Wie unsere Menstruation zum Politikum wurde

Sie begleitet uns Frauen ein Leben lang. Ist manchmal lästig, schmerzhaft und faszinierend zugleich. Nur eines ist die Periode längst nicht mehr: reine Privatsache.

2015 machten die Unternehmerinnen und Gründerinnen der erdbeerwoche, Annemarie Harant und Bettina Steinbrugger, bei einem Pitching-Wettbewerb mit, um ihr Business vorzustellen. Das Konzept: nachhaltige Monatshygiene und Aufklärung zum Thema Menstruation für alle.

2.000 Menschen, darunter überwiegend Männer, lauschten den Jungunternehmerinnen gespannt. Drei Minuten hatten sie Zeit, um ihr Projekt zu erklären. „Das war das erste Mal, dass wir unsere Idee vor einem so großen Publikum vorgestellt haben. Wir wussten überhaupt nicht, wie das ankommen wird.“ Nachdem die zwei mit der Präsentation fertig waren, herrschte etwa zehn Sekunden lang Totenstille im Raum. Und danach? Tosender Applaus – und der Beginn von etwas Großem.

„Männer und Frauen sind nach der Präsentation auf uns zugekommen und haben uns gratuliert und gesagt: ‚Danke, dass ihr das Thema ansprecht. Ihr bringt es aus der Tabuzone!‘“ Den Wettbewerb haben die beiden gewonnen. „Wir haben damals gespürt: Jetzt ist die Zeit endlich reif. Zwei Jahre davor wäre das nicht möglich gewesen.“ Warum eigentlich nicht?

Jede Frau tut es. Und trotzdem kann kaum eine wirklich genau beschreiben, was da jeden Monat in ihrem Körper vorgeht.

Die weibliche Menstruation bleibt auch 60 Jahre nach der Erfindung des Tampons, wie wir es heute kennen, ein großes Mysterium. Für Männer und Frauen. Werbeindustrie und Gesellschaft haben uns jahrelang eingeredet, dass das, was da in unseren Körpern passiert, in den höchstpersönlichen Lebensbereich gehört. Tampons werden nach wie vor verschämt zwischen Freundinnen, Kolleginnen und Mitschülerinnen herumgereicht. Fällt einer aus der Tasche – Katastrophe!

Schaut man sich den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema an, eigentlich kein Wunder: Tampons und Binden werden im Fernsehen mit „diskreter“ blauer Flüssigkeit beworben. Bitte kein rotes Blut, das ist pfui. Vor allem, wenn es von „da unten“ kommt. Wie kommt es eigentlich, dass wir Frauen uns das schon so lange gefallen lassen?

Dass das Ganze auch ein politisches Problem ist, zeigt die Sache mit der Tamponsteuer.

2016 schrieben Annemarie Harant und Bettina Steinbrugger im Namen der erdbeerwoche einen offenen Brief an Finanzminister Hans Jörg Schelling und forderten ihn auf, die Tampon­steuer auf 5,5 Prozent zu senken. Was viele nicht wissen: Tampons und Monatshygieneartikel sind in Österreich mit 20 Prozent besteuert und nicht wie Lebensmittel mit zehn Prozent. Dabei gehören Monatshygieneartikel ebenso wie Lebensmittel zu den Gütern des täglichen Bedarfs. Auch in anderen Ländern finden dahin gehend immer wieder Proteste statt.

Tampons und Monatshygieneartikel sind in Österreich mit 20 Prozent besteuert und nicht wie Lebensmittel mit zehn Prozent.

In Australien hat die Studentin Subeta Vimalarajah unter dem Titel „Stoppt die Besteuerung meiner Periode!“ 93.500 Unterschriften gegen die Besteuerung von Tampons, Binden und anderen Hygieneprodukten gesammelt. In der Schweiz färbten Mitglieder von aktivistin.chZürcher Brunnen rot, um auf die Problematik aufmerksam zu machen. In Frankreich, Spanien und Großbritannien liegt die Umsatzsteuer auf Monatshygieneartikel nur zwischen fünf und zehn Prozent. In Amerika senkt ein Staat nach dem anderen die Steuer auf Hygieneartikel.

Und Österreich? Laut der Antwort des Finanzministers wird eher an einer Abschaffung von Steuerausnahmen gearbeitet. Bettina Steinbrugger: „Das ist für uns kein Argument. Die Steuer auf Lebensmittel, also auf notwendige Güter, beträgt zehn Prozent. Das wird nicht abgeschafft werden, und Tampons und Binden sind eben auch Güter des notwendigen Bedarfs.“ Obwohl wir uns also nicht aussuchen können, ob wir jeden Monat menstruieren, bleibt unsere Periode Luxus. Höher besteuert als Sekt und Fußballtickets. Aber die Aktivistinnen geben nicht auf. Unter actions.aufstehn.at/runter-mit-der-tampon-steuer kann man mit seiner Unterschrift die Aktion nach wie vor unterstützen. Über 8.000 Menschen haben bereits unterschrieben.

Ja, Frauen haben jeden Monat ihre Periode. Auch Sportlerinnen.

Als die Schwimmerin Fu Yuanhui bei den Olympischen Spielen in Rio nach einem Bewerb vor die Kamera trat und ihre schlechte Leistung damit erklärte, dass sie in der Nacht davor ihre Periode bekommen hatte, ging ein Aufschrei durch die (sozialen) Medien. Der Tenor: Igitt, bitte wer will das wissen? Später wird sie von internationalen Medien für den Tabubruch gefeiert. Ja, Frauen haben jeden Monat ihre Periode. Auch Sportlerinnen. Wozu also die Aufregung?

Durch diverse Foren und Bücher scheint das Thema Menstruation mehr und mehr in den Fokus zu rücken. Trotzdem rümpfen immer noch viele die Nase. Vor allem Begriffe wie Free Bleeding, also das freie Menstruieren, bei dem man das Blut kontrolliert auf der Toilette aus der Scheide presst oder eben einfach laufen lässt, schrecken ab. Für die Mehrheit der Frauen mit Bürojobs in westlichen Industrieländern scheint diese Methode tatsächlich nicht sehr praktikabel. 2015 wurde die Sportlerin Kiran Gandhi in sozialen Netzwerken wüst beschimpft und mit Mord bedroht, als sie sich traute, den London-Marathon ganz ohne Binde, Tampon oder Ähnliches zu laufen. Widerlich, unnötig, provokant.

Dabei wollte Gandhi auf ein wichtiges Problem aufmerksam machen: Millionen Frauen auf dieser Welt haben überhaupt keine Wahl, ob sie Free Bleeding praktizieren wollen, weil sie schlicht keinen Zugang zu Binden, Tampons und Ähnlichem haben. Free Bleeding bleibt die einzige Möglichkeit, während der Periode ihrer Arbeit nachzugehen oder die Schule zu besuchen. Auch die Gründerinnen der erdbeerwoche haben Erfahrung mit dem Thema.

Bettina Steinbrugger: „Wir haben zum Thema Mens­truation und Monatshygiene mit dem WDR eine Dokumentation in Indien gedreht. Dort haben nur rund 10 bis 15 Prozent der Frauen überhaupt Zugang zu Hygieneprodukten. Viele Mädchen fehlen deshalb fünf Tage im Monat in der Schule, die Frauen in der Arbeit. Der Bildungsrückstand – und letztendlich auch der Emanzipationsrückstand – ist auch darauf zurückzuführen.“

Im Frühjahr 2017 wurde unter 1.100 österreichischen Jugendlichen die erste repräsentative Umfrage zu Menstruation und Monatshygiene durchgeführt, um den Wissensstand und die Einstellung zu diesen Themen zu erheben. Die Ergebnisse legen erheb­liche Wissenslücken offen:

  • 60 % der Mädchen haben eine negative Einstellung zum Thema Menstruation.
  • 70 % der Buben ­finden das Thema unwichtig und peinlich.
  • 85 % der Mädchen und 88 % der Buben fühlen sich ausreichend über das Thema Menstruation informiert, haben aber Wissenslücken. 17 % der Mädchen und jeder dritte Bub wissen nicht, was Menstruation bedeutet.
  • 53 % der Buben glauben, Menstruation diene der Verhütung.
  • Rund die Hälfte der Mädchen und 80 % der Buben wissen nicht über Begriffe wie Menstruationszyklus oder Zykluslänge Bescheid.
  • 88 % der Mädchen geben an, unter Menstruationsbeschwerden zu leiden. Die häufigsten Beschwerden sind Kopfschmerzen, gefolgt von psychischen Problemen wie Stimmungsschwankungen. Jedes dritte Mädchen leidet unter Bauchkrämpfen. Nur die wenigsten Mädchen würden sich jedoch in der Schule einem Lehrenden anvertrauen, wenn sie unter Menstruationsbeschwerden leiden.
  • 73 % der Mädchen benutzen hauptsächlich Binden, 44 % Tampons.
  • Mehr als ein Drittel der Mädchen kennt die Menstruationskappe, aber nur 2 % nutzen eine.
  • Nur jedes dritte Mädchen hat sich bisher Gedanken zu den Umweltauswirkungen von Monatshygieneprodukten gemacht.
  • 95 % der Mädchen können nicht schätzen, wie viele Monatshygieneprodukte sie in ihrem Leben benutzen werden.

Damit irgendwann alle Frauen dieser Welt die Wahl haben, wie sie bluten wollen, gibt es unterschiedliche Aktionen.

Unter rubycup.com geht für jede verkaufte Menstruationstasse eine zweite an ein Mädchen in einem Entwicklungsland. Menstruations-Apps schießen aus dem Boden und sollen helfen, den eigenen Körper besser kennenzulernen, und in den USA gibt es mittlerweile eine eigene Industrie für Menarche-Partys. Die Menarche, so wird die erste Regelblutung genannt, wird groß gefeiert, mit Verwandten, Freundinnen und vielen rosa Accessoires. Bettina Steinbrugger: „Das ist bei uns zwar – noch? – kein Thema; aber dass man die Menarche in irgendeiner Art und Weise zelebriert, kann eine nette Sache sein.“

Gespräche über die Menstruation sind in den meisten Familien nach wie vor eine Seltenheit. Der Aufklärungsunterricht in den Schulen findet kurz und nur unzureichend statt. Mit dem Projekt erdbeerwoche­@school (siehe Infokasten) wollen Bettina Steinbrugger und Annemarie Harant gegensteuern. Steinbrugger: „Unser Ziel ist die flächendeckende Aufklärung zum Thema Menstruation und Monatshygiene an Schulen.“ Dafür wurde unter 1.100 Jugendlichen eine Umfrage gemacht, um den Wissensstand und die Einstellung zum Thema zu eruieren. 2018 soll mit dem Aufklärungsunterricht an Schulen begonnen werden. Zusätzlich wird es eine digitale Plattform geben, wo sich SchülerInnen informieren können.

„In den nächsten Jahren wollen wir mit diesen Maßnahmen flächendeckende Aufklärung unter Jugendlichen leisten. Der Tabubruch kann nur passieren, wenn Mädchen und Burschen gleichermaßen aufgeklärt sind“, so Steinbrugger.

Und zwar ganzheitlich. „Bis jetzt wurde im Unterricht nur auf die biologischen Vorgänge während der Mens­truation im Körper Rücksicht genommen. Gesundheitliche, ökologische, gesamtgesellschaftliche und selbst ökonomische Auswirkungen wurden völlig ausgeklammert. Da­rauf wollen wir den Fokus legen.“
Gerade bei so sensiblen Themen muss man aber sehr vorsichtig vorgehen: „Es ist eine Gratwanderung der Begrifflichkeiten. Bis zu einem gewissen Grad möchte man provozieren, aufrütteln. Aber man braucht auch ein Augenzwinkern, sonst schockiert man die Leute, und wenn die Tür einmal zu ist, bleibt sie auch zu.“

Dass Pionierinnen wie die Gründerinnen der erdbeerwoche und viele andere Projekte wertvolle Arbeit geleistet haben, zeigt die Fülle an Büchern zum Thema Menstruation, die derzeit den Markt erobern. Die deutschen Autorinnen Luisa Stömer und Eva Wünsch dominieren mit dem Bestseller Ebbe & Blut: Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus gerade den deutschen Sachbuchmarkt. Laut den Autorinnen wird dem weiblichen Zyklus „auf über 200 Seiten so viel Platz gegönnt, wie ihm zusteht.“ Es scheint fast so, als wäre die Zeit reif für den letzten Tabubruch unserer Gesellschaft. „Es geht hier nämlich nicht um eine Schürfwunde am Knie, sondern um nichts Geringeres als die Wiege des Lebens. Und die ist sehenswert.“ Sehen wir auch so.

Buch-Tipp:

Noch nie wurde unsere Menstrua­tion so spannend erzählt und wunderschön illustriert: Ebbe & Blut: Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus. Gräfe und Unzer, um € 24,70.

 

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