Wie viel Liebe braucht er?

Irgendwie gibt es da ein paar Mythen aus dem Reich der Erotik. Sex braucht Liebe, Sex braucht Nähe, und eins kann ohne das andere nie wirklich schön sein. Aber was ist die ganze Wahrheit?

Aus vollem Herzen? Nein, geliebt hat Patricia diesen Mann keine Sekunde lang. Aber, so sagt sie, "es wäre toll gewesen, wenn er auch auf allen anderen Ebenen zu mir gepasst hätte, wenn wir überall so auf einer Wellenlänge gewesen wären wie im Bett. Aber leider ..."-Leider ist es nicht zwangsläufig so, dass Herzens-, Geist- und körperliche Ebene von zwei Menschen gleich gut miteinander harmonieren. Und auch wenn Hollywood-Autoren und sonstige Moralapostel es uns glauben machen wollen: Große Liebe und großartiger Sex sind keine siamesischen Zwillinge. Sondern teilweise sogar recht entfernt voneinander wohnende Verwandte.

Dennoch: Wie sehr brauchen sie einander? Kann eines ohne das andere sein? Der Sexualtherapeut Dr. Dieter Schmutzer sagt dazu: "Wirklich guter Sex braucht definitiv viel Nähe. Nahe sein kann man mit seinen Körpersinnen, geistig oder seelisch. Ob er aber wirklich Liebe braucht ... ich weiß nicht genau. Auf Dauer gesehen wahrscheinlich schon, sonst wird es nicht erfüllend sein." - Nun, eine funktionierende Langzeitbeziehung ist die eine Sache. Aber im Einzugsbereich von Liebe, Nähe und Sex gibt es eine Vielzahl von denkbaren Kombinationen. Beginnen wir einmal bei jener Kombi, die im Allgemeinen als eine Angelegenheit von Wolke sieben angesehen wird:

Der Sex der Verliebten.

Wenn zwei Menschen voll ineinander verknallt sind, sind sie bekanntlich auf Naturdroge. Das Gehirn befeuert den Körper mit einer enormen Dosis von Sexualhormonen, wodurch man weder Essen noch Schlaf braucht. Und nur an das eine denkt: den anderen. Dr. Dieter Schmutzer: "Verliebt sein trübt die Wahrnehmung - aber gerade das braucht man in dieser Situation. Das schafft nämlich die Unbeschwertheit, sich auf etwas Neues einzulassen." Ein neuer Körper, ein neuer Geruch, der ungewohnte sexuelle Umgang (und überhaupt, gefalle ich dem anderen auch nackt??) - eigentlich eine totale Stresssituation. Und wäre man nicht in einem körperchemischen Ausnahmezustand, dann würde man in der Wohnung von "ihm" vielleicht nicht einmal den Mantel ausziehen. So aber ist das - und mehr - genau das, wonach einem die Sinne stehen. Aber was dann? Wenn man Glück hat, geht alles glatt und man kommt für Wochen aus dem Bett nicht mehr heraus. "Gar nicht so selten jedoch", so Dr. Elia Bragagna von der Sexualambulanz im Wiener Wilhelminenspital, "ist man zwar von seiner Biologie her voll in Stimmung - aber eine Garantie für guten Sex ist das nicht. So kann es zum Beispiel beim Mann sein, dass durch zu viel Spannung im Nervensystem die Blutzufuhr im Penis abgeschnitten wird. Dadurch bekommt er eventuell keine Erektion oder eine frühzeitige Ejakulation."

Katharina, 27, hat eine ähnliche Situation mit ihrem vorletzten Freund Georg erlebt. Beide total verliebt, beide total nervös, weil das erste Mal zu zweit allein: "Wir haben heftig miteinander geschmust, einander erforscht, und alles war irre aufregend. Dabei haben wir uns Stück für Stück aus unseren Klamotten geschält. Aber als wir nackt waren und es um den nächsten Schritt ging, da sind wir uns auf einmal wie die unerfahrenen 16-Jährigen vorgekommen. Wir hatten auf einmal das Gefühl: Und jetzt? Was tut man jetzt?!?" - Irgendwie, so Kathi, mit Augen zu und durch, hantelten sie sich trotzdem weiter zum Moment des Eindringens. - Der aber wiederum fand nicht statt, weil Georgs gutes Stück in letzter Sekunde verweigerte. Unverdrossen, wenngleich auch bereits etwas irritiert, versuchten die beiden Verliebten es weiter. Schafften es beim zweiten Versuch auch über die erste Hürde. Und dann, "dann habe ich irgendwas Flapsiges in der Art von: ,Hey, das wird ja!' zu ihm gesagt - und einen Augenblick später gespürt, wie seine Erektion verschwindet. Ja, und das war's dann für diese Nacht." Zum Glück für die Beziehung zwischen den beiden haben Katharina und Georg in Folge instinktiv etwas getan, was auch Dr. Bragagna ihren Patienten empfiehlt: sie sind es ganz langsam angegangen.

Kopfüber in die Nähe.

Die Sexualtherapeutin meint nämlich, dass es heutzutage so etwas wie einen "Zwang zu schnellem Sex" gibt. Zu einer Intimität, für die man eigentlich noch nicht wirklich bereit ist. Sie empfiehlt deshalb, "sich dem anderen stufenweise anzunähern. Und bei jedem Schritt weiter die Spannung aushalten und in sich hineinspüren: Will ich das jetzt, oder ist mir das schon zu viel?" Der Sinn hinter dieser vorsichtigen Annäherung (die unserem Bild von wilder Leidenschaft doch ziemlich widerspricht): dem Körper die Chance zu geben, Vertrauen zu haben, sich sicher zu fühlen. Denn ohne so ein Gefühl von Sicherheit ist echte Hingabe so schwer, wie ohne Seil von einem Bungee-Turm zu springen.


Eine nicht ganz so tiefe Hingabe jedoch - also wenn das Herz nicht wirklich beteiligt ist - braucht auch weniger Schutzvorrichtungen. Im Gegenteil. Manchmal ist es gerade dieser Hauch von Gefahr, der Sex besonders prickelnd macht. Und zwar beim

Abenteuer ohne liebe.

Es gibt kein Gestern, es gibt kein Morgen, es gibt nur den Augenblick. Vielleicht hat man sich auf einer Party kennen gelernt, vielleicht an der Strandbar. Man weiß nicht viel voneinander, aber eines weiß man: Man will miteinander ins Bett. Und zwar schnell. Was einen dort erwartet? Sexualtherapeut Dr. Schmutzer: "Bei einem One-Night-Stand ist weder Liebe noch Nähe da, aber im Moment passt halt alles zusammen. Man trifft einen Menschen auf einer ähnlichen Wellenlänge, die Chemie passt. Das ist geil, erotisch - aber eben nur für den Augenblick." Wie zwei Sternschnuppen, die sich für eine Sekunde lang am dunklen Himmel treffen und miteinander aufglühen. Am nächsten Morgen ist das erotische Feuerwerk der letzten Nacht verpufft - und man fragt sich möglicherweise, wieso man eigentlich mit einem Fremden derartig animalischen Sex haben konnte. Wichtig, so Schmutzer, ist es, dann nicht nachträglich (z. B. aus einem Anflug von Schuldgefühlen) große Gefühle in die Sache hineinzuinterpretieren. Und vielleicht eine Liebesbeziehung draus machen zu wollen. Denn: "Wenn der Moment vorbeigegangen ist, ist er vorbei. Das tolle Gefühl ist meist nicht reproduzierbar, und schon das zweite Mal kann die volle Enttäuschung sein."

Bei einem One-Night-Stand ist weder Liebe noch Nähe da, aber im Moment passt halt alles zusammen.
von Dr. Dieter Schmutzer, Sexualtherapeut

Muss guter Sex ohne Liebe deshalb zwangsläufig und immer ein einmaliges Highlight sein? Keineswegs, wie die Geschichte des 38-jährigen Thomas beweist: "Den besten Sex meines bisherigen Lebens hatte ich mit einer Frau, auf die ich eigentlich nicht wirklich gestanden bin. Weder vom Aussehen noch von der Gestik, noch vom Reden her war sie mein Typ Lebensmensch." Dennoch ging die Affäre mit ihr über mehrere Monate. Kein einziges Mal traf sich Thomas in dieser Zeit mit ihr in einem Café. Er ging immer nur zu ihr in die Wohnung. Nahm eine Flasche Wein mit, und "nach spätestens einer Stunde waren wir miteinander im Bett. Es war erstaunlich, wie gleich wir in der körperlichen Liebe gepolt waren, wie unsere inneren Rhythmen zueinander gepasst haben. Wir haben uns irrsinnig viel Zeit gelassen. Es war ungeheuer zärtlich, wunderschön, bei mir sind sämtliche Körperzonen aufgeploppt wie Lilien." Nachsatz: "Komisch, dabei war ich nicht einmal verliebt in sie. Aber in das, was ich mit ihr erlebt habe, war ich schon verliebt."

Das Problem an solchen Affären, wie Thomas sie hatte: Männer tun sich damit meist um vieles leichter als Frauen. Denn während er für sich damit im Reinen war, dass er mit dieser Frau zwar das Bett, aber nicht auch den Tisch teilen will, wurde es ihr irgendwann zu wenig. Sprich: Sie beendete das Lustspiel. Und machte sich auf die Suche nach Liebe.

Viel Liebe, aber die Lust...

Je größer die Liebe, umso großartiger der Sex. Stimmt? Stimmt nicht. Jedenfalls nicht unbedingt. Weil es nämlich so viele Faktoren gibt, die der Sexualität ins Handwerk pfuschen können, dass man sie kaum zählen kann. Man denke nur einmal an die, sagen wir mal, Hardware. Es ist wohl kein Zufall, dass im alten China die Heiratsvermittler die Brautleute auch körperlich begutachtet haben - um festzustellen, ob deren Geschlechtsorgane in der Größe zueinander passen. Und niemals hätte man dort "Elefantenkuh" und "Wasserbüffel" miteinander verheiratet - schließlich sollte das Paar ja nicht ein Leben lang sexuell frustriert sein.

Neben den Größenverhältnissen muss auch die innere Chemie der Körper zueinander passen - sprich, die Immunsysteme. Ob Letztere miteinander harmonieren (also starke Babys produzieren könnten) merkt man daran, ob man jemand wirklich gut riechen kann. Ist das nicht der Fall, so Dr. Schmutzer, "ist Nähe im Sinn von Körperlichkeit nicht gut möglich. Und so einen Störfaktor kann ich auch nicht aufheben, indem ich Chanel aufsprühe." In so einem Fall hilft nur eines: gute Freunde bleiben.

Hürden der Lust.

An anderen Störfaktoren lässt sich schon mehr arbeiten. All jenen nämlich, die eine Hypothek aus der Kindheit sind. Dr. Elisa Bragagna von der Sexualambulanz nennt zwei Beispiele: "Ich hatte zum Beispiel eine Patientin, die ihren Partner zwar heiß liebte, aber keine Lust auf ihn hatte. Der Grund: eine extrem katholische Erziehung, die jede lustvolle Regung in ihr abgetötet hat. Sex ist für sie etwas Dreckiges, Liebe etwas Reines. Und deshalb kann sie dort, wo sie liebt, natürlich nichts Dreckiges empfinden. Eine andere Patientin, eine äußerlich sehr toughe Frau, hatte einen Vater, der sie oft erniedrigt hat. Sie konnte sich nicht hingeben, nicht weich werden, weil sie in intimen Situationen unbewusst immer mit Schmerz und Demütigung gerechnet hat." Beide Frauen hatten massive Erregungsstörungen - obwohl (oder gerade weil) sie ihre Männer wirklich von Herzen liebten. Noch krasser, so Dr. Schmutzer, reagieren Frauen mit Missbrauchserlebnissen durch nahe stehende Personen: "Die häufigste Überlebensstrategie solcher Mädchen ist es, Emotion und Körper auseinander zu spalten. Und später tun sie das auch wieder, bei jedem Mann, wo diese Verbindung wieder passiert." Abspaltungstendenzen gibt es bei Männern jedoch oft genauso. Schmutzer: "Etwa, wenn die Mutter zu nahe war. Da leidet dann die Partnerin, weil er emotionelle Nähe nicht aushält oder dadurch sogar Erektionsprobleme bekommt. Die sind oft eine unbewusste Verweigerung oder sogar eine Bestrafung bei einer zu Besitz ergreifenden Partnerin."

Der Weg, den solche Menschen gehen müssen, ist der der "Nachreifung", wie Dr. Bragagna es nennt. Sie macht in diesen Fällen mit ihren Patienten Übungen, durch die sie "genügend gute Reize speichern können. Sie sollen einander wie neugierige Kinder erforschen. Erst spielerisch, nicht genital, und dann nach und nach immer sexueller werden." Wenn das Gefühl zwischen zwei Menschen stark genug und die erotische Anziehung eindeutig vorhanden ist, so meint auch Dr. Schmutzer, sind sexuelle Blockaden kein Grund, "gleich die Flinte ins Korn zu werfen. Man muss nur behutsam mit der Sache umgehen, darf sich keinen Druck machen."

Anna, 28
"Wenn ich jemand liebe, dann ist das beim Sex, wie wenn ein Ventil aufgeht. Jede Berührung bekommt eine Bedeutung, einen Inhalt. Man spürt es auch in den Händen, dass es eine andere Energieform ist, als wenn man nur aus Geilheit mit jemand schläft."

Michael, 34
"Vom besten und ehrlichsten Sex gibt es zwei Varianten. Die schönste: wenn man bis über beide Ohren verliebt ist. Und die schärfste, weil ungehemmteste: wenn ein Ende absehbar ist, weil jemand etwa auswandern will. Dann genießt man jeden Moment voll."

Barbara, 37
"Guter Sex hängt einfach von deinen individuellen Fantasien ab. Und wenn man etwa den Traum von anonymem Sex hat, in dem man zeitbegrenzt Wirklichkeitsflucht betreiben will, dann braucht man dafür weder Liebe noch Nähe."

Stefan, 29
"Die stärkste Kombi beim Sex ist für mich viel Liebe und wenig Nähe. Ich hatte das einmal bei einer Affäre mit einer verheirateten Frau, das war vom Feinsten. Ein absoluter Sexkiller hingegen ist für mich zu viel Nähe im Sinne von zusammen Zähne putzen."

Julia, 30
"Wenn ich in jemand sehr verliebt bin, fühle ich mich zwar auch sexuell sehr zu ihm hingezogen. Aber es passiert mir dann manchmal, dass ich mittendrin aussteige, weil es mir zu arg wird. Da habe ich oft das Gefühl, dass ich mich auflöse und mein Ich wie Wachs in der Sonne schmilzt."
 

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