Wie verändert es euer Leben, wenn ihr mit 25 anfangt, 100 Euro pro Monat zu sparen?

Andrea Fernandez arbeitet seit 23 Jahren in der Finanzbranche. Aktuell entwickelt sie die Finanz-App ALICE. Diese soll Frauen bei Finanzentscheidungen unterstützen, helfen, Ziele zu erreichen und zu sparen. Am WIENERIN Gründerinnentag 2021 wird sie mehr Infos zu dem Thema geben, erste Fragen beantwortet sie uns schon jetzt.

Alice App / Andrea Fernandez

WIENERIN: Die Finanz-App Alicewird speziell für Frauen entwickelt und soll ab September verfügbar sein. Warum müssen die finanziellen Bedürfnisse von uns Frauen gesondert betrachtet werden?

Andrea Fernandez: Wir wissen, dass Frauen bisher in dem Thema Finanzen vergessen wurden. Ihnen wurde nicht beigebracht, dass Investitionen eine Möglichkeit sind, um ihren Wohlstand zu steigern. Gleichzeitig fühlen sich Frauen aber von den aktuellen Finanzprodukten oft nicht abgeholt, weil häufig ein Mann ihr Ansprechpartner ist oder sie das Gefühl haben, ihre Fragen nicht stellen zu können.

Man darf auch nicht vergessen, dass das Leben von Frauen ganz anders verläuft als das von Männern. Einerseits betrifft dass die Gender-Pay-Gap aber auch die Unterschiede in der Karriere, die dadurch entstehen, dass Frauen sich um Kinder oder andere Familienmitglieder kümmern müssen.

Frauen leben aber fünf bis sieben Jahre länger als Männer und brauchen eigentlich mehr Geld in der Pension und im Alter. In der Realität bekommen sie aber geringere Pensionen, weil sie schlechter bezahlte Jobs hatten, nicht so lange in den Pensions-Fonds eingezahlt und außerdem ihr Geld nicht gewinnbringend angelegt haben. Hier setzt unsere App an.

Was ist das Ziel der ALICE App?

Die ALICE App möchte den Umgang mit Geld von Frauen verändern. Das beginnt in der Information und Weiterbildung rund um Geld und Finanzen und soll außerdem einfache Möglichkeiten anbieten, die es Frauen einfacher macht zu sparen. Mein persönliches Lebensziel ist es, so viele Frauen wie möglich dazu zu bringen, zu investieren, weil ich weiß, dass das eine langfristige Veränderung für ihr Leben bedeutet. Außerdem sind Frauen immer Multiplikatoren von Wissen.

Wie viel sollte man sparen und warum?

Man sollte ungefähr 10 bis 15 % des Einkommens sparen. Je automatischer das passiert und wenn das Geld gleich klug investiert wird, umso besser. Wenn eine Frau mit 25 anfängt jeden Monat 100 Euro zu sparen, kann das im Alter einen großen Unterschied machen. Mehr als die Hälfte der Frauen in Deutschland bekommen nur rund 900 Euro Pension. Würde man ab 25 jeden Monat 100 Euro zur Seite legen, könnte man diesen Betrag im Alter fast verdoppeln.

Langfristig sollen auch Coachings angeboten werden. Wie wird das aussehen?

Eigentlich sind wir schon mittendrin. Wir bieten immer wieder Events an, die sich "Moneytalks" nennen. Oft veranstalten wir diese in Kooperation mit anderen Organisationen zum Beispiel kürzlich "Future Females" und das Ziel ist dabei immer, dass wir das Finanzwissen von Frauen erweitern. In der App soll es die Möglichkeit geben, dass Frauen Ansprechpartner*innen haben, wenn sie welche brauchen. Unser Ziel ist es nicht, ein Coaching-Business zu werden, aber zur Verfügung zu stehen, wenn Frauen Fragen haben.

Worauf warten – der perfekte Zeitpunkt ist jetzt! Der 5. WIENERIN Gründerinnentag steht 2021 ganz im Zeichen von Innovation und neuem Mut. Was diesmal auch nicht zu kurz kommen darf: alles rund um die Themen Nachhaltigkeit, Green Investing und Green Founding. Immer im Mittelpunkt: der Anspruch, die ökonomische Selbstbestimmung von Frauen zu fördern.

Was sind die wichtigsten Aspekte rund um Geld, die Frauen vermittelt werden?

Was meiner Meinung nach das Herzstück unserer Arbeit ist, ist das Mindset von Frauen zu verändern. Sie müssen erkennen, dass sie alles tun können. Nicht nur in Bezug auf Finanzen, sondern auch in Bezug auf ihr Leben. Sie können lernen, wie viel sie überhaupt wissen müssen, um eine informierte Entscheidung treffen können. Aber es geht auch darum, Frauen zu zeigen, wie sie mehr Geld verhandeln, wie sie als Selbstständige höhere Preise argumentieren und so weiter. Ja, es gibt eine Pay-Gap. Aber wir müssen auch ganz aktiv anfangen diese Gap zu schließen. Eine Frau nach der anderen. Außerdem müssen Frauen lernen, welche Investitionsmöglichkeiten es gibt.

Wie haben Sie gemerkt, dass es Aufholbedarf bei diesem Thema gibt?

Ich beschäftige mich seit ich ein Kind bin mit der Finanzbranche. Mein Vater hat in dem Bereich gearbeitet und mich schon früh eingebunden. Ich habe außerdem immer Zahlen geliebt. Nach meinem Studium arbeitete ich an der Wall Street und lernte die Gedanken kennen, die hinter der Arbeit an der Börse stecken.

Jahre später, während meiner zweiten Karenz, sprach ich mit meiner Schwester und sie bat mich um Hilfe in Bezug auf Investments. Ich riet ihr in Investmentfonds zu investieren. Und sie hatte noch nie davon gehört. Als ich mich näher umhörte, merkte ich, dass ganz viele Frauen sehr wenig Wissen in dem Bereich haben. Also begann ich meine Freund*innen zu informieren, bereitete eine kleine Präsentation in meinem Wohnzimmer vor und so begann das alles.

Welche drei Punkte sind wichtig, die Frauen in Bezug auf Geld lernen müssen?

Das erste Konzept ist, dass man Geld arbeiten lässt. Frauen können sich oft nicht vorstellen, dass sie ihr Geld investieren und es einfach von selbst proportional mehr wird. Aber das ist eine wichtige Möglichkeit zur Geldvermehrung und umso effektiver, je länger man es liegen lässt.

Das zweite wichtige Thema ist, dass ein Investmentfonds (ETF) extrem divers ist. Das ist auch das, was ich Frauen am Beginn empfehlen würde. ETFs beinhalten meist bis zu 1.000 verschiedene Aktien. Wenn man sich solche anschafft, investiert man in all diese Unternehmen. Das heißt, dass das Risiko sehr gering ist, weil es so verteilt ist. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass man sein Geld verliert. Viele Frauen scheuen sich davor, zu investieren, weil sie glauben alles zu verlieren. Das ist aber nicht der Fall.

Außerdem müssen wir unsere Einstellung ändern, wenn die Wirtschaft oder Aktienkurse fallen. Menschen haben in diesen Zeiten Angst und verkaufen. Das ist aber die falsche Taktik. In diesen Phasen müssen wir günstig einkaufen. Es ist ähnlich wie beim Schlussverkauf in unserem Lieblingsgeschäft. Wenn die Preise niedrig sind, kaufen wir ein. Wir müssen hier unsere Angst unter Kontrolle bekommen und das können wir, je mehr wir darüber wissen.

Was würden Sie Frauen noch mit auf den Weg geben?

Ganz wichtig ist für mich der Notfall-Plan, den alle Frauen haben sollten. Bevor sie anfangen zu investieren, sollten sie Geld für drei bis sechs Monate zur Seite gelegt haben, das ihnen jederzeit zur Verfügung steht.

Außerdem sollten sich alle Frauen überlegen, worauf sie sich einlassen, bevor sie heiraten. Aus rein finanzieller Sicht. Was bedeutet es für unsere Finanzen, die Hochzeitsurkunde zu unterschreiben? Wie werden wir das handhaben? Führt diese Gespräche bevor ihr euch darauf einlasst. Nicht jeder muss einen Ehevertrag aufsetzen, aber man sollte sich vorher einmal durchdenken, was das alles bedeutet. Das wichtigste ist, dass man informierte Entscheidungen trifft.

 

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