Wie sollten Eltern am besten auf das Coming-out ihrer Kinder reagieren?

Und wie können sich diese von den falschen Vorstellungen an das Leben des Kindes lösen? Wir haben mit Psychotherapeutin Elisabeth Cinatl gesprochen.

Wie sollten Eltern am besten auf das Coming out ihrer Kinder reagieren?

Ein Kind wächst heran und es wird häufig automatisch von den Eltern und der Umwelt angenommen, dass dieses Kind heterosexuell ist und das Geschlecht empfindet, das ihm*ihr bei der Geburt zugewiesen wurde. In vielen Fällen ist dies nicht der Fall und für Eltern ist das teilweise ein Schock. Diese müssen sich dann von den Vorstellungen und Erwartungen, die sie an das Kind hatten, lösen. Wir haben mit Psychotherapeutin Elisabeth Cinatl gesprochen, wie Eltern am Besten auf ein Coming-out reagieren und wie diese sich von den falschen Erwartungen an ihre Kinder lösen können.

WIENERIN: Das Kind outet sich. Was sollten Eltern im Kopf haben, bevor sie reagieren?

Elisabeth Cinatl: Viele Eltern beschreiben das Coming-out ihres Kindes als Schock. Sie fühlen sich erstarrt und ohnmächtig. Daher fällt es ihnen schwer, die Situation und das Coming-out ihres Kindes wahrzunehmen.

Für Eltern ist es oft hilfreich, sich den Prozess ihrer Kinder vor Augen zu führen und konkret danach zu fragen. Gerade wenn Eltern das Gefühl haben, dass das "nur eine Phase ist" oder "nur von dem neuen Freundeskreis kommt", sollten sie Interesse für den Weg, den die Kinder bereits innerlich bereits zurückgelegt haben, zeigen.

Kinder, die sich als gleichgeschlechtlich, bisexuell, transident oder non-binär empfinden, informieren ihre Eltern, damit es ihnen besser geht, in der Hoffnung Unterstützung zu erhalten und mit dem Wunsch, dass Eltern die Lebensrealität und Zukunftspläne akzeptieren. Sie wollen glücklich sein, und das können sie vor allem dann, wenn Eltern den Weg gemeinsam mit ihnen gehen. Ein Coming-out ist immer auch ein großer Vertrauensbeweis und zeigt, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kind von großem Vertrauen und Zuversicht geprägt ist. Es zeigt, dass Eltern ihrem Kind Stärke, Mut und Selbstwert mitgegeben haben.

Wie schaffen es Eltern, dass sie ihrem Kind nicht das Gefühl geben, dass dieses sie enttäuscht hat?

Wenn es Eltern gelingt, das Coming-out des Kindes als "Beweis" für die gute Beziehung zu sehen, in der so viel Vertrauen besteht, dass sich das Kind anvertrauen kann, werden Kinder diese Wertschätzung spüren.

Das Gefühl der Enttäuschung zeigt, dass Eltern ein anderes Bild hatten, das nicht zur Realität passt – dies ist auch Teil des Ablösungsprozesses der Kinder und kommt bei vielen Themen und Entscheidungen der Kinder vor (Berufswahl, Parnter*innenwahl, Wohnort…). Es ist aber auch gleichzeitig eine Chance des "Neu-Kennenlernens", (wieder) neugierig auf die Wünsche und den Lebensplan des Kindes werden und ins Gespräch zu kommen.

Wie schaffen es junge Eltern sich erst gar keine Vorstellungen zu machen?

Hier können die Erkenntnisse des amerikanischen Biologen Alfred Kinsey hilfreich sein. Kinsey hat in den 1950er Jahren zwei große Studien zum Sexualleben von Frauen und Männern durchgeführt. Er unterschied zwischen Partner*innenwahl, Sexualleben, erotische Anziehung, sexueller Reiz etc. und es zeigte sich, dass der Großteil der befragten Personen nicht eindeutig heterosexuell, aber auch nicht eindeutig homosexuell orientiert waren, sondern bisexuell. Demnach ist die sexuelle Orientierung nicht schwarz oder weiß.

Genauso verhält es sich im Bereich geschlechtliche Identitäten. Es gibt ein breites Spektrum an Geschlechtsidentitäten, die von Frau bis Mann reichen. Die gesellschaftliche Reduktion auf zwei sexuelle Orientierungen bzw. geschlechtliche Identitäten wird demnach der Vielfalt des Menschen, seiner Sexualität und Liebensfähigkeit nicht gerecht.

Welche Aussagen sollten Eltern nicht machen, um keinen Druck auf die Kinder auszuüben?

Es geht sowohl um den Inhalt einer Aussage als auch um die Haltung und die Emotion, mit der Eltern ihren Kindern begegnen. Es kann sein, dass Eltern aufgrund ihrer eigenen Gefühle Aussagen treffen, die ihnen im Nachhinein leidtun. Eine Eltern-Kind-Beziehung, die von Wertschätzung, Respekt und Vertrauen getragen ist, hält solche Aussagen aus, wenn Eltern im Gespräch bleiben.

Es gibt allerdings Aussagen, die sehr verletzend sein können bzw. sind, bei denen es längere Zeit braucht, um zu heilen: "Wenn du so bist, bist du nicht mehr unser Kind!" oder "So wirst du nie glücklich werden!". Druck können auch Aussagen wie "erzähl das nicht der Oma, denn die wird einen Herzinfarkt bekommen" oder "was werden jetzt die Nachbarn denken" machen. Vor allem in der ersten Zeit nach dem Coming-out sollte es um das Kind, die Eltern und die Eltern-Kind-Beziehung gehen, und nicht um den "Rest der Welt".

Was sollten sich Eltern im Umgang mit ihren Kindern immer vor Augen halten?

Wichtig ist, sich Zeit für die Auseinandersetzung mit dem Kind und auf der Elternebene, in der Familie und mit weiteren Personen zu nehmen. Es können sich Phasen der Akzeptanz mit Phasen von Unsicherheiten und Ängsten abwechseln. Das gehört zum Prozess dazu. Auch Eltern durchlaufen einen Coming-out-Prozess als Eltern eines LGBT+-Kindes.

Es gibt Zeiten, in denen Eltern sehr klar und auch mutig sind und es gibt Zeiten, in denen sie unsicher sind. In der Beziehung und im Gespräch zu bleiben, ist für alle in dieser Zeit wichtig. Es geht darum, einander zuzuhören, da zu sein, in einem respektvollen Miteinander die jeweiligen Positionen, Gefühle und Gedanken auszutauschen.

Die Kinder und auch externe Berater*innen haben ein großes Wissen, welches auch für Eltern sehr unterstützend sein kann, damit sich Eltern und Kinder gemeinsam auf den weiteren Weg machen können. Jedes Kind bleibt derselbe Mensch wie vor dem Coming-out, Eltern kennen ihr Kind nun nur noch besser.

 

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