Wie würde eine 4-Tage-Woche unser Leben verändern?

Viele Menschen wünschen sich eine bessere Work-Life-Balance, die Vier-Tage-Woche wäre die logische Konsequenz. Doch wie funktioniert sie in der Praxis?

4 Tage Woche

Wer hat manchmal auch das Gefühl, dass es unmöglich ist, Leben, Freizeit, Putzen, Sport, soziale Kontakte, Familienverpflichtungen und alle zusätzlichen Erledigungen in nur zwei Tagen Wochenende zu schaffen? Die Wahrheit ist, dass das nie so geplant war. Denn als die 40-Stunden-Arbeitswoche in Österreich rund um 1970 eingeführt wurde, ging man davon aus, dass sich eine Hausfrau Vollzeit um die Kinder, Einkäufe, Erledigungen und den Haushalt kümmern würde. Es war ursprünglich nie kalkuliert, dass alle alles schupfen. Heute tun wir das, und es ist für viele ermüdend: Laut einer Studie der Universität Wien wünschen sich viele Österreicher*innen eine Arbeitszeitreduzierung von ein oder sogar zwei Tagen und sind auch bereit, dafür finanzielle Abstriche zu machen. Die Vier-Tage-Woche fällt in diesem Zusammenhang immer wieder als Stichwort. Aber wie kann das in Österreich funktionieren?

Laura Dörfler forscht an aktuellen Veränderungen in der Arbeitswelt und versteht, warum Österreich im Hinblick auf die Vier-Tage-Woche so zögerlich ist, obwohl Länder wie Schweden, die Niederlande, Belgien oder Island diese bereits erfolgreich integriert haben: "Österreich hat eine Kultur von langen Arbeitszeiten. Daten zur durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit zeigen, dass die Österreicherinnen und Österreicher im europäischen Vergleich mit 42 Stunden pro Woche sehr lange arbeiten. Lange Arbeitszeiten haben somit Tradition; die letzte Arbeitszeitreform in Form einer Arbeitszeitverkürzung liegt beinahe 50 Jahre zurück. Zudem wird es in unserer Gesellschaft sehr positiv bewertet, viel zu arbeiten. Obwohl empirische Daten zur Arbeitszeitverkürzung deren positive Effekte untermauern, fürchten Unternehmen dennoch, dass die Produktivität sinkt, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weniger arbeiten."

Still und heimlich

Wie sieht die Realität in Unternehmen aus, die dieses Modell eingeführt haben? 2020 startete die Werbe- und Filmagentur Obscurain Wien ein spannendes Projekt: Jede*r der Mitarbeiter*innen würde nur vier Tage arbeiten und einen Tag mehr Wochenende bekommen. Die einzige Bedingung: Die Kund*innen durften keinen Unterschied in der Betreuung bemerken. Damit das Büro immer besetzt war, wurden die freien Tage innerhalb der Teams verteilt, es war immer jemand als Ansprechpartner*in erreichbar. Im ersten Testlauf wurde das Modell mehrere Wochen getestet, ohne dass es den KundInnen explizit kommuniziert wurde – mit Erfolg.

Seit eineinhalb Jahren hat sich diese Art der Arbeitszeitaufteilung nun erfolgreich eingespielt. Christian Gstöttner, CEO der Agentur, denkt, dass das die Zukunft am Arbeitsmarkt sein wird: "Es wird künftig unumgänglich sein, solche Modelle zumindest anzubieten. Was ich beim Thema New Work immer wichtig finde, ist, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aussuchen können, ob sie es annehmen oder nicht. Bei uns tun das fast alle 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Teams koordinieren sich dabei selbst und ich merke einfach, dass alle ausgeruhter und produktiver sind. Wir haben keine negativen Auswirkungen bemerkt, im Gegenteil." Im Fall von Obscura wurde die Arbeitszeit nicht verkürzt, sondern nur anders verteilt; Gehalts­reduktionen gab es keine.

Unsere Erfahrung zeigt, dass wir weniger Krankheitstage, Abwesenheiten, weniger Fremdpersonal und weniger Überstunden haben, das rechnet sich.

von Kathrin Gollubits, VP of People & Culture von 25hours

Wettbewerbsvorteil

Dass dieses Angebot dabei helfen kann, für Arbeitnehmer*innen wieder ein ­attraktiverer Arbeitgeber zu werden, zeigt das Beispiel der 25hours-Hotelkette. Gerade die Gastronomie macht vermehrt wegen des großen Personalmangels Schlagzeilen – viele Menschen, die zuvor in dieser Branche arbeiteten, wechselten während der Coronapandemie die Berufsrichtung. Und so fand sich die 25hours-Hotelkette nach dem ersten Lockdown in der Situation wieder, dass sie Tausende Stellen ausgeschrieben hatte, die sie nicht füllen konnte. Also musste eine neue Idee her, die sie zu einem attraktiveren Arbeitgeber machte. Bereits im Jahr 2019 hatten interne Mitarbeiter*innenbefragungen ergeben, dass sich viele wünschen würden, weniger zu arbeiten.

Dieser Wunsch wurde nun aufgegriffen, wie Kathrin Gollubits, VP of People & Culture von 25hours, erklärt: "Wir wollten die 40 Stunden nicht einfach auf vier Tage verteilen. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten je neun Stunden an vier Tagen die Woche. Somit bekommen sie im Idealfall vier Stunden geschenkt, da sich das Gehalt nicht ändert. Das ist eine Gehaltserhöhung von zehn Prozent. Wir haben eine Beteiligungsquote von 80 bis 90 Prozent je nach Standort und können sagen, dass es sich für uns absolut rechnet."

Im Vorfeld ging das Unternehmen davon aus, dass durch das Angebot der Vier-Tage-Woche rund sieben Prozent Mehrkosten entstehen würden. Doch in der Realität bleiben diese aus, wie Gollubits berichtet: "Unsere Erfahrung zeigt, dass wir weniger Krankheitstage, Abwesenheiten, weniger Fremdpersonal und weniger Überstunden haben, das rechnet sich. Zusätzlich sehen wir in Wien beispielsweise, dass wir doppelt und teilweise dreimal so viele Bewerbungen haben wie zuvor. Wenn man sich vorstellt, dass wir sonst Restaurants tageweise schließen müssten, weil uns das Personal fehlt, geht die Rechnung in jedem Fall auf."

Durch die Einführung der Vier-Tage-Woche wäre es für Frauen einfacher, Karriere zu machen, denn der große Punkt, wieso das nicht möglich ist, ist häufig die Teilzeitfalle.

von Laura Dörfler

Neue Werte

Expertin Laura Dörfler weiß, dass die Mitarbeiterzufriedenheit, die Steigerung der Produktivität und der Wettbewerbsvorteil nur einige Pluspunkte der Vier-Tage-Woche sind. Denn zusätzlich wirkt sie sich auch positiv auf das Klima bzw. die CO2-Belastung aus, was besonders jungen Mitarbeiter*innen ein Anliegen ist: "Wir sehen einen Generationen- und Wertewandel in der Arbeitswelt: Die jüngeren Generationen Y und Z, die nun in den Arbeitsmarkt strömen, fordern viel stärker flexiblere und kürzere Arbeitszeiten, als dies Ältere tun. Zudem wird die Vier-Tage-Woche im Kontext des Klimawandels diskutiert – weniger Arbeit verringert auch den Verbrauch an Ressourcen und hat somit einen positiven Effekt auf das Klima. Gerade die jüngeren Generationen, die nun in den Arbeitsmarkt eintreten, fordern nachhaltige und flexible Konzepte."

Zusätzlich bringt die Möglichkeit einer Arbeitszeitreduzierung bzw. flexibleren Einteilung auch Vorteile für Frauen und Mütter, wie Laura Dörfler hervorheben möchte. Sie sieht darin eine ­Chance, die berufliche Gleichstellung zu beschleunigen: "Durch die Einführung der Vier-Tage-Woche wäre es für Frauen einfacher, Karriere zu machen, denn der große Punkt, wieso das nicht möglich ist, ist häufig die Teilzeitfalle. Wir sehen in Österreich einen sehr hohen Anteil von Frauen in Teilzeitbeschäftigungen, und im internationalen Vergleich einen sehr geringen Anteil von Frauen in Führungspositionen. Durch eine Arbeitszeitreduktion könnte es zu einer stärkeren Beteiligung von Frauen in hierarchisch höheren Positionen kommen, bei denen derzeit noch immer eine Vollzeitstelle die Norm ist.“ "

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