Wie viele Frauen werden wegen des Abtreibungsverbotes in den USA sterben?

Seit Freitag, dem 24. Juni 2022 sind Abtreibungen in den USA nicht mehr legal. Was bedeutet das für die Frauen vor Ort? Welche Konsequenzen wird diese Entscheidung haben?

Wie viele Frauen werden wegen der Auflösung des Abtreibungsgesetzes in den USA sterben?

Wenn du das liest, habe ich drei Fragen an dich: Bist du eine Person mit Uterus? War deine Periode schonmal zu spät? Und hast du dir in diesen Tagen oder Stunden, wo du gehofft und gewartet hast, nicht schwanger zu sein, schonmal deine Optionen überlegt? Hast du dir durchgerechnet, wie du das Kind ernähren würdest, wie du eine Schwangerschaft mit deiner Karriere oder deiner Ausbildung regeln würdest und ob du das Kind überhaupt kriegen wollen würdest?

My body, my choice?

Leider war der Großteil von uns schonmal in so einer Situation. Eine Situation, die wir vielleicht maximal mit der besten Freundin geteilt haben, aber oft nicht mit dem Mann, der dafür verantwortlich war. Ein Moment, den wir je nach Alter mit heimlich gekauften Schwangerschaftstests verbracht haben, auf der Schultoilette oder mit dem ständigen Gefühl von Panik während der Arbeitszeit. Es ist ein Gefühl, das Männer nicht nachvollziehen können und dass wir viel zu selten mit ihnen teilen. Vielleicht aus Angst vor deren Reaktionen, vielleicht weil wir ihnen keine Sorgen machen wollen, wenn wir noch nichts wissen. Und weil es oft genug zum Glück falscher Alarm ist. Vielleicht auch deshalb, weil es sich wie ein Problem anfühlt, das man allein durchstehen müsste. Weil man auch die Entscheidung mit dem Kind allein durchstehen müsste. My body – my choice, oder?

Keine Kontrolle

In den USA ist das seit Freitag, dem 24. Juni nicht mehr die Realität. Das Gesetz, das Abtreibungen landesweit erlaubte, wurde vom Supreme Court aufgelassen. Jetzt darf jeder Bundesstaat selbst die Gesetze dafür festlegen. 11 Staaten haben gegen Abtreibung bereits entsprechende Gesetze eingeführt, 11 weitere haben diese in Vorbereitung.

Was bedeutet, dass Frauen nicht mehr selbst über ihren Körper entscheiden können. Und damit auch nicht über ihre Zukunft. Über ihre Gesundheit. Über ihre Beziehung. Über ihr Leben. Über ihre Chancen. Über ihre Leben. Eine meiner engsten Freundinnen schrieb mir am Freitag die Info. Und während ich die Nachrichten las, traten mir unweigerlich die Tränen in die Augen. Ich konnte die Verzweiflung, die Frauen in den USA gerade empfinden, fühlen. Und unweigerlich stellte sich die Frage: Wie viele Frauen werden wegen dieser neuen Regelung sterben? Sterben, weil das Gesetz ihnen quasi keine andere Wahl lässt.

Keine Ausnahmen

Bei diesem Abtreibungsverbot gibt es in vielen Staaten keine Ausnahmen. Nicht für Frauen, die Fehlgeburten haben und eine Abtreibungspille benötigen würden, damit sie eine sichere Fehlgeburt haben können. Nicht für Frauen, die eine Schwangerschaft rein medizinisch umbringen wird. Nicht für die Opfer von Vergewaltigern, nicht für Inzest. Nicht, wenn das Mädchen erst 13 Jahre alt ist. Nicht für die Frauen, die kein Kind bekommen möchten. Nicht für die, die es sich nicht leisten können. Nicht für die, die mit psychischen Problemen kämpfen. Und an dieser Stelle sei gesagt: Menschen, die schwanger werden können, brauchen keinen Grund für eine Abtreibung. Sie müssen es nicht erklären. Denn jeder Mensch, der schonmal verzweifelt auf seine Periode gewartet hat und sich seine Optionen durchgerechnet hat, weiß, dass man so eine Entscheidung nie leichtfertigt, trifft.

Die Hexenjagd

Abtreibungen werden wegen diesem Gesetz nicht aufhören. Sie werden unsicherer werden. Verzweifelter. Schon jetzt ist Tiktok voller Videos, in denen Frauen erklären, welche Medikamentenmischungen dieselbe Wirkung wie eine Abtreibungspille haben. Es werden Tipps für Tees und giftige Pflanzen gegeben, die dazu führen, dass Frauen absichtlich Fehlgeburten haben. Plötzlich sind wir wieder im Jahr 1450, der Zeit der Hexenverfolgung, in der Frauen versuchen sich selbst zu medikamentieren und dafür verfolgt werden. Schon jetzt rufen Amerikaner*innen dazu auf Periode-Tracking-Apps zu löschen, niemand zu sagen, man sei schwanger. Plötzlich sammeln Frauen in ihrem Garten Kräuter, mit der Hoffnung, etwas zu finden, das giftig genug ist, um das ungewollte Kind zu verlieren, aber nicht ihr Leben. Sie gehen ein Risiko ein, bei dem sie vielleicht mit allem bezahlen, was sie haben. Weil in ihren Augen die Alternative, ein Kind zu bekommen, das sie nicht wollen oder haben können, das schwerere Schicksal ist.

Ist es Mord?

Der Supreme Court handelt unter dem Hashtag #Pro Life. Es geht ihnen um den Erhalt von Leben. Und dabei wird das Leben von befruchteten Zellen höhergestellt, als das von echten, lebendigen Frauen. Frauen, die bereits ein Leben gelebt haben und noch so viel Leben vor sich haben sollten. Wie viele Frauen werden sich aus Verzweiflung das Leben nehmen? Wie viele Frauen werden durch die Experimente mit Medikamenten, Kräutern und Giftpflanzen sterben? Oder durch die Hände von Doktor*innen, die illegale Abtreibungen in Hinterzimmern durchführen? Wie viele Frauen werden ihr Leben durch Partner verlieren, die dieses Kind nicht wollen? Oder durch die medizinischen Folgen einer Geburt? Frauen, die abtreiben werden mit Mord angeklagt. Was ist mit all diesen Frauen? Wer ist für ihren Tod verantwortlich?

 

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