziemlich viel falsch gemacht. Und bevor du mich unterbrichst, ich weiß, ich bin in deinen Augen um nicht viel anders.

Ich hatte mir als Kind immer ausgemalt, dass ich mit 25 das perfekte Leben führen würde. Wie du ja weißt, ist mir das nicht im geringsten gelungen.

Mein Job war mies, das hat mich immer so deprimiert. Dazu kam, dass ich in einem Leben gefangen war, das nicht im geringsten zu mir gepasst hat. In einem burgenländischen Kaff mit einem Mann, den ich schon lange aufgehört hatte zu lieben. Der hat mir dann auch immer wieder Kopfzerbrechen bereitet, weil er es Monat für Monat geschafft hatte mit einen Fuß im Gefängnis zu stehen. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich ihn regelmäßig rausgeholt habe. Er tat mir einfach leid.

Meine Zukunft habe ich dabei komplett aus den Augen verloren. Und als mir das klar wurde, hat es mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich habe einige unverständliche und dumme Dinge getan, nur damit endlich wer auf mich aufmerksam wird und mir hilft.

Du weißt doch, dass ich regelmäßig zur Nachsorgeuntersuchung muss. Tja, damals habe ich mich anfangs geweigert, etwas für meine Gesundheit zu tun.

Bis dann eines Tages dieser eine Mensch in mein Leben getreten ist und es gehörig durcheinander gebracht hat. Noch viel mehr, als es sowieso schon der Fall war.
Anfangs ging es nur um Sex, und bevor du mich so schockiert ansiehst, ich lebte zwar mit einem Mann zusammen, aber war schon lange von ihm getrennt. Ja, gemeint ist der A., und hör auf zu grinsen.

Wo war ich? Ach ja, dieser eine Mensch. Wir haben also einige Male miteinander geschlafen und es war der Wahnsinn sag ich dir. Ähnlich gut wie dieser heiße Sportler, du erinnerst dich?

Das Problem war nur, dass er sich einfach überall eingemischt hat. Er hat mich quasi zum Arzt gepeitscht. Und mich immer wieder so sehr geärgert, bis ich in die Gänge gekommen bin.

Wir sind uns immer näher gekommen, gefährlich nahe. Denn er war vergeben. Das hättest du mir nicht zugetraut, was? Ich bin nicht sonderlich stolz drauf und solltest du erwägen dich auch auf eine Affäre einzulassen - ich werde dich verprügeln. Schatz, grins nicht, ich meine das ernst!

Er war das Besonderste, was mir bis dato passiert ist. Er hat Gefühle in mir zum Vorschein gebracht, die vorher noch keiner geschafft hatte. Oft wusste ich selbst nicht, dass solche Gedanken und Emotionen in mir waren.

Und so habe ich begonnen alles aufzuschreiben. In einem Blog. Den gibt es übrigens noch immer. Er hat es dann immer gelesen. Und hat mir damit nochmal das Leben gerettet. Ich war am Ende, es war einfach alles zu viel und ich wollte dem ein Ende setzen.

Sei nicht bedrückt! Ich denke jeder kommt einmal an den Punkt, wo er nicht mehr kann. Und solltest du diesen Punkt erreichen, sprich mit mir. Ich weiß genau, wie sich das anfühlt. Und ich weiß auch, dass diese Momente Kurzschlussreaktionen sind.

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Er war bei mir zu Hause und nachdem er ging, hatte ich ihm eine Nachricht in meinem Blog hinterlassen. Einen Abschied. Ich hab mir eine Flasche Schnaps geschnappt und ca. 25 Pillen eingeworfen. Und dann bekam ich eine SMS. "Bau ja keinen Scheiß, ich sag's dir!" Und dann hat es mich eiskalt erwischt. Kaum zu Hause angekommen, hatte er das Bedürfnis, meine Seele zu lesen. So habe ich das damals genannt, weil ich wirklich meine tiefsten Empfindungen aufgeschrieben habe.

Ans Schicksal hat er nie geglaubt, aber ich sage heute noch, dass dieser Moment der Beweis war, dass es ein Schicksal gibt.

Ich hatte ihm gesagt, dass ich ihn liebe. Aber nicht diese romantische Art von Liebe. Dieses Gefühl ging tiefer, in eine andere Ebene. Besonders eben, wie schon erwähnt.

Er schrieb zurück, er tue es auch. Also mich lieben. Bis heute weiß ich nicht, ob er das aus Angst um mich gesagt hat. In diesem Augenblick hat es aber gereicht um mich aus meiner Trance zu reißen.

Ich verrate dir jetzt nicht wie ich die Pillen aus meinem Körper bekommen habe. Du kommst nach mir - so irre wie du bist, probierst du's aus, nur um des Probierens willen. Du ahnst nicht, wie ähnlich du mir bist. Ein richtiger Freak! So hat er mich übrigens immer genannt. Also ist das ein Liebesbeweis, wenn ich dich so nenne.

Er hat sich solche Sorgen gemacht, dass er die Polizei rufen wollte. Ich an seiner Stelle wäre mitten in der Nacht vor der Tür gestanden. Wenn schon denn schon. Aber ich rechne ihm ja hoch an, dass er sich Gedanken gemacht hat. Du ahnst schon, um wen es geht, oder? Lass mich noch ein wenig erzählen ...

Am nächsten Tag wollte ich einen Schlussstrich unter ihn und mich ziehen, natürlich ohne Erfolg. Dieser Mensch hatte mich voll und ganz, es war unmöglich das aufzugeben.

Und dann stand er da mit der Titelseite meines Buches in der Hand. Das ist ihm in der besagten Nacht eingefallen. Er hat an mich geglaubt, sowohl daran, dass ich keinen Mist baue, als auch daran, dass ich zu mehr bestimmt war. Noch nie hatte mir jemand vorher das Gefühl gegeben, etwas wert zu sein. Jeder hatte mich als selbstverständlich betrachtet.

Deswegen sage ich dir auch so oft, wie außergewöhnlich du bist. Und nicht im geringsten selbstverständlich. Ich liebe dich, du wahnsinniges Kind!

Dass ich seinen Buchvorschlag dann wirklich umgesetzt habe, muss ich ja nicht erwähnen. Sonst zickst du mich wieder an, wie eingebildet ich bin. Ohne ihn gäbe es weder das Buch noch die Texte darin. In den meisten schreibe ich ja über ihn.

Dein Vater sagt zwar immer, ich könnte nie wieder jemanden so bedingungslos lieben wie ihn, aber ich versichere dir, ich kann. Und ich habe! Und irgendwann schreibe ich auch über euch ein Buch. Und du, meine Schöne, kommst aufs Cover!

Und ja, du hast richtig gedacht, mein Mensch ist er. Der, der im Wohnzimmer sitzt und mit deinem Vater über Sport diskutiert. Und bevor du auch nur wagst daran zu denken: Wir schlafen natürlich nicht mehr miteinander. Warum musstest du auch meine schmutzige Fantasie erben ..."

Nicht immer sind Liebesgeschichten dazu bestimmt, um zusammen glücklich in den Sonnenuntergang zu reiten. Manche Menschen kreuzen unseren Weg, damit dieser in die richtige Richtung geht. Um dort dann schließlich wirklich den zu finden, mit dem wir den Rest unseres Lebens verbringen wollen. Und wer weiß schon, ob man ohne so eine Liebesgeschichte diesen einen wirklich gefunden hätte.

 

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