WIENERIN schaut Game of Thrones: Warum wir die Glocken nicht läuten hörten

Es ist ja so: In der WIENERIN Onlineredaktion sitzen Zwei, die sind ziemlich vertraut mit dem ganzen Firlefanz auf Planetos. Montags sitzen sie jetzt also die nächsten Wochen immer vorm Fernseher - und teilen ihre Gedanken zur achten und letzten Staffel "Game of Thrones" dann hier. Diesmal mit Folge 5: "The Bells"

+++SPOILER SPOILER HIER IST ALLES VOLLER SPOILER+++

Game of Thrones, Staffel 8, Episode 5

„Nodus Tollens“ nennt der Schriftsteller John Koenig in seinem „Dictionary of Obscure Sorrows“ das Gefühl, wenn man bemerkt, dass der Handlungsstrang des eigenen Lebens keinen Sinn mehr ergibt – obwohl man den Spannungsbogen eigentlich aufmerksam verfolgt hat, findet man sich plötzlich versunken in Szenen, die scheinbar zu einem völlig anderen Genre gehören. Es dürfte das Gefühl sein, das tausende ZuseherInnen nach der fünften Folge der letzten Staffel „Game of Thrones“ verspüren. „The Bells“ hätte die beste Episode der Serie werden können, und blieb ein Stakkato substanzloser Enden. Ein Erklärungsversuch des Versagens:

Die Königin ist tot, lang lebe die „Mad Queen“

Der Wandel der Daenerys Targaryen, First of her Name, zur „Mad Queen“ hätte funktionieren können. Menschen verbrennen ist immerhin der Signature-Move der Mother of Dragons. Für den Mord durch Feuer hatte Daenerys bisher immer gute Gründe: Da war es Rache an den eindeutig bösen Sklavenhändlern oder Strafe für die unbeugsamen Unterstützer der ebenso eindeutig bösen Tyrannin Cersei Lannister. Diese Morde sind, zumindest in Daenerys Augen, gerechtfertigt. Das ist spannend, weil wir darüber nachdenken können, ob der Zweck jetzt echt die Mittel heiligt und wie weit das vermeintlich moralisch Richtige gehen darf. Der Subplot von „Game of Thrones“ war immer auch der Grausamkeit eines Krieges geschuldet, der keine GewinnerInnen zulässt.

Auf die Grauzonen in den vergangenen Entscheidungen der jungen Drachenkönigin haben die Serienmacher David Weiss und D.B. Benioff zugunsten einer strahlenden Heldin, eines schönen weiblichen Underdogs, zu oft verzichtet. Daenerys‘ recht plötzliche Entwicklung lässt sich nun nicht einfach mit einem saloppen Verweis auf die psychisch labile Familiengeschichte erklären. Es fehlt ihr innerer Kampf zwischen Einsamkeit, Verlust und Depression, zwischen Versagensangst und Überforderung und letztlich das Zerbrechen an den eigenen hohen Standards und der versuchten Rechtfertigung eines Genozids, die es so niemals geben kann. Das hätte eine große Geschichte sein können.

Was wir letztlich sehen, ist eine Kriegerin mit Tränen der Wut in den Augen, die scheinbar plötzlich Gnade gegen Grausamkeit tauscht, und wahllos tausende unschuldige Menschen tötet, die sie drei Folgen zuvor noch retten wollte. Cinematographisch lässt eine/n das atemlos zurück, weil Feuer auf großen wie kleinen Leinwänden meist gut aussieht - Daenerys Charakter aber bleibt auf der Strecke. Sie wird wohl zur bloßen Steigbügelhalterin für Jon Snows Schicksal und so, wie so viele weibliche Charaktere vor ihr, zu einem reinen Symbol männlicher Figurenentwicklung. Dass die Scorpions, wie die überdimensionalen Anti-Drachen-Armbrüste im Fachjargon heißen, just nicht funktionieren, wenn es der Handlungsstrang will, macht das nur noch schlimmer.

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Das Ende des „Twincest“

Symbolik prägt auch den Tod der Lannister-Zwillinge. Gemeinsam in die Welt gekommen, Jaimes Hand um Cerseis Fuß geschlungen, verlassen sie das Irdische in Zweisamkeit, während das mühsam aufrecht erhaltene Konstrukt ihrer Macht über ihnen zusammenbricht, sie gar unter sich begräbt. Im Hintergrund spielt „The Rains of Castamere“, die Hymne der Lannisters, die auch die „Red Wedding“ untermalt hat. Das ist gleich doppelt bedeutungsschwanger. Achtung, Nerd-Alert: Die Vorherrschaft des verstorbenen Patriarchen Tywin Lannisters beruhte besonders auf einer Machtdemonstration über Haus Reyne. Die Lords und Ladys des aufbegehrenden Hauses starben in den Minen unter der eigenen Burg, die Ausgänge auf Tywins Befehl hin von Lannistersoldaten versperrt, dann mit Wasser geflutet. Die Lannister-Zwillinge finden ihr Ende nun genauso: eingeschlossen in den Kellern des Symbols ihrer eigenen Macht.

Mit ihnen stirbt auch Jaimes Charakterentwicklung. Man könnte jede einzelne Szene des Kingslayers nach seiner Gräueltat in der ersten Episode einfach streichen, Jaimes Handlungen in Episode 72 würde trotzdem funktionieren. Man würde sich lediglich wundern, wieso er eine goldene Hand hat und wo seine wallende, goldene Mähne hin ist. Schade, denn die co-abhängige, missbräuchliche Beziehung der Geschwister entspricht im Grunde sehr realen Mustern, aus denen sich Menschen nur schwer befreien können. Diese Dynamiken eingehend(er) beleuchtet, hätte Jaimes steinigen Weg aus der Abhängigkeit umso lohnender, seinen Rückfall umso trauriger, wenn auch nachvollziehbarer gemacht. Sein Tod wäre genauso frustrierend, aber nicht so sinnlos gewesen.

Das sind nämlich Geschichten, die funktionieren – hätte man sie so in der Serie jemals erwähnt. Auch ein Epos wie „Game of Thrones“ kann sich nicht auf Handlungsstränge verlassen, die erst im Nachhinein mühsam erklärt werden müssen. Sie lassen nur ein unbefriedigendes Gefühl zurück. Jaime bleibt alsdann „hateful" und "the stupidest Lannister“; die große, böse Cersei ist in der letzten Staffel nur noch Statistin ihrer eigenen Story, ohne Handlungsmacht. Das ist das fast schon beleidigend schade und: langweilig.

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Sieben Königreiche für ein gutes Pferd

Was immer noch geht, ist die große Gewalt. Mit dem Inferno in der königlichen Hauptstadt konnte Regisseur Miguel Sapochnik (der auch mit „Hardhome“, „Battle of the Bastards“ und „The Winds of Winter“ ein Talent für Kriegsgewalt bewiesen hat, „The Long Night“ war halt ein Griff ins Klo) wieder überzeugen. Wenn am Ende einer schier endlosen Schlacht Arya Stark durch ein brennendes King’s Landing taumelt und uns die verheerenden Folgen eines grausamen Krieges zeigt, findet die Serie kurz zu alter Größe zurück. „Game of Thrones“ hat Abgründe eines Krieges nie besonders geschönt, das ist der Reiz einer an reale Strukturen angelehnten Fantasy-Serie.

Im Pferdemädchen-Finale der Herzen steigt Arya nun aber auf ein einsames weißes Pferd und reitet von dannen, die brennenden, schwelenden Häuser hinter sich lassend. Symbolik mit der Brechstange, die so gar nicht zum dumpfen Horror der Gewalt passen mag und mehr wirre Fragen aufwirft, als sinnvolle Antworten gibt.

Das „weiße Pferd“ ist freilich erstmal das Sinnbild eines Retters. Gandalf hatte eines in „Lord oft he Rings“ und auch die ursprüngliche Erlöserin auf Planetos, Daenerys Targayren, hat von Khal Drogo in der ersten Staffel eine weiße Stute geschenkt bekommen. Damit nicht genug: Im fünften Buch der „A Song of Ice and Fire“-Reihe bedroht eine Seuche vor den Toren Meereens Daenerys‘ ohnehin wackelige Herrschaft, die Krankheit heißt „the pale mare“ – übersetzt soviel wie „die blasse Stute“. Auch das ist nicht besonders neu. In der Bibel, in der „Offenbarung des Johannes“, sitzt einer der vier Reiter der Apokalypse auf einem weißen Pferd: der Tod.

Entweder hat Arya das brennende Kings Landing doch nicht wie ein Wunder als Einzige überlebt und reitet jetzt auf einem weißen Pferd in die ewigen Lande des Todes, oder die grünen Augen aus Melisandres Prophezeigung aus Staffel 3. (“I see a darkness in you. And in that darkness, eyes staring back at me: brown eyes, blue eyes, green eyes. Eyes you’ll shut forever.") gehören tatsächlich nicht Cersei Lannister, sondern Daenerys Targaryen und Arya macht sich nun denn auf den Weg, die Welt nach dem Night King auch noch von der Mad Queen zu befreien. Oder aber der ganze Symbolismus ist just for the LOLs und sie hat einfach nur ein Pferd geklaut um die ruinierte Stadt zu verlassen. Auch das wäre den Serienmachern David Benioff und D.B. Weiss zuzutrauen.

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Die anderen Tode in „The Bells“ und der einzige, der gut war

Je größer die Bedeutung nämlich, desto enttäuschender inzwischen die Umsetzung. Illustriert wird das in „The Bells“ auch durch „Cleganebowl“, also dem heroischen Kampf zwischen Sandor „The Hound“ Clegane und seinem bösen Bruder Ser Gregor „The Mountain“ Clegane, auf den die Fangemeinde seit Jahren wartet. Dass das letztlich ausschaut, wie eine Kampfszene aus Xena im Jahr 1998 konnte bei dem Budget niemand ahnen. Da hilft es auch nicht, dass der Hound in der Unverwundbarkeit seines untoten Bruders letztlich weinend die bittere Sinnlosigkeit eines von Rache getriebenen Lebens erkennt und sich für die Erfüllung seines Wunsches in die gefürchteten Flammen stürzen muss, mit jenen sein Bruder einst die familiären Bande zerstört hat (ja genau, als Gregor das Gesicht des kleinen Sandor im Kaminfeuer verbrannt hat). Das ist eh ganz poetisch, wäre es nicht so eilig hingewurstelt.

Restlos streichen können hätte man den den Kampf zwischen Euron Greyjoy und Jaime Lannister. Darauf hat wirklich niemand gewartet. Euron hätte lieber ertrinken sollen, als exstatisch direkt(!) in die Kamera zu blicken und "I'm the man who killed Jaime Lannister" zu jubeln. (Das, liebe MET Gala Promis, ist übrigens CAMP. So bad that it's almost good.)

Einzig Qyburn, Cerseis Hand of the Queen und Hobby-Frankenstein, stirbt einen würdigen Tod durch die Hand seiner eigenen Kreation - einer fast schon beiläufigen Geste. So schließt man einen Kreis! Im Gegensatz zum leisen Ende des großen Flüsterers Lord Varys, dessen letzte Verschwörung stümperhafter nicht hätte sein können.

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Am besten nichts mehr erwarten

Weiss und Benioff haben offenbar keine Lust mehr auf „Game of Thrones“. Sie haben das Angebot des Senders HBO, zwei vollständige letzte Staffeln zu produzieren, ausgeschlagen und auf die kleinere Episodenzahl bestanden. Dass da jetzt einiges fehlt, wird nicht nur BuchleserInnen schmerzlich bewusst. Die Ratings der letzten Staffel sind die schlechtesten der Serie, das ganze Internet lamentiert zurecht über den Qualitätsabfall.

Die Lösung liegt vielleicht nur in „Liberosis“, einer weiteren Wortkreation des eingangs erwähnten Autors. Es ist der Wunsch, sich weniger um die Dinge zu scheren, das Leben nicht mehr so ernst zu nehmen. Wie wir es mit diesem enttäuschenden Ende einer einst großartigen Serie tun sollten.

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