"Wien hat den schlechtesten Modestil aller Großstädte"

Aus dem Buch: "111 Gründe, Wien zu hassen".

Vielleicht habt ihr von den schicken Boutiquen in Wien Neubau gehört oder wart selbst schon mal in einem der Flagship Stores im 1. Bezirk einkaufen, in denen die Bediensteten dafür bezahlt werden, sich so zu verhalten, als wären sie Vertreter einer Herrenrasse und ihr nur Würmer, die man seinem Schoßhund aus dem Darm entfernen lässt.

Tatsächlich gibt es in Wien eine ziemlich erstaunliche Dichte an Shops, die nahelegen würde, dass in Wien alle i-D lesen und sich komplett bei Hendrik Vibskov einkleiden. Solche Leute gibt es natürlich – nur sind es meistens skandinavische Touristen. Ansonsten ist Wien ein Loch aus absoluter Stillosigkeit.

Coole Shops helfen dabei gar nichts, weil die Leute ihren
Geschmack leider nicht an ihre Geldbörse delegieren können, und auch teure Marken sind keine Garantie dafür, dass ihre Träger nicht wie ein Statist bei den Geissens aussieht (Ed Hardy: never forget). Ich habe außerdem die These, dass alle namhaften Designer mit voller Absicht auch hässliche Stücke in jede ihrer Kollektionen einbauen, damit sich die Geschmacklosen eben nicht einfach anhand eines Markennamens oder des Preises von ihrem Mode-
Analphabetismus befreien können.

Das ist vielleicht gemein, aber wäre ich Designer, würde ich auch nicht wollen, dass ausgerechnet meine schönsten Sachen von Stil-Insulanern aufgekauft werden, die sie dann beim Golfspielen oder in furchtbaren Kristallbars
tragen. Ich würde aber auch nicht auf ihr Geld verzichten wollen und deshalb zwei, drei besonders auffällige, extra hässliche Teile mit entwerfen, die sich quasi von selbst schneidern und mir neben einem Batzen Schnösel-Cash auch die wohlige Gewissheit einbringen würden, dass reiche Idioten freiwillig mit meinem »Vorsicht, stilloses Arschloch«-Wasserzeichen herumlaufen.

Das Problem ist nur: Wien besteht hauptsächlich aus der Zielgruppe für diese besonders auffälligen, extra hässlichen Teile. Der gemeine Wiener zeichnet sich dadurch aus, dass er zielsicher das stilistisch verbrecherischste Einzelstück findet, mit zehn Jahre alten,
metallic-blau gestreiften Asics kombiniert (»Die sind noch gut, damit bin ich nur drei Jahre gelaufen!«) und das Ganze mit einer farbenfrohen Hose mit Lederapplikationen auf den Gesäßtaschen abrundet.

Wer sportlich wirken will, trägt Jeansstoff. Wer stylish wirken will, kauft das gesamte Outfit einer Schaufensterpuppe in der Neubaugasse. Sogar unter jüngeren Menschen gilt es immer noch als cool, den Alternative-Rock-Band-Look der frühen Neunziger oder – noch schlimmer – die Talkmaster-Outfits der späten Neunziger aufzutragen. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.

Über das Buch

Mit der eigenen Stadt ist es oft wie mit den eigenen Eltern: Die guten Eigenschaften sieht man nicht, und die schlechten gehen auf einen über. Herzlich willkommen in Wien!

Seit einiger Zeit erlebt Wien eine regelrechte Renaissance als Weltstadt – sowohl Monocle, als auch das Zeit Magazin, The Guardian und sogar die Washington Post sind begeistert. Einige loben es schon als das neue Berlin.

Eines haben all die Schmachtstücke gemeinsam: Sie stammen von Autoren, die nur zu Besuch oder auf der Durchreise hier vorbeikommen. Dieses Buch zeigt die Stadt so, wie man sie als langjähriger Einwohner erlebt; als reaktionäres Nest mit vielen schönen Fassaden, aber nur ganz wenig Inhalt und einer reichen Tradition an Verdrängung, Morbidität und Verlogenheit.

Bereits mit seinem Artikel »Gründe, warum Wien die beschissenste Stadt der Welt ist« schlug Markus Lust in Wien und Österreich hohe Wellen. Jetzt folgt auf den Online-Beitrag das komplette Kompendium zu den Schattenseiten der Donaustadt; zum Aufregen, Zustimmen oder sadomasochistischen Urlaubplanen.

Markus Lust
111 GRÜNDE, WIEN ZU HASSEN
Die Stadt so, wie sie wirklich ist

232 Seiten | Taschenbuch
ISBN 978-3-86265-608-0
9,99 EUR (D)
Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2016
www.schwarzkopf-schwarzkopf.de

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