"Wien ist in Wirklichkeit ziemlich kleinkariert"

Wir gehen saufen mit Frauen: in unserer fortlaufenden Serie „Ein Spritzer mit...“ treffen wir uns mit jungen Wiener Künstlerinnen. Heute: das Kabarettistinnen-Duo „Flüsterzweieck“.

Wir gehen saufen mit Frauen: in unserer fortlaufenden Serie „Ein Spritzer mit...“ treffen wir uns mit Künstlerinnen in ihren Lieblingslokalen auf einen guten Hauswein mit Mineralwasser. Heute: das Kabarettistinnen-Duo „Flüsterzweieck“. Sie sprachen mit uns über Frauen im Kabarett, dumme Bemerkungen und das Grausliche, das sie an Wien zu schätzen gelernt haben.

Ihr seid beide nicht in Wien aufgewachsen. Warum seid ihr dann doch nach Wien gezogen?

ULRIKE HAIDACHER: Ich bin in Leoben aufgewachsen, aber war die meiste Zeit in Graz. Dort habe ich auch Antonia kennengelernt, in der Schultheatergruppe. Ich war auch im Internat und für mich war als Teenager Wien, diese große Stadt, immer ein Symbol der Freiheit. Ich wollte nach der Schule immer nach Wien und zum Theater.

ANTONIA STABINGER: Die ersten 24 Jahre meines Lebens war ich in Graz. Dann habe ich das Gefühl gehabt, ich habe Graz für mich ausgeschöpft. Ich habe damals viel im Filmbereich gemacht – und die großen österreichischen Filmproduktionen waren alle in Wien. Und jetzt wohne ich sehr gern in Wien. Es hat für mich genau die richtige Größe.

ULRIKE: Ich kann mich erinnern, dass es mich am Anfang richtig provoziert hat, dass man in Wien überall so lange hinbraucht, dass die Leute so viel Zeit haben, in Öffis zu sitzen. Irgendwann hab‘ aber sogar ich andere Probleme gehabt.

Gibt es irgendwas, das ihr an Wien grauslich findet?

ANTONIA: Ich mag die Großstadtgrausligkeiten ganz gern. Das gehört doch zu einer Stadt dazu.

ULRIKE: Ich leb sehr gern in Wien, aber ich finde immer wieder irgendwas unsympathisch. Zum Beispiel, wenn Wien so tut, als wäre es die weltoffene Großstadt und in Wirklichkeit aber auch ziemlich kleinkariert ist.

Als Kabarettistin wird man sicher nicht in erster Linie als künstlerischer Act wahrgenommen, sondern als Frau.
von Ulrike Haidacher

Habt ihr es als Frauen-Duo schwieriger in der Kabarettszene erfolgreich zu sein?

ULRIKE: Ich glaube, in der Kabarettszene erfolgreich zu sein, ist abgesehen von ein paar Ausnahmen für alle schwierig. Wir sind ja auch viel in Kontakt mit anderen jungen KollegInnen – und genug Publikum zu finden, regelmäßig Auftritte zu bekommen, um davon leben zu können, ist für niemanden leicht, egal ob Mann oder Frau. Gerade in der jungen Szene gibt es ja immer mehr, die sich von dem klassischen Kabarett abheben und eine eigene Form entwickeln, das setzt sich nicht so schnell durch.

So war das auch bei uns – wir machen eine Mischung aus Theater und Kabarett, teilweise ziemlich verquer und absurd. Dieser Zugang, alltägliche Themen so zu präsentieren, gefällt zum Glück vielen, provoziert aber auch manche. Wir haben da öfter gehört, dass wir deshalb abgehoben wirken. Ich kann mir aber vorstellen, dass man einem Mann nicht so schnell vorwerfen würde, abgehoben zu sein.

Das, was offiziell als komisch gilt, wurde von Männern gemacht und darum bewerten wir Lustiges auch aus einer Männersicht.
von Ulrike Haidacher

Von wem kommen denn solche Meinungen?

ULRIKE: Wenn so etwas passiert, glaube ich ja immer, das passiert nicht wirklich. Aber die allererste Frage im allerersten Interview, das wir je hatten, war: „Können Frauen überhaupt lustig sein?“ Ich war völlig überfordert. Dann hat der Journalist nicht aufgehört, das immer wieder zu wiederholen, wahrscheinlich war das auch als Witz gemeint. Dann hat er mir nach dem Wettbewerb, den wir gewonnen haben, seinen „Segen“ gegeben, die Hand um meine Schulter gelegt und gesagt: „Frauen können also lustig sein.“ Sowas passiert immer wieder. Mittlerweile schockiert mich ja mehr, dass mich solche Kommentare gar nicht mehr schockieren.

ANTONIA: Einmal sind wir zu einem Auftritt gekommen, der Veranstalter hat uns begrüßt und gefragt: „Was macht’s ihr? Singen?“ Als wir kurz beschrieben haben, was wir machen, hat er dann gemeint, dass sein Publikum sowieso Frauen auf der Bühne nicht so gern hat - „Aber schauma mal.“ Das war nicht besonders motivierend.

ULRIKE: Als Kabarettistin wird man sicher nicht in erster Linie als künstlerischer Act wahrgenommen, sondern als Frau. Wir kennen ja alle die Unterscheidung zwischen Kabarett, das als Norm gilt und dem „Frauen-Kabarett“, das den Ruf hat, weniger lustig zu sein. Wir kriegen auch immer wieder „Komplimente“ wie: „Frauenkabarett mag ich normalerweise nicht so, aber ihr seid’s super.“

Wie werden die Themen bewertet, die ihr auf der Bühne bringt?

ANTONIA: Wir machen Kabarett über das, was uns beschäftigt. In unserem aktuellen Programm geht es zum Beispiel viel um Bewertungen, die uns täglich begegnen ­- ob in sozialen Medien oder im Fernsehen bei Castingshows. Alles wird ständig bewertet, wir stehen immer unter dem Druck, uns selbst zu optimieren. Das ist uns auf die Nerven gegangen und war ein guter Motor, dieses Programm zu schreiben. In unseren ersten Programmen haben wir noch mehr mit Klischeefiguren gespielt. Dabei haben wir bewusst offengelassen, ob es sich um Männer oder Frauen handelt. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb - sind manche Szenen oft als „typisch weiblich“ interpretiert worden. Für uns waren das aber einfach typisch menschliche Themen.

ULRIKE: Ich glaube, das hat was mit Sehgewohnheiten zu tun, weil die großen Kabarettisten, vor allem in Österreich, alle Männer sind. Wir haben wenige weibliche Komikvorbilder. Das, was offiziell als komisch gilt, wurde von Männern gemacht und darum bewerten wir Lustiges auch aus einer Männersicht. Zum Beispiel scheuen sich viele Kabarettistinnen davor, zu thematisieren, dass sie Frauen sind, um nicht mit dem „Frauen-Kabarett“-Stempel abgewertet zu werden. Sich nicht „draufzusetzen, dass man eine Frau ist“, ist oft ein Qualitätskriterium. Dabei find ich ja, wir sollten uns in Wirklichkeit viel mehr draufsetzen. Wir sollten vielmehr zum Beispiel über Regelschmerzen reden, ohne es als Nischenthema zu sehen und vor allem über Geschlechterungleichheiten. Wir haben als Flüsterzweieck Genderthemen bis jetzt auch nur in abstrahierter Form thematisiert. Ich find, im nächsten Programm dürfen wir uns da auch mehr trauen.

Auf der Bühne nehmt ihr gerne mal Beziehungen auf die Schippe und macht euch über die seltsamen Auswüchse langjähriger Partnerschaften lustig. Zum Beispiel: Kosenamen und Babysprache. Etwas, das ihr aus dem eigenen Leben kennt?

ULRIKE: Diese Pärchennummer ist aus Beobachtungen entstanden. Übrigens sagen fast alle Leute, die diese Nummer gut finden: „Ich kenn‘ wen, der redet genauso.“ Da möchte man sich anscheinend nicht selber drin finden. Irgendwann haben wir aber mit Erschrecken bemerkt, dass wir selber auch so sind. Überhaupt werden wir immer mehr wie unsere Figuren. Diese Erkenntnis ist manchmal recht unangenehm.

ANTONIA: Ja, das ist ein bisschen ekelhaft. Aber gerade, wenn die Nummern gut funktionieren, ist das ein Zeichen, dass man sich auskennt, weil’s einem in Wirklichkeit sehr nahe ist.

Habt ihr persönlich Kabarettvorbilder?

ULRIKE: Bevor ich Kabarett gemacht habe, habe ich wenig Kabarett gekannt. Meine Ideen und Vorbilder habe ich nicht aus dem Kabarett, sondern aus dem literarischen Bereich. Dadurch, dass wir jetzt aber schon sieben Jahre Kabarett machen, habe ich aber in dieser Zeit sehr viel Lustiges kennen gelernt, vor allem von anderen jungen unverstaubten KollegInnen. Ich versuch aber, mich nicht zu sehr beeinflussen zu lassen, um mich selbst künstlerisch nicht zu verlieren.

ANTONIA: Ich hab’ vor Flüsterzweieck ja in Graz im Theatercafé gearbeitet, wo viele KabarettistInnen auftreten. Dadurch hab ich vieles gesehen und auch herausgefunden, dass ich einen Hang zum Absurden habe. Und das hat sich dann mit meiner Affinität zu Film vermischt. Aber so richtig Vorbilder, die mich stark beeinflussen, hab ich jetzt nicht.

Ich finde Sachen lustig, die mich überraschen – das ist bei Mario Barth nicht der Fall.
von Antonia Stabinger

Wie können Leute wie Mario Barth erfolgreich sein?

ANTONIA: Bei Comedy wie Mario Barth sie macht, werden Pointen klassisch und wie nach einem physikalischen Gesetz aufgebaut. Am Ende müssen alle lachen, aber es ist halt immer ein ähnliches Schema. Ich finde Sachen lustig, die mich überraschen – das ist bei Mario Barth nicht der Fall.

ULRIKE: Mario Barth ist unanstrengend. Ich glaub, das sind Bilder, die wir im Kopf haben. Wir haben gelernt, dass bestimmte Witze offiziell lustig sind und dann lacht man eben automatisch und braucht nicht mitdenken.

ANTONIA: Manche Leute wollen Bilder sehen, die sie kennen. Andere aber auch Dinge, die seltsam sind oder sie überraschen. Letzteren empfehle ich völlig selbstlos Flüsterzweieck.

DORT WAREN WIR: "Gasthaus Automat Welt", Am Volkertplatz, Ecke Rueppgasse 19, 1020 Wien

SO VIELE STERNE BEKOMMT DER SPRITZER: ****

Flüsterzweieck ist ein österreichisches Theaterkabarett-Duo. Es besteht aus Ulrike Haidacher (* 1985 in Graz) und Antonia Stabinger (* 1984 in Graz).

Aktuelle Termine: http://fluesterzweieck.at/termine/

 

Aktuell