Wie übersteht man eine Trennung während der Coronakrise?

Eine Trennung mitten in Corona-Zeiten – geht das überhaupt? Wir fragen bei der Trennungsexpertin nach, wie man mit der psychischen Doppelbelastung fertig wird, wann man sich lieber nicht trennen sollte und wie man und trotz #stayathome einen Neustart machen kann.

Trennung in Zeiten von Corona

Die Corona-Krise hat uns alle in unterschiedlichen Lebensphasen erwischt. Eine Trennung ist ja an sich schon schwer. Aber wenn noch die erzwungene soziale Isolation dazu kommt, kann es zur psychischen Zerreißprobe werden. Beatrix Roidinger betreibt mit ihrer Kollegin Sabrina Limbeck die Trennungsambulanz, eine Beratungsstelle für Menschen, die unter extremen Trennungsschmerzen leiden. Sie verrät uns Tipps, wie man durch die Trennung kommt, und erklärt, warum vor allem Verlassene jetzt keinen Annäherungsversuch an den*die Ex starten sollten.

Beatrix, du hast ganz viel mit Menschen zu tun, die sich gerade getrennt haben. Wie geht es denen in dieser Zeit?

Beatrix Roidinger: Diese Situation verstärkt jetzt Gefühle. Weil das Gefühl von Alleinsein einfach viel mehr hochkommt. Viele, die sich getrennt haben, fühlen sich wieder zurückgeworfen an den Anfang: "Ich akzeptiere die Trennung nicht", "Ich weine dem Partner, der Partnerin nach", "Ich werde niemanden mehr finden". Wer eigentlich schon in der Phase der Neuorientierung war, ist jetzt mit voller Wucht zurückgeschmissen. Klar, kann man sich jetzt auch neu orientieren, aber das braucht schon sehr viel Resilienz und sehr viele Ressourcen, dass man das macht.

Man sehnt sich also wieder mehr nach dem Ex-Partner oder Partnerin. Ist es vernünftig, in der Situation einen Versöhnungsversuch zu machen?

Das kann und will ich nicht pauschal beantworten. Menschen haben sich aus unterschiedlichsten Gründen getrennt. Und ich kann mir schon vorstellen, dass sich in dem einen oder anderen Fall aufgrund dieser Krise eine Möglichkeit gibt, sich anzunähern. Warum nicht? Eine Gefahr birgt es schon, wenn die Trennung nicht konsensuell stattgefunden hat. Sprich: dass einer oder eine gegangen ist. Dann kann das für den anderen in diesem Einsamkeitsgefühl natürlich eine Re-Traumatisierung sein, wenn man probiert sich anzunähern und der oder die andere sagt "Nein, es ist meine Entscheidung, hör auf, ich will nicht mehr." Es kann sicher passieren, dass man sagt: "In der Krise halten wir zusammen." Aber es kann auch alles noch schrecklicher sein.

Was, wenn man schon länger an Trennung gedacht hat und die Situation jetzt besonders prekär wird. Ist es überhaupt ok von mir, wenn ich mich in so einer Zeit von meinem Partner, der Partnerin trennen will?

Ich würde empfehlen, es nicht zu tun. Ich würde sagen, das ist jetzt der ungünstigste Zeitpunkt, sich zu trennen.

Aber wie soll man weitermachen?

Es ist schwer zu sagen, aber ich würde im Moment versuchen, das Gemeinschaftliche, das Familiengefüge über das Eigene zu stellen. Sonst kann wirkliche etwas krachen gehen. Jetzt muss man schauen: wie sind die Ressourcen? Wenn jemand z.B. zwei Wohnungen hat und man sagen kann "Ok, ich gehe in die Gartenwohnung und du bleibst in der Stadt", ist es eine andere Situation, als wenn man zwei Kinder zu versorgen hat, die zuhause sind. Es ist immer auch die Frage: Wie geht man um mit so einer Krise? Manche werden ganz leise, ziehen sich zurück. Manche werden weinerlich, jammern. Und die dritte Version ist, sie werden aggressiv – und das ist die schlechteste Version. Das haben wir eh gehört in den Nachrichten. Wenn die Männer dann anfangen, aggressiv zu werden, dann ist es sicher besser, irgendeinen Weg zu finden, um sich zu separieren.

Nehmen wir an, jemand hat sich kurz vor den Quarantäne-Maßnahmen getrennt, lebt aber noch im selben Haushalt. Hast du Ratschläge, wie man das machen soll?

Jetzt eine Wohnung zu finden und zu übersiedeln – das ist schwierig. Wenn man gezwungen ist, im gleichen Haushalt zu leben, dann würde ich auch empfehlen, sich aus dem Weg zu gehen. Wichtig ist, wie bei normalen Trennungen ohne Corona: Abstinenz. Wer leidet, sollte aufhören, den anderen zu treffen und schauen, dass es so wenig Berührungspunkte wie möglich gibt - besonders am Anfang. Weil die einfach immer wieder Wunden aufreißen. Deswegen: so viel Abstand, wie es die Situation ermöglicht.

Was hast du noch für Ratschläge, wie man in der Zeit durch eine Trennung kommt?

Sich nicht zurückziehen in die innere Emigration. Schauen, dass man sich soziale Netzwerke erhält. Also sich nicht scheuen, anzurufen. Am besten mit Bildtelefonie – nicht nur reden, sondern auch wirklich jemanden sehen. Und: Es gibt sehr viele Beraterinnen und Berater wie uns. Es hilft manchmal ein, zwei mal ein Gespräch zu führen. Weil ja die anderen sozialen Auffangnetze nicht so in der Form wirksam sein können.

Man hat ja oft die Arbeit nicht, wo man Kolleginnen und Kollegen trifft, und man kann auch nicht fortgehen…

Richtig. Abgesehen davon: Nutzt die Möglichkeit rauszugehen. Licht und Bewegung und frische Luft – so banal das klingt – sind wichtig. Es gibt den schönen Spruch: Man kommt anders nachhause als man rausgegangen ist. Auch wichtig: Diese Online-Sport-Möglichkeiten annehmen. Und die Zeit versuchen zu nutzen. Jetzt Pläne schmieden: Was könnte man danach machen? Recherchieren: Bücher, Kurse – wirklich schon zukunftsorientiert sein. Sich bewusst machen: Es gibt ein Leben danach. Also den Fokus auf das legen, was man selber beeinflussen kann. Den Ex-Partner kann ich nicht mehr beeinflussen, die Corona-Situation kann ich auch nicht beeinflussen.

Kann es auch ein Vorteil haben – diese Isolation im Moment – dass man mal ganz auf sich selbst fokussiert alleine zuhause ist, ohne Ablenkungen, und mit allem in Ruhe abschließen kann?

Das finde ich auf jeden Fall. Wenn man es schafft, in einen Rhythmus zu kommen – in jeder Hinsicht – dann kann es auch sein, dass man diese erzwungene Pause nutzen kann, um sich auf sich zu beziehen. Vielleicht ein Tagebuch beginnt, bewusst aufschreibt, nicht nur: Auf was freue ich mich? Sondern auch: Wofür bin ich – trotz allem – bewusst dankbar? Mit Meditieren anfangen. Es gibt ganz viele geführte Meditationen, die man gratis am Handy verwenden kann. Das sollte man echt jeden Tag machen.

Das klingt schön. Gibt es zum Abschluss noch irgendeinen positiven Ausblick für frisch Getrennte?

Auf jeden Fall. Ich sage immer allen: Ich kann nicht in die Zukunft schauen, aber etwas kann ich euch garantieren, es wird sich verändern. Es wird besser. Der Zustand, so wie er jetzt ist, der bleibt nicht. Dieses Gefühl, dieses schreckliche Gefühl, das immer wieder da ist und so viel Verzweiflung hervorruft, das ändert sich. Ganz sicher.

 

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