Wien, wo bleibt deine Bürgermeisterin?

Die Geschichte der Wiener Bürgermeister begann vor 735 Jahren. Seitdem sind 242 Amtsperioden verstrichen, alle wurden von Männern besetzt. Die Frauen an der Spitze sucht man vergeblich, obwohl es im Hintergrund genug gäbe – bis heute.

Konrad, Heinrich, Konrad, Konrad, Heinrich, Dietrich, Heinrich – so sahen die Vornamen der ersten Wiener Bürgermeister ab 1282 aus. Und so sehen sie seit 1950 aus: Franz, Bruno, Felix, Leopold, Helmut, Michael. Und ab 24. Mai wieder: Michael. Ziemlich einseitig, oder?

Denn in der Geschichte der österreichischen Hauptstadt fehlt eindeutig ein kaum übersehbares Detail: ein Frauenname. Und auch die Wahl zum nächsten Bürgermeister ist äußerst weiß und äußerst männlich ausgefallen: die Wiener SPÖ schickte Andreas Schieder, Klubchef im Parlament, und Wohnbaustadtrat Michael Ludwig ins Rennen. Letzterer wird Michael Häupl nun nachfolgen.

Und auch wenn Ludwig das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in seinem Team ebenso wie Häupl ausgeglichen halten wird, stellt sich die Frage, warum überhaupt keine Frau als Bürgermeisterin zur Debatte stand. Die scheidende Stadträtin Sandra Frauenberger sagt dazu in einem Statement gegenüber wienerin.at: "Ich glaube, dass Wien und auch unsere Partei längst schon reif wäre für eine Bürgermeisterin, das ist nicht das Thema. Es ist nicht so, dass es die Voraussetzungen dafür nicht gegeben hätte oder dass es nicht genug Frauen in unserer Partei gibt. Aber letztendlich ist es auch immer eine persönliche Entscheidung, ob man kandidiert oder nicht." Und wenn man sich ansieht, wie Stadtpolitikerinnen in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt werden, fällt diese persönliche Entscheidung wohl zurecht dagegen aus.

Frauenberger selbst war in den letzten Monaten - ebenso wie die ehemalige Vizebürgermeisterin Renate Brauner - zur Zielscheibe einer sexistischen Hetzkampagne der Boulevardmedien geworden. Krone-Kolumnist Jeannée sinnierte gar über das "Sitzfleisch" Brauners, und so gut wie alle Stadtpolitikerinnen in höheren Ämtern wurden von den - von der SPÖ fleißig mitfinanzierten - Boulevardblättern durch den Dreck gezogen. "Männer werden nie so abgewatscht. Das beginnt bei der Bildsprache", kritisierte Frauenberger bei ihrem Rücktritt. Weil jedes Thema mit ihr als Person verknüpft werde, sei eine sachliche Auseinandersetzung einfach nicht mehr möglich gewesen.

Sexistische Hetze gegen Politikerinnen ist traurige Normalität

Doch Mitverantwortung für derartigen Sexismus zu übernehmen, diesen zu benennen und zu verurteilen - danach sucht man bei der SPÖ Wien vergeblich. Öffentlich wurden solche Attacken meist stehengelassen, und Rückendeckung gab es keine. Dabei braucht es wie immer einfach nur: Solidarität. Und das auch unter jenen Frauen, die sich in der Machodomäne Politik bereits durchgekämpft haben.

Wenn aber bereits die Mainstream-Medienöffentlichkeit ein solches Bild von Politikerinnen aus den eigenen Reihen zeichnet - wie kann es dann überhaupt erst möglich werden, dass diese als glaubwürdige Bürgermeisterinnen wahrgenommen werden? Wahrscheinlich gar nicht. Und wenn dann zusätzlich genau diese Medien selbstverständlich mit Inseraten überhäuft werden, wird es noch schwieriger.

Aber es ist wahrscheinlich so wie überall: die Frauen müssen sich erstmal hinten anstellen, es geht nämlich um das große Ganze - die Partei und deren (verstaubte) Strukturen zu erhalten. Doch Spritzwein alleine reicht nicht, um im Jahr 2018 moderne Stadtpolitik zu betreiben. Wien braucht mehr, und zwar vor allem mehr Frauen und MigrantInnen in wichtigen Ämtern der Stadtregierung. Um die diverse Wiener Stadtbevölkerung auch dort zu repräsentieren, wo Entscheidungen getroffen werden, die alle WienerInnen betreffen.

 

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