Wiener Schule protestiert gegen Abschiebung von Flüchtling

SchülerInnen eines Wiener Gymnasiums kämpfen gegen die Abschiebung ihres syrischen Mitschülers. In einem offenen Brief wandten sie sich an die österreichische Bevölkerung und hoffen auf eine Kehrtwende im Abschiebungsverfahren.

Die Flüchtlingswelle im letzten Jahr erforderte nicht nur die Solidarität und Hilfe der Bevölkerung, sondern war auch eine Herausforderung für viele Schulen in Österreich, die in dieser Zeit Flüchtlingskinder aufnahmen und seitdem unterrichten.

Einer dieser Schulen, das Privatgymnasium St. Ursula im 23. Wiener Gemeindebezirk, engagierte sich ebenfalls und nahm in Zusammenarbeit mit der nahegelegenen Pfarre Erlöserkirche viele bedürftige Flüchtlinge auf und organisierte mithilfe von privaten Spenden Unterkunft und Sprachunterricht für die Geflüchteten.

Eine dieser Familien und ihr Sohn, der 13-jährige Nijteh, soll am morgigen Freitag, trotz gelungener Integration in die Gemeinde und das Schulleben, abgeschoben werden. Er hatte 11 monatelang die Schule besucht, viele Freunde gefunden und sehr gut Deutsch gelernt.

Die monatelange Integrationsarbeit und das Spendensammeln scheinen für die Mitschüler und andere freiwillige Helfer nun umsonst gewesen zu sein.

Abschiebung eines Freundes

In einem offenen Brief wenden sich nun Schüler und Freunde an die Öffentlichkeit und hoffen die Abschiebung in letzter Minute verhindern zu können:

"Eine syrische-christliche Familie aus Aleppo ist seit Dezember 2015 in einer Wohnung der Pfarre Erlöserkirche im 23. Bezirk untergebracht. Der 13-jährige Sohn besucht das nahe gelegene Gymnasium, spielt in einer Fußballmannschaft, Vater und Tochter besuchen Deutschkurse, die von freiwilligen Spenden finanziert werden. Ihre Sprachkenntnisse sind bereits beeindruckend – die Tochter ist auch ausgebildete Englischdolmetscherin. Die Integration hat perfekt funktioniert.

Leider gibt es da aber ein Problem: die Familie ist noch gar nicht im Asylverfahren. Dublin III macht dies möglich. Da sie ehrlich bei der Erstbefragung ihre Reiseroute angegeben haben – über Kroatien und Slowenien kamen sie nach Österreich und baten um Asyl – ist nun Kroatien zuständig. All die erfolgten positiven Integrationsschritte sind mit einem Mal zunichte gemacht.

Gestern um 7 Uhr in der Früh kam die Polizei und nahm sie in ein Abschiebequartier nach Simmering. Dort warten sie verzweifelt darauf, dass doch noch ein Wunder passiert und das Gericht Österreich für zuständig erklärt – das Verfahren ist noch nicht entschieden, allerdings kann auch vor der Entscheidung abgeschoben werden.

Die Verzweiflung ist aber auch bei den Freunden aus Schule und Pfarre groß. Spontan haben sich Schüler zusammengesetzt und eine Petition verfasst. Die Hoffnung lebt, dass es doch noch zu einem Happy End vor dem Freitag (MORGEN!!!) kommt.

Gerade in diesem Fall würden wir uns sehr über die Anwendung einer humanitären Klausel für die Familie freuen."

- MitschülerInnen und Freunde des Betroffenen

In einem Gespräch mit der WIENERIN erklärte uns eine freiwillige Helferin (Fr. Lesigang), die Familie sei am gestrigen Morgen mit Blaulicht abgeholt worden und im Simmeringer Abschiebequartier in Schubhaft genommen worden. Die schwere Traumatisierung der aus Aleppo stammenden Familie wäre dadurch erneut verschlimmert worden.

Die Familie hätte, so die Helferin, "keine Kraft mehr erneut nochmal neu anfangen zu müssen" und würde nun zurück nach Aleppo kehren wollen.

Petition der SchülerInnen gegen Abschiebung

Die SchülerInnen der Oberstufe wehrten sich bereits mit einer Plakataktion gegen das Vorgehen der Behörden und übergaben dem Innenminsterium eine Petition, die ein Bleiberecht für die Familie fordert.

Auch über Facebook machen sich MitschülerInnen für einen Verbleib der Familie in Österreich stark. Für die Schüler ist es unerklärlich, wieso ein gut integrierter Freund plötztlich aus dem gewohnten Umfeld herausgerissen wird - und das obwohl die Frage der Zuständigkeit bzw. das Asyl-Verfahren noch nicht einmal abgeschlossen sind.

BMI: "Solche Abschiebeverfahren sind Routine"

Das Innenministerium lässt in einem Interview mit dem Ö1 Mittagsjournal ausrichten: "Die Dublin-Regelung ist gültiges Recht, es gibt keine freie Wahl des Ziellandes. Solche Abschiebeverfahren sind Routine".

Allerdings, so heißt es auf Ö1 seitens der Diakonie, würde im Fall der syrischen Familie keine illegale Einreise der Familie vorliegen, weswegen der österreichische Staat die Möglichkeit hätte, das Asylverfahren bei sich im Land zu entscheiden. Es seien allerdings bereits tausende ähnliche Fälle in Österreich bekannt, dies sei kein Einzelfall.

Die betroffenen Helfer hoffen, dass sich das Blatt in letzter Minute für Familie noch wendet, bevor morgen der Flieger nach Kroatien geht, wo die Familie erneut auf sich alleine gestellt wäre.

 

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