WIENERIN schaut Game of Thrones: Eisern schlecht bis zum Ende

Es ist ja so: In der WIENERIN Onlineredaktion sitzen Zwei, die sind ziemlich vertraut mit dem ganzen Firlefanz auf Planetos. Zum allerletzten Mal saßen sie diesen Montag vorm Fernseher und schauten die finale Folge der letzten Staffel "Game of Thrones": "The Iron Throne"

+++SPOILER SPOILER HIER IST ALLES VOLLER SPOILER+++

Daenerys Targaryen in der letzten Folge von "Game of Thrones".

Es war eh okay. Irgendwie beruhigend, mit ein bisschen Closure und der Befriedigung eines nicht sehr ausgeprägten Interesses. Als würde man auf Wikipedia die Inhaltsangabe eines Films lesen, den man eigentlich schauen wollte, aber dann kam halt das Leben und irgendwas auf Netflix dazwischen.

Nein, das war keine finale Folge eines einzigartigen Serienepos. Das war die schlecht geschnittene Zusammenfassung einer ganzen finalen Staffel. Serienmacher David Benioff und D.B. Weiss sind in ihrer Eile mit "The Iron Throne" über die eigenen Füße gestolpert – und konnten nicht mal damit eine besonders innige Emotion erzeugen. Die letzte Episode hat die mit Abstand schlechtesten Bewertungen der gesamten Serie. Knapp eineinhalb Millionen Fans haben inzwischen eine Petition unterzeichnet, die die Neuverfilmung der ganzen achten Staffel fordert. Warum sie damit Recht haben könnten:

Das Rad dreht sich viel zu schnell

Das fiktive Universum, das George R. R. Martin mit "A Song of Ice and Fire" geschaffen hat, lebt vom politischen Realismus. Klärende Gespräche, einsichtige Menschen oder zufriedenstellende Kompromisse gibt es kaum. Nein, es herrschen der Eigennutz und das persönliche Motiv! J.R.R. Tolkins"Herr der Ringe"-Epos war für GRRM immer zu mittelalterlich in seiner Philosophie. Wenn der König ein guter Mann ist, dann wird auch das Königreich florieren, so die These. Das ist poetischer Unsinn und der hat keinen Platz auf Planetos. Auch deswegen fühlt sich "Game of Thrones" so frustrierend echt an - und ist letztlich auch packend.

Realismus als Geschichte funktioniert aber nur, wenn er sorgsam aufgebaut ist. Wenn wir als ZuseherInnen die Motivationen der Charaktere verstehen. Wenn sich ihre Handlungen aus dem Kontext ergeben. "Show, don’t tell" heißt das im Fachjargon. Zeig mir, warum sich Daenerys Targaryen plötzlich in ihrem Größenwahn verliert, von der Retterin zur Herrscherin entwickelt. Benioff und Weiss machen das nicht mehr, seit ihnen ab der vierten Staffel das Quellenmaterial ausgegangen ist. Es wird nur noch (nach)erzählt, am liebsten in Gestalt von Tyrion Lannister. Er hält gleich zwei große Reden in der letzten Folge, mit beiden schreibt er das Schicksal von Westeros und erklärt, was wir fühlen sollten.

Für mehr ist keine Zeit mehr, hier müssen epische Geschichten in unter zwei Stunden zum Abschluss gebracht werden. Deswegen entscheidet Jon Snow innerhalb von Minuten, Daenerys während eines innigen Kusses den Dolch ins Herz rammen. Deswegen stirbt sie daran sofort, anatomisch inkorrekt aber cinematographisch dramatisch tropft ihr das Blut aus der Nase. Deswegen fallen Entscheidungen über Königreich und Unabhängigkeit, über Erbfolge und Demokratie in Sekundenbruchteilen, als hätte keiner der Anwesenden eigenen Willen oder Ziele. Und deswegen fühlt sich das alles so leer und unbefriedigend an: Das Ziel alleine zählt eben nicht, wenn der Weg dahin nicht stimmt.

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Drei Staffeln hat Bran Starks Verwandlung zum Three Eyed Raven gebraucht. Damit das auch ja niemand vergisst, hat er seine neue Identität gebetsmühlenartig wiederholt. Bran ist nicht mehr Bran, Bran ist etwas anders, Bran fühlt und will nichts mehr. Und erklärt am Ende trotzdem überheblich und selbstzufrieden, dass er eh nur hier wäre, weil er jetzt König wird. Für Widerspruch oder in sich schlüssige Reaktionen der Handlungspersonen ist keine Zeit! Alle also einfach so: ¯\_(ツ)_/¯

Bis auf die Queen of Sass, Sansa Stark, die emotionale Erpressung inzwischen verinnerlicht hat: „Ich liebe dich, kleiner Bruder, aber…“ Aber der Norden bleibt unabhängig! Auch das ist allen herzlich wurscht, weil keine Zeit. Hauptsache es wird keine Demokratie, lol. Dabei steht der "Föderalismus" seit Aegons Conquest auf recht wackeligen Füßen, weil Königreiche wie der Norden, Dorne und die Iron Islands (deren eigene Unabhängigkeit eigentlich schon in Staffel 6 beschlossen wurde, was Yara Greyjoy aber vergessen hat) stets ihre eigenen Kulturen und Traditionen bewahrt haben. Sie sind alle ein bisserl Vorarlberg. Ein unabhängiger Norden müsste zumindest auf Widerstand der Dornish und Ironborn stoßen. Aber wir haben dafür echt keine Zeit!

Tyrion wird in diesem gehudelten „Eh schon wurscht“-Szenario natürlich Hand of the King. Das hat er für all die schlechten Ratschläge an Daenerys auch wirklich verdient. „He made many terrible mistakes”, erklärt King Bran. “He will spend the rest of his life fixing them.” Mit diesem Argument könnte man auch H.C. Strache wieder als Vizekanzler installieren.

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Tote Königinnen, gebrochene Männer

Tragische Konsequenzen hat der große Showdown-Mord an Daenerys für die Männer nicht. Die Diktatorin muss sterben, ihre Berater wurschteln sich allesamt raus. Im unreflektierten Pflichtbewusstsein nehmen die Unsullied Jon zwar gefangen, richten ihn aber nicht hin. Es reicht ihnen, wenn er nicht zum König wird. Das kann ruhig sein Cousin, die magische Entität Bran übernehmen, der dafür im Beinahmen auf seine Lähmung reduziert wird. Nach der Scharade eines Great Councils ziehen Grey Worm und die Unsullied von dannen. Es ist unwahrscheinlich, dass ihre Nachkommen jemals kontrollieren werden, ob sich irgendwer an ihre Anweisungen gehalten hat. Ja, das war ein Eunuchenwitz. Acht Staffeln gehen nicht spurlos an einer vorüber.

Jon, der Queenslayer, muss also für seine Sünde, die vielleicht eine Tugend war, wieder in die Nightswatch. Die Watcher on the Wall gibt es noch, obwohl ihr Daseinszweck schon vor zwei Folgen ausgelöscht worden ist. Weiss und Benioff als Tyrion Lannister sagen, man brauche halt einen Platz für die cripples, bastards and broken things. Für die Verbrecher und Versager. Die Wall ist also sowas wie die ehemalige Sträflingskolonie Australien. Und sie liegt im unabhängigen Norden! Das macht alles so viel Sinn.

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Duty, Love and Death

Ein besseres Ende hätte das von Ser Brienne of Tarth als Lord Commander of the Kingsguard werden können. Das macht Sinn, das ist verdient. Ihre abschließende Soloszene ist aber Jaime Lannister gewidmet, dessen Geschichte sie in das White Book der Kingsguard einträgt. So endet Briennes Geschichte der Emanzipation in einer Erfüllungshilfe für einen Mann, der sie schrecklich behandelt hat. Wenigstens schlägt sie (vielleicht) im Akt der Rebellion das Buch zu, bevor die frische Tinte getrocknet ist. Das Ende der Liebe, der Anfang der Verpflichtung.

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Auch Sansa ist in der Verpflichtung angekommen. Königinnen und Könige kamen und starben, Sansa Stark hat sie alle überlebt. Hat sich jedem Menschen widersetzt, der eine Krone einfach so in Anspruch genommen hat. Als "Queen in the North" trägt sie schließlich selbst eine. Und wird fürderhin all jene in die Schranken weisen, die sich selbst überschätzen. "Uncle, please sit."

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And now our Watch has ended

Das „Game of Thrones“ ist vorbei. Nicht als komplexe Imperialismuskritik, nicht als bitter-süßes Epos, sondern als seichte, fade und ein bisserl problematische Seifenoper ohne kritische Zwischentöne. Der Iron Throne existiert nicht mehr, der neue König braucht ihn aber eh nicht. Er sitzt ja im Rollstuhl. Alle sind, wo sie scheinbar hingehören - auch wenn der Weg dorthin, zumindest in der Serie, nicht ganz flüssig war. Alle Geschichten sind abgeschlossen, all die großen Momente waren da. Sie haben sich bloß nicht groß angefühlt.

Und dann zieht der Bastardkönig in die Freiheit nördlich der Mauer, fast so wie es ein Rangertrupp der Nightswatch in der allerersten Szene der ersten Episode tat. Es endet, wie es anfängt: Und wir wissen immer noch nichts, Jon Snow.

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