Wie sich junge Frauen mit veralteten Rollenbildern identifizieren

Stereotypen, Geschlechterstereotypen, Rollenbild

Das Rollenbild, das auf Instagram und YouTube am erfolgreichsten präsentiert wird, gleicht jenem aus dem 50ern. Das belegt nun eine von der "MaLisa-Stiftung" in Auftrag gegebene Studie, im Rahmen derer die 100 größten YouTube-Kanäle in Deutschland analysiert wurden. Die Studienergebnisse wurden vergangene Woche in Berlin präsentiert. Daraus geht klar hervor, dass Frauen vor allem mit stereotypen Inhalten wie Mode, Beauty und Food erfolgreich sein können. Männliche Kollegen decken mit Entertainment, Games, Politik, Sport, Comedy uvm. ein deutliche breiteres Themenspektrum ab. Zudem kommt: Die Interessen der Frauen werden als Hobbies wahrgenommen, während sich Männer auf ihren jeweiligen Themenfeldern als Experten inszenieren. Damit wird ein in der analogen Welt bekanntes Phänomen nun nachweislich auch in sozialen Medien reproduziert.

Finanzierungsmodell als Ursache für Stereotypen

Das Versprechen, dass auf Plattformen wie Instagram oder YouTube jede*r die Möglichkeit hat, die eigene Identität darzustellen, bewahrheitet sich demnach nur bedingt. Was in der Theorie grundsätzlich möglich ist, ist in der Praxis laut der Untersuchung kaum umsetzbar. Schließlich gilt: Je stereotyper ein Kanal, desto klarer und verständlicher die Zielgruppe. Diese klare Abgrenzung ist auch für potentielle Kooperationspartner*innen ideal. Die Forscherinnen sehen in ebendiesem Finanzierungsmodell der Influencer*innen die Ursache, dass weiterhin alte Geschlechterstereotypen reproduziert werden. So versinken Plattformen, auf denen eigentlich Identität gefeiert werden könnte, im Einheitsbrei.

Bildoptimierung: Heidi Klums Fans wollen weiße Zähne

Besonders auf Fotobloggingplattformen ist die Daumenregel für Blogger*innen: Je perfekter ein Bild, desto eher werden damit auch Werbepartner*innen auf das eigene Profil aufmerksam. Dass das Veröffentlichen von perfekt inszenierten Bildern auch Auswirkungen auf die Konsumierenden ebendieser Bilder hat, ist klar: Laut der Studie sollen vor allem Mädchen ihre eigenen Schnappschüsse mit den Fotos der Influencer*innen vergleichen. Die daraus entstehenden gefühlten Defizite werden laut Analyse mit Filtern, Weichzeichnern und Aufhellern versucht wegzutricksen. Die Untersuchung konnte sogar rückschließen, welche Bildoptimierungen die Followerschaft welcher Influencerinnen vornimmt. So hellen sich Heidi Klums Fans in Fotos auffallend oft ihre Zähne auf. Abonnentinnen der YouTuberinDagi Bee optimieren siginifikant öfter ihre Haut. Bei Männern dient die Nachbearbeitung der Fotos am häufigsten dafür, breitere Schultern, mehr Muskeln und einen dichteren Bart zu schummeln.

Authentizität bleibt auf der Strecke

Der Optimierungsdruck wird demnach als Ursache für die starke Normierung und Stereotypisierung in sozialen Medien vermutet. Authentizität und Vielfalt bleiben nachweislich auf der Strecke. Eine, die sich genau dagegen auflehnt und speziell auf Instagram für mehr Realität plädiert, ist Bloggerin Marion Payr. Mit ihrem Account @ladyvenom ist sie Reise-Instagrammerin der ersten Stunde. Sie kennt die Dynamiken hinter der Fotobloggingplattform und hatte das Ergebnis der Studie demnach schon vermuten können: „Die Ergebnisse haben mich nicht fürchterlich überrascht. Leider. Nichtsdestotrotz ist es schockierend, wenn man jetzt Schwarz auf Weiß liest, welche Einflüsse große Accounts haben“, so Marion Payr gegenüber der WIENERIN. Die Studie der "MaLisa-Stiftung" hatte zwar hauptsächlich den Mode- und Beauty-Bereich im Fokus, aber „nachdem ich im Reisebereich sehr aktiv bin, sehe ich, dass es hier ähnlich ist. Das ist so schade. Gerade bei einem Thema, bei dem man meint, es ginge eben genau nicht darum, Druck auf junge Leute auszuüben und vorzugeben, wie sie oder ihre Körper auszusehen hätten. Es ist traurig, dass es selbst bei dem Thema Reisen nicht mehr darum geht zu sagen: ‚Hol‘ dir Inspiration, Entspannung und einen neuen Blick auf die Welt in deinem Urlaub!‘ Nein. Es wurde zu: ‚Schau‘, dass du gut aussiehst in deinem Urlaub. Du musst dein bestes Ich in der Landschaft präsentieren!‘“, erklärt die Bloggerin aktuelle Entwicklungen.

Aus „Schau dir die Welt an!“ wurde „Die Welt schaut dich an!“

Die Phänomene, die in der Studie erforscht wurden, gibt es in der analogen Welt schon lange: „In diversen Magazinen und bei Mode- und Beauty-Werbungen wurde ja immer schon kritisiert, dass die Models unnatürlich schön retuschiert werden. Der Reisebereich war früher davon eher unberührt. In Reisemagazinen ging es immer um die Destinationen, Erlebnisse und Erkenntnisse vor Ort. Das hat sich durch Social Media gewandelt – speziell bei Frauen. Wir werden jetzt plötzlich zu den Protagonistinnen der Geschichte“, weiß Marion Payr. Das Resultat dieser Entwicklung ist klar: „Es geht nicht mehr darum, die Augen auf die Welt zu richten, sondern umgekehrt. Es geht darum, wie die Augen der Welt auf dich als reisende Person gerichtet sind. Das ist eine extrem schwierige Entwicklung.“ Ebendiese Veränderungen und die veröffentlichten Studienergebnisse wollte Marion daher nicht so stehenlassen und plädierte via Instastories bei ihrer Community für mehr Realität auf Instagram. Die Message: Holen wir uns den Hashtag #femaletravelbloggers von den perfekt inszenierten Bildern zurück und fluten wir ihn mit realistischeren Travelstories! Aktuell finden sich also unter dem Hashtag nicht nur normschöne Frauen in fließenden Kleidern vor traumhafter Kulisse, sondern auch Reisende, die gegen Wind und strömenden Regen kämpfen sowie Roomtours aus Billighostels.

Wollen wir wirklich mehr Realität?

Marions Aufruf hat einen Nerv getroffen, so viel ist klar. Binnen kürzester Zeit postete ihre Followerschaft eine Vielzahl an realistischem Travel-Content. Bleibt nur die Frage: Wollen wir, die Social-Media-Konsumierenden, tatsächlich mehr Realität? Einerseits äußern viele den Wunsch nach mehr Realität und weniger Inszenierung, andererseits signalisieren wir mit unserem Nutzungsverhalten genau das Gegenteil. Ein Blick auf die Interaktionsraten zeigt schnell: Perfekt inszenierte Shooting-Bilder werden mit mehr Likes betont als der „echte“ Schnappschuss. Dieser Diskrepanz ist sich Marion bewusst: „Ich bin natürlich keine Psychologin, aber ich glaube schon, dass die Ursache in unserem Innersten liegt. Unser Hirn springt halt auf schöne Dinge an. Dazu kommt, dass Social Media ein extrem schnelles Nutzungsverhalten hat. Du verbringst auf jedem Foto nur ein bis zwei Sekunden. Es ist ja auch belegt, dass jedes Like, das wir bekommen, Dopamin ausschüttet. Ich glaube, in dieser Hinsicht sind wir ganz primitiv“, weiß die Instagrammerin. Diese Verhaltensmuster versucht Marion auszutricksen, in dem sie Accounts, die ihr kein gutes Gefühl geben, entfolgt und ganz bewusst Fotos liked, die sie nicht gleich auf den ersten Blick als ästhetisch wahrnimmt – und vor allem fängt sie auch bei sich selbst an: Obwohl exzessive Selbstdarstellung mit Likes belohnt wird, zeigt sich Marion unter @ladyvenom bewusst nicht als Protagonistin auf den Bildern. Den Dopamin-Kick holt sie sich dann lieber wo anders – etwa über ernst gemeinte Komplimente wie sie schmunzelnd erzählt: „Am meisten freut es mich, wenn jemand anerkennt, dass ich selbst schöne Fotos mache. Es passiert noch immer so oft, dass mich Leute fragen, wer denn meine Fotos macht. ‚Macht die dein Mann?‘ wird dann gefragt. Aber stellt euch vor: Nein. Ich. Ich als Frau bin fähig auch selbst schöne Fotos zu machen.“

Zur "MaLisa-Stiftung"

Die Stiftung wurde von Schauspielerin Maria und Tochter Lisa Furtwängler gegründet mit dem Ziel, geschlechtliche Ungleichgewichte zu untersuchen und Diversität in den Medien sichtbar zu machen. Bereits im letzten Jahr wurde eine breite Studie rund um Geschlechterdiversität in Film und Fernsehen vorgestellt.

Verleger Hubert Burda, Ehemann von Maria und Vater von Lisa, verdient als Leiter der "Hubert Burda Media Gruppe" mit Medienmarken wie Playboy, InStyle oder Bunte sein Geld.

 

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