Wie man sich als Frau Autorität verschafft

Clara Maria Bauer ist 24 Jahre alt und gerade dabei, Dirigentin zu werden. Sie ist eine der wenigen Frauen in diesem Bereich. Mit uns hat sie mit über Sexismus, musikalische Visionen und weibliche Führungskraft gesprochen.

„Mit 13 habe ich meiner Mutter erklärt, dass ich Dirigentin werden will“, erinnert sich Clara Maria Bauer. Damals durfte sie beim Wiener Töchtertag unter Anleitung von Stardirigent Fabio Luisi bei den Wiener Symphonikern zum ersten Mal den Taktstock schwingen. Heute ist sie 24, bald fertig ausgebildete Dirigentin an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien – und gerade dabei, ein eigenes Ensemble zu gründen: die Alma Mahler Philharmonie. Dass Frauen anders dirigieren als Männer, hält sie für ein Klischee. Widerstände gegen Dirigentinnen hat sie allerdings schon selbst erlebt.

Gleich mal die klassische Banausen-Frage zu Beginn: Wozu braucht es überhaupt Dirigenten? Kann das Orchester das nicht ohnehin schon?

(lacht) Keine Sorge, die Frage höre ich sehr häufig. Die meisten Menschen sehen auch nur das Konzert, wo der Dirigent dann vorne steht. Das ist aber nur ein Teil des Berufs. Ganz vorweg muss ich mal die Partituren perfekt studieren. Mir über die Zeit Gedanken machen. Genau wissen, warum hat der Komponist oder die Komponistin welchen Ton an diese Stelle schreibt. Zweiter Schritt ist die Probenarbeit, wo ich wirklich detailliert mit den Musikern und Musikerinnen probe. Und dann kommt erst der dritte Teil, die Konzert- oder Opernaufführung. Und als Dirigentin zeige ich nicht nur, WAS dort steht, sondern auch WIE die Musik funktioniert. Und das steht oft nicht in den Noten.

Dirigieren Frauen irgendwie anders als Männer?

Das ist ein Klischee, dass sehr verbreitet ist. Da sag ich ganz klar nein. Es gibt enorme Unterschiede im Dirigat von einzelnen Personen. Auch aus welchem Land man kommt oder wie der Körper gebaut ist, welche Dirigentenschule man absolviert hat, spielt eine viel größere Rolle als das Geschlecht. Meine Universität, die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, ist sehr international und jeder dirigiert sehr anders. Ich sag ganz klar, es gibt keine Art von weiblichem Dirigat – oder wie es auch immer als Klischee gedacht wird.

Ist es schwieriger, sich als Frau in dem Bereich durchzusetzen?

Ich hab schon Situationen erlebt, wo ich es als Frau schwieriger hatte. Ich habe ältere Orchestermusiker erlebt, die sich nicht von einer Frau dirigieren lassen wollen. Aber wenn dann eine Frau dirigiert, und die merken: das funktioniert und die kann musikalisch viel – dann ändern sich auch die Meinungen. Also ich glaube schon, dass da ein Umbruch gerade vonstattengeht.

Siehst du es auch ein bisschen als deine Mission, da etwas aufzubrechen? Oder ist das einfach nur etwas, das du für dich selbst machst?

Ich würde mich freuen, wenn ich nur Musik machen könnte und das Frauenthema keine Rolle mehr spielt. Momentan gibt es noch so wenige Frauen – und vor allem: so wenige, die sich überhaupt zum Studium bewerben. Deswegen sehe ich es zwar nicht als meine Mission – aber sicherlich als einen Aspekt, den ich versuche zu berücksichtigen. Und es ist auch sicher ein Grund, dass ich jetzt z.B. dieses Interview mache, dass ich jungen Frauen Mut machen will, sich zumindest dafür zu bewerben.

Braucht man fürs Dirigieren eine besonderes Führungsbedürfnis oder eine bestimmte Dominanz?

Ja. Auf jeden Fall. Es ist ein Beruf, bei dem ich ein ganzes Orchester führe oder einen Chor führe. Dominanz ist ein Wort, das manchmal negativ besetzt wird. Ich glaube schon, dass es sich da auch etwas am Führungsstil geändert hat. Dass ein sehr kollegialer Umgang jetzt bei Dirigenten und Orchestern gewünscht ist.

Wie verschafft man sich denn die nötige Autorität? Wie lernt man zu führen?

Für mich selber: Ich weiß genau, was ich will. Und sobald ich im Tun bin, denke ich nicht darüber nach, ob sie mir jetzt folgen, sondern ich spüre, dass es funktioniert. Ob das irgendwie etwas Gegebenes ist – ich weiß es nicht. Natürlich kann man auch führen lernen und auch Probentechnik lernen. Aber gewisse Überzeugungskraft muss schon vorhanden sein, denke ich.

Du bist gerade dabei ein Ensemble zu gründen – die Alma Mahler Philharmonie. Was ist deine Vision für dieses Projekt?

Das ist eine Gruppe von talentierten jungen Musikerinnen und Musikern. Wir wollen neue Konzertformate mit neuen Räumlichkeiten auszuprobieren und auch die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts harmonisch einzubinden. Vielleicht auch die Verbindung mit anderen Künsten. Also vor allem alte Konzerttraditionen aufzubrechen, ist eine Vision der Alma Mahler Philharmonie.

 

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