Wie man über sexuelle Gewalt berichten soll

Eine Mail aus dem Innenministerium schlägt vor, in der Kommunikation von sexuellen Gewaltdelikten die Herkunft des Täters jedenfalls bekannt zu geben und verstärkt über Sexualstraftaten im öffentlichen Raum zu informieren. Das bildet die Realität in Österreich nur bedingt ab.

Es sind vier Seiten aus dem Innenministerium , die für Unruhe im Land sorgen. Das Schreiben betrifft die künftige Kommunikation der Landespolizeidirektionen mit MedienvertreterInnen. Von Zurückhaltung gegenüber kritischen Medien ist da unter anderem die Rede, von einem neuen Fokus bei Sexualdelikten und der Nationalität von mutmaßlichen Tätern – die soll „hinkünftig“ in allen Aussendungen benannt werden. Laut Schreiben gehe es dabei um eine größtmögliche Transparenz. Ganz so einfach ist das aber nicht.

"Die Frage ist immer, wofür und wozu diese Bekanntgabe dienen soll", sagt Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser. Innenminister Herbert Kickl sprach am Mittwoch in seiner Beantwortung der parlamentarischen Anfrage der NEOS davon, eine „verfehlte Zuwanderungspolitik sichtbar [zu] machen“. Eine problematische Kommunikationsstrategie. "Es birgt die Gefahr, dass bestimmte Nationalitäten, etwa "die Türken" oder "die Tschetschenen" etc., instrumentalisiert werden“, warnt Rösslhumer. „Nach dem Motto: Die Ausländer sind alle Verbrecher und Sexualtäter. Und das stimmt nicht."

Täterprofil: Österreicher?

Tatsächlich sieht die Realität anders aus: 2017 wurden 60,9 Prozent aller in Österreich angezeigten Fälle von österreichischen Staatsbürgern verübt. Bei den Sexualstraftaten waren 2015 sogar fast 80 Prozent der verurteilten Täter Österreicher.

Auch die Forderung, man möge Sexualdelikte im öffentlichen Raum verstärkt kommunizieren, möge diese Fälle „proaktiv aussenden“, entspricht nur bedingt der Realität der Frauen in Österreich. "Der größte Anteil an Übergriffen an Frauen passiert nicht in der Öffentlichkeit," bestätigt Rösslhumer. "Es ist nicht der dunkle Park, sondern die eigenen vier Wände, wo die größte Gefahr besteht. Dort, wo Frauen sich sicher fühlen sollten."

Fast 5.000 Sexualdelikte, wurden laut Kriminalstatistik 2017 angezeigt, etwas weniger als die Hälfte davon sind Delikte mit physischer Gewalt. Und die geschehen im nahen Umfeld: Zwei von drei angezeigter Gewalttaten sind Beziehungstaten, Täter und Opfer kennen sich. 8.755 Männern wurde 2017 polizeilich verboten, sich ihren Ex-Partnerinnen zu näheren, weil sie gewalttätig waren. 18.860 Opfer familiärer Gewalt wurden in Gewaltschutzzentren und Interventionsstellen betreut. Der Fremde auf der Straße, der Frauen bedroht und belästigt, ist zwar eine reale, aber weitaus kleinere Gefahr. Das sollte laut Rösslhumer der Öffentlichkeit auch so kommuniziert werden: „Nur über Übergriffe im öffentlichen Bereich zu berichten ist einseitig und sehr gefährlich. Es schürt die Angst vor Fremden und isoliert Frauen und ruft Männer auf, Frauen in der Öffentlichkeit beschützen zu müssen. Das ist ein vollkommen falscher Ansatz.“

"Der Fremde auf der Straße, der Frauen bedroht und belästigt, ist zwar eine reale, aber weitaus kleinere Gefahr."

Sexuelle Gewalt gehört zum Alltag von Frauen. Jede fünfte Österreicherin hat seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren, jede dritte eine Form von sexueller Belästigung. Das ergab eine weltweit repräsentative Dunkelfeldstudie zu Gewalt an Frauen 2014. Eine von neun Frauen hatte in den letzten 12 Monaten vor der Befragung Angst vor körperlicher oder sexueller Gewalt. Eine einseitige Berichterstattung, die die Realität der Gewalt gegen Frauen verzerrt; die tut, als würde sexualisierte Gewalt nur in der Öffentlichkeit passieren, kann Auswirkungen auf das subjektive Sicherheitsgefühl haben. "Frauen werden verängstigt. Sie trauen sich nicht mehr vor die Türe," sagt Rösslhumer.

Sensible Berichterstattung

Das bedeutet nicht, dass über sexuelle Gewaltdelikte nicht berichtet werden soll - im Gegenteil. „Gewalt gegen Frauen muss öffentlich und medial kommuniziert werden, aber verantwortungsvoll im Sinne des Opferschutzes“, fordert Rösslhumer. Eine differenzierte Berichterstattung über Gewalt an Frauen kann Betroffenen - Opfern wie Tätern! - helfen, eine Außensicht auf die eigenen Erlebnisse zu bekommen. Nicht umsonst verzeichnen Beratungsstellen nach Medienberichten einen Zuwachs an Anrufen.

Nur ist gerade bei Gewalt an Frauen in der Berichterstattung ein sensibler Umgang nötig. "Gewalt darf nicht verharmlost dargestellt werden", warnt Rösslhumer. Auch sollten Medien wie Polizei keinesfalls Victim Blaming betreiben, bei dem dem Opfer die Schuld an der Gewalttat gegeben wird. Diese Schuldzuschreibungen kennt Rösslhumer schon: "Wäre sie nicht alleine in der Nacht ausgegangen. Hätte sie sich doch nicht so sexy angezogen..." Der Verein der autonomen Frauenhäuser hat 2014 einen Leitfaden zur gewaltfreien Berichterstattung veröffentlicht. Das Credo: Hilfe aufzeigen, Orientierung und Perspektiven bieten.

Kein Einfluss auf die Pressearbeit

In den Landespolizeidirektionen der Länder herrscht nach dem Mail jedenfalls keine große Aufregung. Die Landespolizeidirektion Wien kommuniziert Gewaltdelikte generell, wenn öffentliches Interesse besteht – also bei Gewaltserien, zur Prävention oder eben bei Taten, die im öffentlichen Raum geschehen. "Bei Fällen im öffentlichen Raum halten wir schon bisher nicht hinter dem Berg, sofern nicht kriminaltaktische Gründe, etwa eine laufende Observation, dagegen sprechen", sagt Hofrat Mag. Manfred Reinthaler, Pressechef der LPD Wien. "Beim Großteil der Sexualstraftaten, in etwa 80 Prozent der Fälle, besteht aber eine Täter-Opfer-Beziehung. Bei solchen Taten im familiären Bereich könnte die Identität des Opfers leicht nachvollzogen werden, deswegen wird hier zumeist von einer Veröffentlichung abgesehen. Es ist eine Frage der Prioritäten."

Die Empfehlungen aus dem Innenministerium bedeuten für die LPD Wien „keine Änderungen im täglichen Gebrauch unserer Medienarbeit“. Bis auf die Nennung der Staatsbürgerschaft bei Verdächtigen – und hier hat die LPD Wien keine Bedenken. "Wenn alle benannt werden (ÖsterreicherInnen wie Ausländer, Anm.), ist das für uns in Ordnung", hielt der Pressechef fest. "Wenn die fachvorgesetzte Behörde darum ersucht, das zu machen, tun wir das natürlich."

 

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